Klimagipfel : Es geht um jedes Hundertstelgrad

Nr.  47 –

Am Ende gab es doch noch ein Abschlussdokument, den «Umsetzungsplan» von Scharm el-Scheich, hastig verabschiedet nach 36-stündiger Überzeit. Aufgrund der geo- und energiepolitischen Krisenlage, zuletzt ausgebliebener Efforts der allermeisten Länder sowie harziger Vorverhandlungen waren die Erwartungen an die COP27 zwar eh schon niedrig – für viele wurden sie aber sogar noch untertroffen. Die Welt rast ungebremst auf den Klimakollaps zu, aber die Gesandten aus fast 200 Teilnehmerstaaten brachten weiterhin nicht den Konsens zustande, dass auf dem Planeten einst kein Öl und Gas mehr verbrannt werden sollen. Auch wenn in der Abschlusserklärung letztlich doch noch daran festgehalten wurde: Spätestens jetzt ist das Ziel, die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen, in den Augen vieler Expert:innen praktisch unerreichbar.

Resignieren kann nur, wer hoffte, die Katastrophe werde von ganz oben abgewendet.

Die Frustration ist gross, nicht selten kippt sie in diesen Tagen in Resignation und Zynismus. Die Welt wird 2022 gemäss Prognosen erneut einen neuen Rekordwert an Treibhausgasen in die Atmosphäre gepumpt haben. Fünf Prozent mehr als 2015, als das wegweisende Pariser Abkommen zustande kam. Was also haben all die Klimagipfel bisher tatsächlich gebracht? Was muss noch passieren, wenn es die Verhandlungsteilnehmer:innen nicht einmal in einem Jahr der unvorstellbaren Wetterextreme schaffen, die Welt zumindest ein bisschen von ihrem Selbstzerstörungskurs abzubringen?

Der Gipfel brachte aber auch eine andere Geschichte hervor. In Bezug auf die Finanzierung künftiger Klimaschäden wurde eine beachtliche Einigung erzielt: So soll ein Fonds entstehen, aus dem Länder, die von klimatisch befeuerten Umweltkatastrophen betroffen sind, Geld beziehen können. Es ist ein grosser Erfolg für jene Akteur:innen, die dafür hart gegen den zähen Widerstand reicher Staaten wie der Schweiz angekämpft haben. Teils jahrzehntelang, wie etwa kleine Inselstaaten, die von der Klimaerhitzung am offensichtlichsten in ihrer Existenz bedroht sind.

Geht man von den 1 bis 1,8 Billionen US-Dollar aus, die in ärmeren Ländern gemäss Studien bald jährlich an durch Dürren, Überschwemmungen oder den steigenden Meeresspiegel verursachten Schäden anzufallen drohen, stellt sich allerdings die Frage: Wer wird dafür tatsächlich aufkommen? Dies wurde in Scharm el-Scheich noch nicht geklärt. Ginge es nach dem Verursacherprinzip, würden historische wie gegenwärtige Treibhausgasemissionen für den Anteil, den Staaten in den Fonds einzuzahlen haben, ausschlaggebend sein – und es wären insbesondere auch Rohstofffirmen, die an jeder Tonne verbrannter fossiler Energieträger verdienen, zur Beteiligung zu zwingen. Zu befürchten ist hingegen, dass am Ende lediglich ein neuer Topf bereitsteht, in den Länder freiwillig und viel zu wenig einzahlen werden. Und dass sie dafür Gelder aufwenden, die sie von den Massnahmen- und Anpassungsfinanzierungen im Globalen Süden abziehen. Und dennoch: Dieser Durchbruch bleibt ein wichtiger, gegen mächtige Player durchgesetzter Zwischensieg.

Im Gegensatz dazu sendet die COP27 bei der Begrenzung der Erderhitzung ein düsteres Signal aus: Sie steht für ein weiteres verlorenes Jahr. Resignieren kann jedoch nur, wer darauf gehofft hat, die Klimakatastrophe werde allein ganz oben abgewendet – an Konferenzen, an denen es von den Lobbyist:innen des fossilen Kapitalismus nur so wimmelt. Selbst bürgerlichen Politiker:innen in der Schweiz muss klar sein, dass sich die Verantwortung nicht abschieben lässt nach Glasgow, Scharm el-Scheich oder Dubai, wo die COP im nächsten Jahr stattfindet. Demgegenüber mag die Klimabewegung derzeit vielerorts in einer Sinnkrise stecken, ausgemergelt vom Kampf gegen die Phalanx politischer und wirtschaftlicher Machtkartelle. Aber sie ist wichtiger denn je, und sie verdient laute Unterstützung, wo immer sie sich der Resignation verweigert. 1,5 ist schliesslich bloss eine Zahl – und es lohnt sich, wo immer möglich und mit aller Kraft gegen jedes weitere Zehntel- und Hundertstelgrad Erderhitzung anzukämpfen.

Lesen Sie auch: «Klimakonferenz COP27: Sind jetzt die Schwellenländer schuld?»