Massenkultur : Seid ihr alle da?

Nr.  41 –

«Mainstream» ist heute ein Schimpfwort der Rechten. Und viele Linke wittern beim Wort «Mehrheitsgesellschaft» stets die Strukturen des Bösen. Ein Rettungsversuch aus der Kultur.

Illustration zu Ed Sheerans «Shape of you», dem meistgestreamten Lied auf der ­Musikstreamingplattform Spotify
Ed Sheerans «Shape of you» mit der Textzeile «I’m in love with your body» ist das meistgestreamte Lied auf der ­Musikstreamingplattform Spotify. (grosse Ansicht der Illustration)

Der Sommer dieses Jahres war der erste, in dem ein Ferienschlager die Charts regierte, von der Schweiz über Österreich bis zum Riesenmarkt Deutschland. DJ Robin und Schürze haben mit dem Ballermannlied «Layla» den Song der Saison erschaffen: «Ich hab ’nen Puff und meine Puffmama heisst Layla / Sie ist schöner, jünger, geiler». Sogar eine Unterhaltungsshow des ZDF, der beliebte «Sommergarten», lud DJ Robin und Schürze ein, obwohl sich bereits einige Volksfeste dazu entschieden hatten, den Hit wegen Sexismus nicht zu spielen. Für die Öffentlich-Rechtlichen versprachen die beiden eine zahmere Version, im Voll-Play-back gesungen haben sie spontan dennoch die alte.

«Layla» ist ein Beispiel der gegenwärtigen Verwirrung, wer zur Mehrheitsgesellschaft gehöre und den Mainstream bestimme. Die einen sagen, der Mainstream sei zu links und politisch zu korrekt, und erklären den Erfolg des Liedes mit seinem Widerstand gegen «woken Wahnsinn». Die anderen fühlen sich aber genauso bestätigt: klar, Sexismus halt. Wenn das nicht Mainstream ist!

Was die Positionen eint: «Mainstream» ist auf beiden Seiten ein Schimpfwort und meint die jeweils andere Partei. Was denn nun?

Schauen wir zuerst auf die Zahlen. Mitte Oktober zählt «Layla» bei Spotify über 85 Millionen Streams, auf Youtube ist es etwas komplizierter, weil es gleich mehrere gut gesehene Videos zum Song gibt. Über 30 Millionen kommen so zusammen. Ist das Mainstream oder einfach nur viel Aufmerksamkeit?

Schwenk zu einem zweiten Popkünstler dieses Sommers, der von «Layla» aus gesehen am andern Ende des weltanschaulichen Spektrums wohnt: Harry Styles. Das Video zur Single «As it was» verzeichnet mehr als 330 Millionen Views bei Youtube, auf Spotify wurde der Song rund 1,4 Milliarden Mal gehört, plus Hitparadenplätze auf der halben Welt. Styles ist ein britischer Sänger, der gerne im Fummel oder gleich in die Regenbogenfahne gehüllt durch Videos und Arenen läuft. Bei Konzerten sucht er Leute aus der Menge, die er ermuntert, zu ihrem Queer- oder Gaysein zu stehen und sich am besten vor Ort im Stadion zu outen.

Musikalisch erinnert «As it was» an Achtzigerpop, besonders stark an A-ha, während «Layla» den Schlager mit Teutonentechno in der Art von Scooter popularisiert. Das eine ist vielleicht feiner als das andere. Aber die Musik spielt eine Nebenrolle. Wichtiger ist der damit verbundene Kulturkampf. Die Auseinandersetzungen darüber, was die Mehrheit angeblich erlaubt, verbietet, fordert oder kritisiert, sind aus US-Universitäten unter dem Namen «culture wars» in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und da möchte heute niemand mehr Mainstream sein. Selbst wenn man in vollen Stadien und in den erfolgreichsten Sendungen spielt. Mainstream ist eine untote Leiche: Nicht richtig beerdigt und nicht geliebt, steigt sie aus dem Grab und vermiest vielen den Tag.


Was ist passiert, dass die Massenkultur so in Misskredit geraten ist, dass man ihr nicht mehr angehören möchte? Ist das schädlich für demokratische Aushandlungsprozesse, oder bildet das nur die sogenannte Spaltung der Gesellschaft ab? Und wie steht es tatsächlich um den Mainstream in Zeiten, in denen die deutschsprachige Buchbranche in zehn Jahren mehr als zehn Millionen Leser:innen verliert, die Öffentlich-Rechtlichen in ganz Europa unter Beschuss stehen wie noch nie und nun in diesem Sommer und Herbst viele Veranstaltungen quer durch die Sparten ihr Publikum verlieren, während wenige oben absahnen? Ist es wirklich eine gute Idee, Mainstream zu hassen?

Das Problem begann spätestens damit, dass Mainstream vom kulturellen ins politische Feld marschierte und als Kampfvokabel ankam. Früher fremdelten gebildete Linke mit dem kulturellen Mainstream, weil sie seine Produktion kapitalistisch und seine Inhalte verdummend fanden. Heute beschwört die Rechte einen politischen Mainstream, der die Menschen gleichschalte und Widerspruch verhindere.

Der globale rechtspopulistische Schub, den die Präsidentschaft von Donald Trump in den USA oder die rassistischen Pegida-Aufmärsche in Deutschland spätestens um 2016 herum ausgelöst haben, hat die Abwertung von Mainstream stark beschleunigt. «Mainstream media», so Trumps wiederkehrende Predigt, seien die Agenten von Falschinformationen, von Fake News. Damit meint er in den USA grosse Tageszeitungen, Fernseh- und Radiosender. In Deutschland tauchten etwa zeitgleich die diffamierenden Begriffe der «Lügenpresse» und der «Systempresse» auf, die angeblich grenzenlose Einwanderung ermöglichen wolle. Und seit der Coronapandemie im Frühjahr 2020 verstärken sich diese Eindrücke in sogenannten Querdenkermilieus, die in den traditionellen Parteien und in grossen Medienhäusern einen autoritären Mainstream erkennen wollen.

Doch gerade die neue Rechte träumt von kultureller Deutungsherrschaft, von einem rechts fliessenden Mainstream. Dabei berufen sich einige auf sozialistische Theoretiker des frühen 20. Jahrhunderts wie Antonio Gramsci und seinen Begriff der «kulturellen Hegemonie».

Im Kalten Krieg wurden die weichen Faktoren der Kultur tatsächlich als scharfe Waffen eingesetzt: Der globale Siegeszug des abstrakten Expressionismus von Malern wie Jackson Pollock oder Mark Rothko wurde auch aus Mitteln der US-Geheimdienste finanziert. Die USA wollten dem sozialistischen Realismus Sowjetrusslands etwas entgegensetzen. Hier der Westen und die Auflösung der Form als Zeichen höchster Freiheit, da der Osten und seine im Dienste der staatlichen Abbildungsdoktrin stehende Kunst, die ihre Autonomie verlor.

Die Entwicklung des Mainstreams war aber nicht allein an Propaganda geknüpft, sondern wurde von medialem Wandel befeuert. Erst die Innovationen der Fotografie, der Tonaufnahme, des Films und des Radios schufen die Voraussetzungen einer ortsunabhängigen Massenkultur, die ohne teure Reisen erlebt werden konnte. Eine Weltausstellung, etwa in Paris 1889 mit dem neuen Eiffelturm, blieb für die meisten unerschwinglich. Eine Schallplatte oder später eine Radiosendung dagegen erklang mit der Zeit auch in den Wohnzimmern der weniger gut Gestellten.

Im Mainstream schlummert immer die Möglichkeit, das Klassengefüge durcheinanderzubringen und soziale Mobilität anzubieten. Ganz aus dem Geist des Kapitalismus: Jede und jeder kann es schaffen, jenseits von vererbten Privilegien. So lautete das Versprechen (wie viele der sozial weitergegebenen Privilegien selbst in der angeblich leistungsbasierten Meritokratie fortleben, kann man etwa beim so klugen wie verständlichen Harvard-Philosophen Michael Sandel lernen).

Wie sehr die Massenkultur den Dünkel der Herrschenden kitzelte, zeigt die Geschichte, wenn die höheren Bildungsschichten über Jahrzehnte das Populäre verachteten, egal ob konservativ-bürgerlich oder kritisch links. Gerade in der Ablehnung des «Leichten» kehrt der Versuch zurück, über Geschmacksgrenzen gesellschaftliche Ausschlüsse vorzunehmen. Was keiner höheren Bildung bedarf, um verstanden zu werden, wie der Soziologe Pierre Bourdieu diese Haltung kritisch beschrieb, hat keinen künstlerischen Wert. Es waren oder sind soziale Platzverweise auf dem Spielfeld der Kultur. Mainstream hat sich diesen Roten Karten widersetzt und erfand besonders nach dem Zweiten Weltkrieg neue riesige Spielfelder. Das Fernsehen barst vor Mainstream, bald sogar in Farbe.


Ungefähr 1976, kurz vor meiner Einschulung, drehte ich aus Vorfreude auf eine Fernsehsendung ein paar Pirouetten, bis mir so schlecht wurde, dass ich die Show verpasste: «Teleboy» mit Kurt Felix. Ich war nicht der Einzige, der die Sendung aus Quiz, Sketches, der von Hans Moeckel dirigierten DRS Big Band und natürlich der versteckten Kamera als Höhepunkt des Wochenendes betrachtete. Die Quoten waren in den nur drei Jahren der ersten Laufzeit so hoch wie nie zuvor und nie danach im Schweizer Fernsehen. Die deutschen Sendungen wie «Einer wird gewinnen» oder später «Wetten dass …?» liefen sogar über Jahrzehnte mit hohen Zustimmungswerten.

Es waren Strassenfeger, wie es damals hiess, wenn es draussen leerer und drinnen voller wurde. Die Mondlandung 1969 hatte die Erde bereits besenrein gefegt. Das Wohltätigkeitskonzert Live Aid 1985 kehrte auch den Rest noch weg, als zwei Milliarden Menschen zuschauten, damals vierzig Prozent der Weltbevölkerung. Und wer in der Schweiz ein Verbrechen begehen wollte, wählte am besten die Zeit über Mittag, in der das Skirennen lief und alle nach Hause vor den Fernseher eilten.

Seit das Internet Ende der nuller Jahre mit den Smartphones laufen lernte, hat sich der Begriff «Strassenfeger» von selbst erledigt. Wir sind ohnehin unterwegs. Extreme Klickzahlen von Youtube-Videos oder millionenfache Streams auf Spotify und Co. sind zwar möglich, aber die bloss kurz beanspruchte Aufmerksamkeit, die geringen Kosten für die Konsument:innen und die entsprechend niedrigen Gewinne stehen in keinem Verhältnis zur Verdrängungskraft des vordigitalen Mainstreams.

Die reduzierte Reichweite von vielen Büchern, Filmen, Bands hat eine Vorgeschichte. Denn in der Digitalisierung werden die Kulturangebote auf personalisierte Vorlieben zugeschnitten. Die Vorsilben vieler Produkte sprechen eine klare Sprache: iPod und iMac waren Ich-Maschinen, auch wenn das i für alles Mögliche stehen kann, für Information etwa, und die Kette von My-Brands ist endlos, von Myspace bis zum Handwerkerportal Myhammer. Es geht um mich, um Sie, um deine persönlichen Wünsche, und nicht um jene von Mehrheiten. Personalisierung ist eins der höchsten Ziele der Internetwirtschaft.

Die Zeitschrift «Time» kürt jeweils die Person des Jahres, 2006 war die «person of the year» weder eine Politikerin noch ein Unternehmer und auch keine Künstlerin, sondern: You. Du, Sie, wir alle als Einzelne waren damit gemeint, die mit unserem persönlichen Content das Internet beliefern und das Informationszeitalter am Laufen halten. So ermächtigend diese Wende zur Kraft der vielen Einzelnen wirken kann, sie deutet gleichzeitig darauf hin, dass Mehrheiten nicht mehr als zentral erachtet werden. An deren Stelle stehen das Individuum und sein wachsender Gewinn an persönlichen Freiheiten, den viele Gesellschaften tatsächlich seit Jahrzehnten verzeichnen.

Die dünnen Spitzen der digitalen Aufmerksamkeit – wir schauen nur selten alle das Gleiche – verhindern zwar eine allzu dominante Mehrheitskultur. Denn in vielen Fällen repräsentierte Mainstream immer nur die gleichen gesellschaftlichen Gruppen und half dabei, ihre Macht zu sichern. Doch die stark digitalisierten Kulturmärkte wie die Musik- oder auch die Literaturbranche zeigen die Begleiteffekte dieses technologischen Wandels. Wer online auf Bücher aufmerksam wird, sieht tendenziell immer die gleichen paar Titel, was ganz wenigen Bestsellern hilft, aber allen andern enorm schadet. Im Pop ist es noch extremer, ganz egal, ob es sich um Streaming oder um Konzerte handelt: Alles geht an die Spitze, immer weniger in die Breite. Der digitalisierte Markt – die Technologie, die User:innen, die Plattformen – verteilt das Geld um, und zwar nach ganz oben. Die Folge: Viele Kulturproduzent:innen werden prekär oder gar nicht mehr auf ihrem Gebiet arbeiten, weil so kein Mittelbau und erst recht kein experimenteller Bodensatz zu finanzieren ist.

Der herkömmliche Kulturbetrieb besetzt bloss eine Nische und verschwindet relativ unbemerkt aus der Internetöffentlichkeit, wo Theater-, Musik- oder Kunstkritiken halt zu wenig gelesen werden, um damit Geld zu verdienen. Aber die Demokratie wird an der zu erwartenden Abwicklung der herkömmlichen Kulturwirtschaft vermutlich nicht zugrunde gehen. Zumindest nicht in den Ballungszentren – in rechtsextremen Stammgebieten in der ostdeutschen Provinz zum Beispiel haben Theaterhäuser durchaus eine stabilisierende Funktion. Die künftigen Bildungseliten werden sich in weniger öffentliche Versammlungsorte als bisher zurückziehen, sie kommen gut auch ohne Theater und halb tote Zeitungen klar, gerade wenn Letztere in der ökonomischen Einsamkeit ihr Heil im Populismus suchen. Und die Entscheider:innen stört es vermutlich wenig, wenn der Lärm verbaler Schlachten über den richtigen Sprachgebrauch die krachende Umverteilung nach oben übertönt.


Die These zum Schluss: Mainstream bot gesellschaftlichen Debatten die grössten Bühnen, auf denen unterschiedliche soziale Kräfte aufeinanderprallen und in einem gemeinsamen Rahmen sichtbar werden konnten.

Einwand: Mainstream als Dorfplatz der demokratischen Aushandlung, das ist doch linker Kitsch. Denn Mainstream formuliert, wenn man ihn auch als Mehrheitsmeinung interpretiert, eine Vorherrschaft einzelner Ideen oder sogar Identitäten, die andere als Ausschlüsse erfahren. Und ein Mainstream, der plötzlich Diversität abbildet, etwa in der Werbung oder im Fernsehen, hat sich oft genug als Trugbild herausgestellt. Schwarze, weisse, asiatisch- oder hispanischstämmige Nachrichtensprecher:innen auf US-Sendern spielen seit einem halben Jahrhundert ein interkulturelles Zusammenleben vor, das für die meisten Betroffenen wenig mit ihrer weitgehend segregierten Lebenswelt zu tun hat. Das ist eben nur Symbolpolitik, so der Einwand.

Aber eine Bühne ist eine Bühne und keine Realität. Sie ist temporär, man betritt diesen Raum und verlässt ihn wieder. Mainstream kann bloss darstellen, was wünschenswert wäre, und sei es nur ein gemeinsamer Rahmen. Mainstream ist auf keinen Fall identisch mit den wahren Verhältnissen, die es zu ändern gilt oder nicht. Diese Gleichsetzung von Darstellung und Inhalt ist der zeitgenössische Denkfehler schlechthin, der auf Identität beharrt und das Spielerische darin verkennt oder ablehnt. Weil jedes Spiel Unreinheiten produziert – Fouls, Unvorhergesehenes, Beschiss, Travestie und sehr viel Spass, wenn es gut läuft. Mainstream zu diskreditieren, weil keine Seite ihn kontrollieren kann, ist genau das: eine Kontrollfantasie, ein Bedürfnis nach Reinheit.

Die Kritische Theorie, etwa Theodor W. Adorno und sein Meisterschüler Jürgen Habermas, sah im Fernsehen eine Bedrohung der zivilisierten Öffentlichkeit. Gerade eben hat der 93-jährige Habermas einen langen Aufsatz veröffentlicht, der im Titel sein berühmtes Buch zitiert: «Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik». Und da erscheint das Fernsehen auf einmal als nostalgische Referenz. Weil Habermas klar wurde, wie stark soziale Medien unseren Begriff von Öffentlichkeit zerschossen haben und jede:r für sich in den Schützengräben einer neuen Zeit liegt.

Jeder politische und gesellschaftliche Wandel wurde von Medienwandel begleitet oder sogar vorbereitet. Bevor das Internet die Öffentlichkeit wieder so radikal aufteilt wie zwischen mittellosen Bäuer:innen und feudalen Herrschern, lohnt es sich, an der Idee einer Massenkultur festzuhalten. Man muss deswegen nicht im Mainstream wohnen, man kann ihn auch jederzeit wieder verlassen und vom Ufer aus betrachten. Bevor einem schlecht wird.