Spurensuche am Rio ItaquaÍ : Letzte Reise auf dem Fluss

Nr. 38 -

Hinterrücks ermordet im hintersten Amazonas: Der Tod eines brasilianischen Umweltschützers und eines britischen Reporters sorgte international für Empörung. Ein Recherche vor Ort, wo Indigene unter anderem den Fisch Pirarucu vor Wilderern und der Umweltmafia zu schützen versuchen.

Kinder vor einem plastischen Wandgemälde in einem Park in Atalaia do Norte
Strassen gibt es keine, die Flüsse sind Lebensadern und Verkehrswege im Amazonasbecken: Plastisches Wandgemälde in einem Park in Atalaia do Norte.
Absperrband der ­Bundespolizei markiert den Tatort im Dschungel
Absperrband der ­Bundespolizei markiert den Tatort im Dschungel.

Gelbes Absperrband flattert am Ufer des Rio Itaquaí. «Bundespolizei – Nicht betreten», steht in Portugiesisch darauf. Die Aufforderung wirkt seltsam hier, mitten im Dschungel. Der Wald ist still in der brütenden Mittagshitze, nur das Krächzen einiger Papageien und das Summen der Insekten sind zu hören. Warm und braun mäandert der Itaquaí, das nächste Städtchen, Atalaia do Norte, liegt zwei Bootsstunden flussabwärts. Auf dem Weg dorthin kommt man an drei winzigen Fischergemeinden vorbei, Strassen gibt es keine. Brasilien grenzt hier an Peru und Kolumbien, die Region ist eine der abgelegensten Ecken Südamerikas.

Hinter dem Absperrband ist die Ufervegetation leicht aufgebrochen, Büsche wurden zur Seite gebogen, Äste geknickt. Es ist die Stelle, an der vor drei Monaten ein Verbrechen geschah, das rund um die Welt Schlagzeilen machte. Zwei Männer verschwanden, sie wurden erschossen, wie man heute weiss, ihre Körper verbrannt, zerstückelt und tief im Dschungel vergraben.

Das Boot der beiden raste hier am Morgen des 5. Juni ins Ufer. Der Mann am Steuer hatte, von einer Kugel in den Rücken getroffen, die Kontrolle verloren. Zwei Angreifer waren von hinten gekommen und wegen des Motorenlärms wohl unbemerkt geblieben. Nun näherten sie sich dem havarierten Boot ihrer Opfer, dem verletzten Steuermann, gross, kräftig, mit Bauch und dunklem Vollbart; und einem schlanken Ausländer mit blauen Augen und ergrauten Haaren, zu Tode erschrocken und mit erhobenen Armen. So haben es später die Mörder ausgesagt. Und dass sie auf diesen Moment gewartet hätten. Zwar hätten sie nicht gewusst, wer der Mann mit den blauen Augen gewesen sei. Aber es war ihnen egal. Der Grosse sollte sterben, weil er ihre Geschäfte störte. Der Blauäugige hatte Pech.

Pressefrühstück mit Bolsonaro

Es ist gut möglich, dass der Doppelmord nie aufgeklärt worden wäre, wenn der Mann mit den blauen Augen nicht der englische Journalist Dominic «Dom» Mark Phillips gewesen wäre. Er lebte seit 2007 in Brasilien und galt als einer der erfahrensten Korrespondenten im Land, hatte für die «Washington Post», die britische «Times» und den «Guardian» gearbeitet. Die besondere Leidenschaft des 57-Jährigen galt dem Amazonas, der mit zunehmendem Tempo zerstört wird, seit Jair Bolsonaro Brasiliens Präsident ist. Seine Regierung hat den Umwelt- und Indigenenschutz zurückgefahren. Seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren wurden neue Rekordflächen an Wald vernichtet. Es geht um wertvolles Holz sowie Land für Rinderweiden, Sojafelder, Minen und die Spekulation.

Dom Phillips traf einmal auf Bolsonaro. Bei einem Pressefrühstück 2019 fragte er ihn nach der Abholzung. Verärgert antwortete Bolsonaro: «Als Erstes musst du begreifen, dass Amazonien Brasilien gehört und nicht euch.» Zuletzt reiste Phillips häufig in den Amazonas, um für ein Buch über Strategien zum Schutz des Waldes zu recherchieren. Aber von alldem wussten seine Mörder nichts. Es war in gewisser Weise ihr Pech.

Es war der internationale Druck nach Phillips’ Verschwinden, der zum schnellen Handeln des brasilianischen Staates führte. Er schickte Armee, Marine und Bundespolizei in die Gemeindehauptstadt Atalaia do Norte. Dass ohne Phillips niemals eine solche Show veranstaltet worden wäre, ist eine Einschätzung, die man hier häufig hört.

Phillips war an jenem Morgen mit Bruno Pereira unterwegs, einem Anthropologen, der für Brasiliens Indioschutzbehörde Funai arbeitete. Der 41-Jährige galt als Experte für die letzten isoliert lebenden Ureinwohner:innen Brasiliens und wurde 2018 zum Chefkoordinator für diese Gruppen ernannt. Nur ein Jahr später wurde er von der Bolsonaro-Regierung strafversetzt. Zuvor hatte Pereira eine erfolgreiche Aktion gegen illegale Goldsucher:innen in Vale do Javari geleitet, dem zweitgrössten Indigenenreservat Brasiliens, das nicht weit von hier liegt. Das passte Bolsonaro nicht, der häufig klargemacht hat, dass er die Funai für überflüssig hält. Er hat ihre Kompetenzen drastisch beschnitten, Schlüsselpositionen mit fachfremden Militärs besetzt und Personal im Feld abgebaut. Pereira zog die Konsequenzen, bat um seine Beurlaubung und begann, den Indigenen im Reservat Vale do Javari auf eigene Faust zu helfen. So geriet er ins Visier krimineller Eindringlinge, zumal er jetzt nicht mehr die Uniform einer Bundesbehörde trug.

Feindbild für die Fischer

Pereira und Phillips verbrachten ihre letzten Tage in einem Holzhaus am Rio Itaquaí. In der Regenzeit könnte man direkt dort anlegen, aber da Trockenzeit ist, liegt der Flusspegel rund zwanzig Meter darunter, und man muss das Ufer hinaufkraxeln. Ein alter Fischer ohne Zähne lebt hier, João Kokuna, Spitzname Peruano. Seine einzigen Gefährten sind ein paar Hunde, elektrisches Licht hat der 67-Jährige nicht. Pereira und Phillips seien an einem Donnerstag gekommen, erinnert er sich. Auch einige Indigene seien da gewesen, die Phillips interviewte. Sie gehörten zur Waldpatrouille, der Evu, die die Indigenen in Vale do Javari aufgestellt haben, um Invasoren aufzuspüren. Zum Abendessen hätten sie ein Faultier zubereitet, Pereira habe davon probiert, Phillips abgelehnt.

Kokunas Haus liegt an einem strategisch wichtigen Punkt. Nur wenige Minuten den Rio Itaquaí hinauf liegt die Grenze zum Reservat Vale do Javari. Es ist so gross wie Portugal, wird aber nur von rund 6500 Indigenen bewohnt, die zu sieben Völkern gehören. Was das Vale do Javari einzigartig macht: Nirgends auf der Welt leben mehr Gruppen isolierter Ureinwohner:innen. Sie sind Nomad:innen, jagen mit Pfeil und Bogen, weswegen sie auch Flecheiros genannt werden, Pfeilmenschen. Neunzehn verschiedene Gruppen wurden bereits gesichtet, zumeist von anderen Indigenen.

Fischer João Kokuna auf einem Boot im Wasser
Fischer João Kokuna ist der letzte, der die Opfer lebend gesehen hat.
Eine Funai-Patrouille an der Grenze zum Reservat Vale do Javari
Zum Schutz indigener Gemeinschaften abgestellt: Eine Funai-Patrouille an der Grenze zum Reservat Vale do Javari.

Vale do Javari, das von Hunderten Flüssen durchzogen ist, gilt als eines der ursprünglichsten Waldgebiete der Welt. Und als eines der am schwierigsten zu schützenden. Indigene Führer, die man in Atalaia do Norte trifft, berichten von Goldsucher:innen, die bis ins Zentrum vorgedrungen seien; von Viehzüchtern, Jägern und Fischern im nördlichen Bereich; sowie von Holzfällern und der Drogenmafia, die von Peru aus kämen. Von dort rückten zudem Ölfirmen heran.

Der brasilianische Staat schaut machtlos zu. Die Umweltpolizei Ibama schloss 2018 ihren regionalen Stützpunkt, und das Militär kann die lange Grenze zu Peru kaum effektiv überwachen. Weder die Militär- noch die Kriminalpolizei in Atalaia do Norte haben ein Boot. Die einzige Behörde, die im Reservat präsent ist, ist die Funai. Aber gerade sie ist extrem geschwächt. Es fehle unter Bolsonaro an Personal, Benzin und Booten, sagt ein Funai-Funktionär, der erst nach Zögern einem Gespräch zustimmt und anonym bleiben möchte.

Der Hauptzugang nach Vale do Javari liegt am Rio Itaquaí, wenige Kilometer von João Kokunas Haus entfernt. Dort gibt es eine Funai-Station mit Wachturm und Suchscheinwerfer. Aber es ist nicht schwierig, sie zu umfahren. Bei Kokunas Haus öffnet sich bei hohem Wasserstand ein Kanal zu einem See, über den man ins Reservat gelangt. Illegale Fischer kennen den Zugang – weswegen Pereira hier einen Posten der indigenen Waldwacht Evu errichten wollte. «Das machte Bruno bei den Fischern noch verhasster», sagt der Kriminalkommissar Alex Perez auf der kleinen Polizeiwache in Atalaia, vor der die Boote von Pereira und seiner Mörder liegen. Perez, ein fülliger Mann mit Bart und Brille, untersuchte als erster den Mordfall, er sitzt in einem winzigen Büro voller Aktenordner.

zwei indigene Frauen schauen aus der Türe einer einfachen Hütte
Viele Indigene wohnen in den Siedlungen am Fluss. Andere Gruppen leben ohne Kontakt zur modernen Welt im Wald.

«Die Fischer haben es auf den Pirarucu abgesehen», erklärt Perez. Der Fisch kann länger als drei Meter werden und einige Hundert Kilo auf die Waage bringen. Sein festes Fleisch ist im gesamten Amazonasraum beliebt, was zu Überfischung und Fangverboten geführt hat. «Daher sind die Preise hoch», sagt Kommissar Perez, «es gibt Schmuggel und illegalen Verkauf.» Wo der Pirarucu noch in grosser Anzahl lebt? In Vale do Javari.

«Tonnenweise haben die Räuber den Pirarucu aus unseren Gewässern geholt», sagt ein junger Indigener vom Volk der Kulina am Sitz der Indigenenvereinigung Univaja in Atalaia do Norte. Er trägt Jeans, Turnschuhe und einen Kopfschmuck aus Arafedern. Wie alle der rund ein Dutzend anwesenden Indigenen bittet er, dass sein Name nicht veröffentlicht wird. «Wir haben Angst», sagt er. «Die Morde haben gezeigt, wozu die Eindringlinge fähig sind.»

Nach seinem Ausscheiden aus der Funai zeigte Pereira der Waldwacht in Vale do Javari, wie man eine Drohne steuert, wie GPS-Ortung funktioniert, wie man Fotos macht, um Beweise zu sammeln. Der junge Kulina war einmal mit Pereira auf Patrouille. «Wir fanden die Köpfe vieler Pirarucus in einem See. Der Unterschied zwischen uns und den Weissen: Wir sehen zwanzig Wildschweine und töten zwei; die Weissen töten zwanzig.»

Kredite von den Drogenhändlern

Früher meldeten die Indigenen solche Vorkommnisse bei der Funai-Station. 2019 arbeitete dort ein Mann namens Maxciel dos Santos. Sein Team beschlagnahmte grosse Ladungen Pirarucu, aber auch Tausende Flussschildkröten sowie Tapir-, Affen- und Wildschweinfleisch. Der Schaden für die Eindringlinge war enorm.

Dann wurde der 35-jährige dos Santos im September 2019 mit zwei Schüssen in den Kopf getötet. Der Mord geschah vor den Augen seiner Frau und seiner Tochter auf offener Strasse in Tabatinga, der grössten Stadt der Region und Grenzort zu Kolumbien. Er ist bis heute nicht aufgeklärt. «Wir glauben, dass es die gleiche Gruppe war, die Pereira und Phillips getötet hat», sagt Kommissar Perez.

Es gab 2019 noch mehr Warnsignale. Etwas begann sich zu ändern. Die Funai-Station am Rio Itaquaí wurde acht Mal von Unbekannten beschossen, ohne dass man die Täter fand. Vier Nationalgardisten wurden deswegen dort stationiert.

Eine Wache fordert dazu auf, gar nicht erst an Land zu kommen. Zum Schutz der isolierten Völker herrsche immer noch ein strenges Coronaprotokoll, die Weiterfahrt sei sowieso untersagt. Der Chef der Station, der ein Gespräch versprochen hatte, erscheint nicht am Ufer. Er habe Persönliches zu erledigen, lässt er ausrichten.

Die Funai-Station besteht aus mehreren Holzhäusern auf Stelzen, auch eine Krankenstation für Indigene gibt es, im Reservat grassiert Malaria, aber auch Hepatitis ist verbreitet. In einem Hangar zwei kleine Boote mit einem 15-PS- und einem 40-PS-­­­­­­­­­­Aussenbordmotor. Wie man damit das riesige Reservat schützen will, bleibt ein Rätsel.

Ein Anthropologe bittet darum, mit nach Atalaia fahren zu dürfen. Es stellt sich heraus, dass der bärtige Mann Bruno Pereiras Nachfolger bei der Funai ist. Er hat gerade sechzig Tage im Dschungel verbracht und die Bewegungen der Korubo verfolgt, eines semiisolierten Volkes. Er wirkt erschöpft und ausgelaugt. In den Medien möchte er auf keinen Fall mit Namen genannt werden. Er habe Angst, in der Region als Funai-Funktionär erkannt zu werden.

Bruno Pereira hatte diese Angst nicht, er galt als furchtlos und ungestüm. «Er hatte das Herz eines Löwen», sagt ein früherer Kollege über ihn. Gemeinsam mit der Indigenenwacht Evu stoppte Pereira illegale Fischer im Reservat, die mit tonnenweise Pirarucu unterwegs waren. Er setzte die Arbeit des ermordeten Maxciel dos Santos fort, den Kriminellen entgingen dadurch Tausende Dollars.

Wie aber finanzieren die Fischer ihre tagelangen Raubfahrten ins Reservat? «Sie leihen sich Geld bei den Drogenhändlern, die im Grenzdreieck agieren», erklärt der Funai-Mann in Atalaia do Norte. «Eine solche Fahrt ist teuer», sagt er. «Die Fischer brauchen Benzin, Waffen, Verpflegung, Werkzeuge, Kühltruhen, die sie mit Eis füllen, Salz zum Pökeln.» Eine Fahrt könne bis zu 30 000 Reais kosten, circa 6000 Franken. Für die Drogenmafia habe der Deal einen Vorteil: «Sie waschen ihr schmutziges Geld.»

Im Sitz der Univaja zeigen die Indigenen später einen Drohbrief gegen Bruno Pereira und den Univaja-Koordinator Beto Marubo, der heute zur Sicherheit in Brasília lebt. «Ich weiss, dass es Beto und Bruno sind, die den Indios sagen, sie sollen uns die Motoren und die Fische abnehmen», heisst es darin. «Wenn es so weitergeht, wird es nur noch schlimmer für euch. Ihr seid gewarnt.»

Es gab einen besonders dreisten Fischer am Rio Itaquaí. Er heisst Amarildo Oliveira, Spitzname Pelado, der Nackte. Der 41-Jährige machte in den letzten Jahren wenig Hehl aus seinen illegalen Aktivitäten. Er lebte mit seiner Familie in São Gabriel, einem Weiler, rund dreissig Minuten von Vale do Javari entfernt. Als Pereira dort vergangenen Januar vorbeifuhr, flog auf einmal eine Gewehrkugel über sein Boot. Am Ufer habe Pelado mit einer Waffe gesessen, erzählt ein Indigener, der dabei war. Aber Pereira habe gesagt: «Der soll ruhig noch mal schiessen.»

Luftaufnahme des Flusslauf des Rio Itaquaí
Wald und Wasser: Ohne Schiff gibt es im Grenzgebiet von Brasilien und Peru kein Durchkommen.

Pereira hatte eine Pistole, 380er Kaliber, 18 Schuss. Im Mai kaufte er sich in Manaus zusätzlich eine Schrotflinte. «Neues Spielzeug», schrieb er einem Freund. «Pereira war ein Draufgänger», sagt Kommissar Perez, «er übernahm die Aufgabe eines Sheriffs im Reservat.» Er habe erledigt, was eigentlich Funai und Bundespolizei machen sollten. So habe er sich mit mächtigen Interessen angelegt.

Im Leben des Fischers Pelado, eines kleinen, sehnigen Manns, vollzog sich in den letzten Jahren eine wundersame Wandlung. So erzählen es die Indigenen in Atalaia. Früher habe Pelado ein Boot mit sogenanntem Pec Pec gehabt, dem im Amazonas verbreiteten Motor – billig, knatternd und mit langer Antriebswelle. Dann sei er plötzlich mit einem teuren 60-PS-Yamaha-Motor unterwegs gewesen. Wer eine so grosse Anschaffung mache, kooperiere mit der Drogenmafia.

Der Kampf ums Reservat

Die Nacht auf Sonntag verbrachten Pereira und Phillips in ihren Hängematten im Haus von João Kokuna. In der Früh fuhr plötzlich Pelado mit zwei Männern auf dem Fluss in Richtung Reservat. Die Patrouille der Evu nahm die Verfolgung auf. Als sie Pelado stoppte, hätten er und ein Begleiter Schrotflinten hochgehalten, erzählen die Indigenen. Dann habe Pelado den Motor ausgeschaltet und sein Boot langsam mit der Strömung zurücktreiben lassen. Als er am Haus von João Kokuna vorbeikam, machte Phillips Fotos von ihm. «Guten Morgen», habe Pelado vom Fluss aus gerufen.

Aufgrund der angespannten Situation drängte die Indigenenpatrouille darauf, dass am nächsten Morgen zwei ihrer Männer Pereira und Phillips zurück nach Atalaia do Norte begleiten sollten. Pereira stimmte zu, entschied sich jedoch in letzter Minute, allein zu fahren. Niemand würde erwarten, dass sie so früh aufbrächen, sagte er.

Gegen 6 Uhr machten sich Bruno Pereira und Dom Phillips auf den Weg. Pereira wollte noch in der ersten Fischergemeinde halten, São Rafael. Er hatte dort ein Gespräch mit einem Fischer über ein Programm zur nachhaltigen Fischerei vereinbart. Aber der Mann war schon zur Arbeit aufgebrochen. Es ist der letzte Ort, in dem Pereira und Phillips lebend gesehen wurden.

Es ist Sonntag, und die Fischer in São Rafael flicken Netze, säubern ihre Pec Pecs und spielen Domino. Einer von ihnen, der 54-jährige Moreno, sagt, dass er sehr zufrieden mit dem Programm zur nachhaltigen Fischerei sei. In einigen Seen dürfe er fischen, andere seien gesperrt, dort reproduzierten sich die Fische. Vor einigen Monaten habe ein Sportfischerevent stattgefunden, erzählt er. Fischer aus aller Welt seien gekommen. «Wenn ich hundert Kilo Pirarucu fange, bringt mir das rund 400 Reais ein», sagt er, umgerechnet 76 Franken, «aber für einen Tag mit den Sportfischern gab es schon 200 Reais.»

Die Fischer in São Rafael erinnern sich an Bruno Pereira, sind aber wortkarg. Zu oft hat die Polizei sie schon befragt. Aber sie haben eine klare Meinung zum Indigenenreservat Vale do Javari: Es sei zu gross, sagen sie. «Wozu brauchen die Indios so viel Platz?», fragt Moreno. «Wir haben nur ein Stückchen vom Fluss und ein paar Seen.» Er sagt Worte, die man oft im ländlichen Brasilien hört: «viel Land für wenig Indios».

Es gibt in Brasilien mehr als 700 Indigenenreservate in unterschiedlichen Stadien der Anerkennung – der Prozess dauert lange und ist kompliziert. Sie machen fast vierzehn Prozent der Landesfläche aus. 2010 erklärten sich rund eine Million Brasilianer:innen für indigen, etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung. Sie gehören zu 305 verschiedenen Ethnien. Man könnte tatsächlich fragen, warum weniger als ein halbes Prozent der Bevölkerung über vierzehn Prozent der Landesfläche verfügen. Doch Fakt ist, dass die Natur nirgends intakter ist, nirgends das Wasser sauberer und die biologische Vielfalt grösser. In den Indigenenreservaten wurden in den letzten 35 Jahren nur 1,6 Prozent der Waldfläche zerstört, während es in manchen Amazonas-Bundesstaaten zwischen 20 und 30 Prozent waren. Die Indigenen schützen einen der wertvollsten Schätze der Welt.

Doch ihre zurückhaltende Lebensweise kollidiert mit den Bedürfnissen der Mehrheitsgesellschaft. Zwischen 1972 und 2020 wuchs die Bevölkerung der brasilianischen Amazonasregion von acht Millionen auf fast dreissig Millionen Menschen. Zunächst kamen vor allem verarmte Weisse aus Südbrasilien, denen die Militärdiktatur versprach: «Land ohne Menschen für Menschen ohne Land». Später zog es Leute aus dem trockenen Nordosten nach Amazonien.

In Atalaia do Norte war es etwas anders. Viele Fischer und Kleinbäuerinnen der Region sind Nachkommen der sogenannten Kautschuksoldaten, die während des zweiten Gummibooms in den 1940er Jahren in den Dschungel kamen. Als 2001 Vale do Javari zum Indigenenreservat erklärt wurde, mussten sie das Gebiet verlassen, erhielten aber eine Entschädigung. Sie siedelten sich rund um das Reservat an, aber viele akzeptierten die neuen Grenzen nicht.

Resultat einer jahrelangen Fehde

Als Bruno Pereira und Dom Phillips an jenem Sonntagmorgen an der Fischergemeinde São Gabriel vorbeifuhren, muss Pelado das mitbekommen haben. Er bestieg mit einem zweiten Mann ein Boot und fuhr ihnen nach. Pereira und Phillips schauten nach vorne und merkten nicht, dass sie verfolgt wurden. Pelado war ein erfahrener Jäger und schoss Pereira mit seiner Flinte in den Rücken. Pereira soll laut Aussage von Pelado noch nach seiner Pistole gegriffen haben, konnte aber nicht mehr gezielt schiessen. Seine Waffe wurde nie gefunden. Pelado und sein Kompagnon näherten sich dem havarierten Boot und schossen Pereira erneut in den Oberkörper und einmal ins Gesicht, so ergab es die forensische Analyse. Dom Phillips töteten sie mit einem Schuss in den Bauch.

Die Mörder versteckten die Leichen im Unterholz und versenkten Pereiras Boot. Dann fuhren sie heim und legten sich in ihre Hängematten. Am nächsten Abend kehrten sie mit zwei Brüdern und zwei Neffen Pelados an den Tatort zurück. Sie brachten die Körper ihrer Opfer in den Dschungel, übergossen sie mit Benzin und zündeten sie an. Dann trennten sie die Beine, Arme und Köpfe der Leichen mit Macheten ab und vergruben sie.

Frauen einer indigenen Gruppe beim Wäschewaschen im Fluss in Atalaia do Norte
Sauberes Wasser gibt es in Atalaia do Norte kaum: Frauen einer indigenen Gruppe beim Wäschewaschen.

Aber es gab einen Zeugen, der Pelado am Tatort gesehen hatte. Nach einer Hausdurchsuchung wurde Pelado festgenommen, weil verbotene Munition bei ihm gefunden wurde. Nach einigen Tagen im Gefängnis und mutmasslicher Folter durch Militärpolizisten gestand er und führte die Ermittler zu den Leichen. «Niemand hätte den Ort im Dschungel jemals gefunden», sagt Kommissar Alex Perez. Er charakterisiert den Doppelmord als Resultat der jahrelangen Fehde zwischen Pereira und Pelados Gruppe.

In São Gabriel, Pelados Heimatdorf, ist niemand anzutreffen. Alle Holzhäuser sind verrammelt, kein Mensch zu sehen, einzig ein Hund döst im Schatten. Offenbar wollen die verbliebenen Bewohner:innen nicht mehr über das Geschehene sprechen. Die Mörder und ihre Helfer sitzen heute im Gefängnis in Manaus. Aber es wurde noch ein weiterer Mann festgenommen: ein Peruaner namens Ruben Villar, Spitzname Colômbia. Er lebte in der Kleinstadt Benjamin Constant an der Grenze zu Peru, eine Stunde von Atalaia entfernt.

niedriger Wasserstand am Hafen von Atalaia do Norte
In der Regenzeit steht das Wasser am Hafen von Atalaia do Norte deutlich höher.

«Colômbia war der Hauptabnehmer von Pirarucu und Jagdfleisch in der Region», sagt Kommissar Perez. Als Basis diente ihm eine schwimmende Plattform auf dem Grenzfluss zu Peru. Von dort soll er Restaurants und Geschäfte bis nach Manaus beliefert haben. Die Polizei verdächtigt ihn ausserdem, der Mittelsmann zwischen der Drogenmafia und den Fischern gewesen zu sein. Bei einer Hausdurchsuchung fand sie gefälschte Ausweise. Ob aber der Auftrag zur Ermordung Bruno Pereiras von Colômbia kam oder ob Pelado auf eigene Faust handelte, ist eine bislang offene Frage.

Von 2015 bis 2020 wurden in Lateinamerika rund 1100 Umweltschützer:innen umgebracht. So haben es die Vereinten Nationen ermittelt. 194 davon wurden in Brasilien getötet, zwei Drittel davon im Amazonas. Rund die Hälfte der Opfer waren Ureinwohner:innen. Nur ein Bruchteil der Morde wurde je aufgeklärt.

Zum Abschied hatte Dom Phillips seiner brasilianischen Frau eine Nachricht geschickt: «Ich glaube, ich habe erst wieder am Sonntag ein Handysignal.» Sie antwortete: «Ich liebe dich. Sei vorsichtig.»

Am 3. September dieses Jahres töteten Unbekannte den Indigenen Janildo Guajajara mit Schüssen in den Rücken. Er gehörte zu einer Waldwacht im Reservat Araribóia im brasilianischen Bundesstaat Maranhão. Es war der sechste Mord an einem ihrer Mitglieder in den letzten Jahren. Einen Tag später wurde der vierzehnjährige Gustavo da Silva vom Volk der Pataxó im Bundesstaat Bahia von Unbekannten erschossen. Das Verbrechen geschah in einer Region, die von Pataxó und Weissen beansprucht wird. Die Taten sorgten in Brasilien kaum für Aufsehen.

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