Schweizer Prügelpädagogik : Mit Schlägen brutalisiert

Nr.  43 –

Auf Initiative der Betroffenen wird die Geschichte des berüchtigten Knabenerziehungsheims Gruebe im Kanton Bern neu erzählt. Es ist das zweite Buch zum Thema, das erste wurde eingestampft.

Insassen der Anstalt «Knabenheim Gruebe» bei einer Turnvorführung anlässlich einer Feier, an der 1975 drei Bundesräte teilnahmen
«Wie ausgestellte Affen»: Frühere «Grüebeler» erinnern sich an eine Feier ihres Heims, an der 1975 drei Bundesräte teilnahmen. Foto: Hugo Frutig, Staatsarchiv des Kantons Bern, V Schulheim Ried 14

Im Sommer 2020 geht das Knabenheim Gruebe durch die Schweizer Medien, und zwar auf spezielle Weise: Die «Gruebe» oder «Auf der Grube» in Niederwangen bei Bern hatte sich 2013 nach 188 Jahren selbst aufgelöst und mit einer anderen Sozialinstitution fusioniert.

Der Ruf der «Gruebe» war sehr schlecht, sie galt als Ort der Prügelpädagogik und der regelmässigen, auch sexuellen Übergriffe. Die Insassen der Anstalt wurden als besonders «lätzgefederte» und womöglich gar nicht zu sozialisierende Schwerenöter diffamiert. Spätestens seit sie in einem Lied von Stiller Has vorkamen, in dem der Bauer Keller steif im Bett liegt vor Angst, dass ihm die «Gruebe-Buebe» den Appenzellerhund fressen, waren sie auch ausserhalb des Kantons Bern ein Begriff.

Sie wollen ihre Geschichte zurück

Doch nicht die gewalttätigen Erziehungsmethoden, die Erniedrigungen und Stigmatisierungen, unter denen verlassene Jugendliche in der «Gruebe» zu leiden hatten, sind Anlass für die Medienberichte von 2020, sondern ein kritisches Buch über die Geschichte der Anstalt, das eingestampft wurde. Ein ehemaliger Anstaltsleiter klagte, die Herausgeber des Buches – die Nachfolgestiftung und weitere Beteiligte – knickten ein. Sie übergaben dem Kläger ohne Prozess die Restauflage zur Vernichtung, und die «Berner Zeitung» entblödete sich nicht, gegen einen der Autoren – den Journalisten Fredi Lerch – noch eine verleumderische Kampagne zu fahren, alimentiert vom ehemaligen Leiter und Bucheinstampfer Hans-Peter Hofer, der sich in Lerchs Text falsch dargestellt fühlt. Auf Betreiben Hofers wurde das Buch sogar in den Bibliotheken – etwa in der Nationalbibliothek – gesperrt, ohne rechtliche Grundlage, einfach weil die Bibliothekar:innen sich einschüchtern liessen.

Im Sommer 2020 ergreifen aber auch einige ehemalige Zöglinge das Wort und lancieren eine Petition. Sie wollen ihre Geschichte, ihr «Gruebe»-Buch zurück. Es entsteht eine Gruppe von «Betroffenen, Wissenschaftlerinnen, Journalisten und Kulturschaffenden», die beschliesst, das Buch neu herauszugeben und ausserdem zu ergänzen. Zwei Jahre später hat der Unterdrückungsversuch des ehemaligen Heimleiters zur Folge, dass es nicht mehr ein, sondern zwei Bücher über die «Gruebe» gibt. Denn das erste ist in den Bibliotheken sowie digital längst wieder greifbar, das zweite, mit einem leicht verschobenen Fokus, kommt dieser Tage in den Buchhandel.

Anders als sein Vorgänger – eine zwar kritische, aber eher konventionelle Institutionengeschichte – stellt das neue Buch die lebensgeschichtlichen Erfahrungen der «Gruebe-Buebe» in den Mittelpunkt: Acht Männer erzählen ihre Anstaltskarrieren, wie es dazu kam und was später aus ihnen wurde. Offenbar erwies es sich als schwierig, diese Männer zu finden, mehrere zogen auch bereits gemachte Aussagen zurück, zwei entschlossen sich zur Anonymität. Die Testimonials – redigiert von einem Autor:innenteam – haben jedoch eine ungeheure Kraft. Sie lassen einem das Blut in den Adern gefrieren, wie es im Vorwort heisst. Es steckt eine kalte oder auch eine neu aufkochende Wut in den meisten dieser Texte, die aus den 1960er und 1970er Jahren berichten: Der älteste Zögling wurde 1961 in die «Gruebe» eingewiesen, die beiden jüngsten haben sie 1980 verlassen. Der älteste ist heute 74, die jüngsten sind 58 Jahre alt. Alle waren in der Zeit des Anstaltsleiters Paul Bürgi dort interniert, des letzten Sprösslings einer hundertjährigen Familiendynastie, die die «Gruebe» nach protestantisch-bigotten Moralvorstellungen verwaltete und im Kanton Bern einen guten Ruf genoss. Die systematischen Prügelorgien, die Bürgi veranstaltete, werden lebhaft geschildert.

In zusätzlichen Texten stellt der ehemalige «Gruebe-Bueb» und Mitherausgeber Heinz Kräuchi seine Erfahrungen auch szenisch dar. Mit modernen Fachleuten wird über Geschichte und Zukunft des Heimwesens diskutiert. Ein Kapitel des Buches enthält die Chronologie, die Fredi Lerch für die Erstausgabe zusammentrug. Sie ist um jene Passage gekürzt, aufgrund derer Bürgis Nachfolger Hofer einst klagte. Ein etwas farbloser Beitrag versucht, die Stimmen des «Gruebe»-Personals einzuholen, das wegen der Übergriffe «unter Generalverdacht» stehe.

Die Individualität abtrainiert

Die Biografien der «Gruebe-Buebe» haben eine Gemeinsamkeit. Nachdem sie mit Gewalt «erzogen» wurden, nachdem man ihre Beziehungen nach draussen zerstörte, ihnen blinden Gehorsam beizubringen versuchte, ihnen die Individualität abtrainierte, ihre Integrität missachtete und sie als moralisch minderwertig darstellte, werden sie eines Tages aus der Anstalt entlassen, damit sie nützliche Menschen sind.

Manche wissen nicht, was sie mit der Freiheit anfangen sollen. Manche taumeln, werden schwierig. Manche verfolgt der Heimleiter noch als Erwachsene mit Denunziationen bei ihren Arbeitgebern. Viele leben bis ins Alter misstrauisch, unstet, ohne feste Beziehung. Einer sagt: «Mit Schlägen wurden wir brutalisiert.» Einer sagt: «Niemand half uns, alle schauten weg.»

Dass sie die Sache mit dem Buch schliesslich selber in die Hand nahmen und dass ihnen dabei geholfen wurde, ist ein sensationeller Glücksfall. Für die vielen beschädigten Leben ist es kein Trost.

Buchvernissage im Kulturhof Schloss Köniz: Sonntag, 30. Oktober 2022, 17 Uhr.

Link zum eingestampften «Gruebe»-Buch: journal-b.ch (PDF-Datei)

Buchcover von «Knabenheim ‹Auf der Grube›: 188 Jahre Zwangserziehung. Innenblicke und Aussenblicke»

Caroline Bühler, Heinz Kräuchi, Fredi Lerch, Katrin Rieder, Tanja Rietmann (Hrsg.): «Knabenheim ‹Auf der Grube›. 188 Jahre Zwangserziehung. Innenblicke und Aussenblicke». Hier und Jetzt Verlag. Zürich 2022. 34 Franken.