Ausstellung : Nur einer ist optimistisch

Nr.  46 –

wissenschaftliches Foto der Sonne

Was bringt die Zukunft: Fortschritt oder Zusammenbruch? Technikoptimismus, in der Zukunftsliteratur des 20. Jahrhunderts weitverbreitet, ist selten geworden. Das zeigt die Ausstellung «Climate Fiction» im Zürcher Literaturmuseum Strauhof. Sie fasst den Begriff weit: Nicht in allen Texten steht das Klima im Zentrum. Bei Margaret Atwood, Cormac McCarthy oder der Schwarzen Science-Fiction-Pionierin Octavia E. Butler ist es nur Teil eines grösseren ökologischen und sozialen Notstands.

Am meisten Raum gibt «Climate Fiction» zwei gegensätzlichen Texten: dem Roman «Sturz in die Sonne» (1922) des Waadtländers Charles Ferdinand Ramuz (vgl. Klimaroman: «Was geht mich das an?»), der noch nichts von Treibhausgasen wusste, aber die Verdrängung des Offensichtlichen schauderhaft präzis beschrieb; und dem «Ministerium für die Zukunft» (2020) des US-Autors Kim Stanley Robinson, dem einzigen wirklich optimistischen Klimaroman weit und breit, der erzählt, wie die Menschheit die Erhitzung mit einer Mischung aus Geoengineering und sozialistischer Politik in den Griff bekommt.

Optisch setzt das Museum auf Minimalismus: Grossformatige Bilder zeigen Erde und Sonne, der Rest ist Text – doch auch die Typografie schafft Bilder von Kreisen, Wellen, Fieberkurven. Hörstationen und kurze Videos ergänzen das Geschriebene.

Im Roman «Die Erinnerung an unbekannte Städte» der Zürcher Autorin und Physikerin Simone Weinmann führt der Eingriff, der bei Robinson Teil der Rettung ist – das Versprühen von Partikeln, die das Sonnenlicht dämpfen –, ins Desaster: Es wird viel zu kalt, die Zivilisation bricht zusammen. Der Roman zeigt eindrücklich, wie schnell technische Errungenschaften, die heute als selbstverständlich gelten, verloren gehen können: Internet und Stromnetz sind nur noch Geschichten, Meldeläufer:innen bringen die Post, in Italien soll es noch Universitäten geben, aber niemand weiss Genaueres. Und die Überlebenden fragen sich: Ging da etwas schief? Oder war genau dieses Resultat erwünscht, und die Verantwortlichen haben sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht?

«Climate Fiction» in Zürich, Museum Strauhof. Bis 8. Januar 2023.