Durch den Monat mit Uschi Waser (Teil 4): Besteht die Gefahr der Retraumatisierung im Altersheim?
Seit 34 Jahren verlangt Uschi Waser, dass die Geschichte der «Kinder der Landstrasse» Pflichtstoff in Schulen wird. Und sie hat Eveline Widmer-Schlumpf ein Mail geschrieben.
WOZ: Uschi Waser, letzten Freitag demonstrierten in Bern Tausende gegen die vom Bund geplanten Tarifkürzungen bei der Physiotherapie. Auch Sie bekämpfen diese Sparmassnahmen. Warum?
Uschi Waser: Stellen Sie sich vor, was man mit diesen Kürzungen – es geht ja nicht nur um die Physiotherapie – gerade bei älteren Menschen anrichtet. Mittlerweile sind viele der Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ins Alter gekommen. Sie leiden an Spätfolgen einer von Gewalt und Missbrauch geprägten Kindheit und Jugend. Wegen dem, was ihnen der Staat angetan hat, benötigen sie dringend Therapien. Dass nun dieselbe offizielle Schweiz, die ihnen so viel Unrecht angetan hat, diese Streichungen macht, ist für alle Betroffenen – auch für mich – wie ein «Chlapf uf d Schnore», wirklich! Es ist so unfair, gerade und erneut auf unsere Kosten zu sparen.
Was haben Sie unternommen?
Ich habe vor ein paar Tagen ein Mail an Eveline Widmer-Schlumpf geschrieben mit genau diesen Worten. Sie ist ja Präsidentin von Pro Senectute. Ich glaube nicht, dass ich etwas erreichen werde, und trotzdem ist es mir wichtig, dass ich etwas gemacht habe. Denn ich kann es nicht genug betonen: Es ist beschämend und himmeltraurig für all diese Menschen. Was soll mit diesen Sparmassnahmen denn erreicht werden? Sollen die Altersheime noch mehr gefüllt werden? Denn wenn bei Therapien gespart wird, hat das zur Folge, dass diese Menschen weniger lang selbstständig leben können.
Viele der Betroffenen von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen haben als Kind schlimme Heimerfahrungen gemacht. Wird sie ein erneuter Heimaufenthalt allenfalls retraumatisieren?
Ja, das weiss man: Im Heim kommt das ganze Elend wieder hoch. Und wer schaut dann zu ihnen? Wenn niemand mehr Zeit hat, weil überall im Gesundheitswesen gespart wird?
Was löst die Vorstellung bei Ihnen aus, dass Sie womöglich irgendwann wieder in ein Heim müssen?
Diese Vorstellung erschüttert mich. Nur deswegen bin ich bei Exit. Wenn das Schicksal nur einigermassen gnädig mit mir ist, kann ich hoffentlich Exit nutzen und werde nie, nie wieder in einem Heim landen. Ich habe grosse Teile meiner Kindheit in Heimen verbracht. Bis zu meinem 18. Geburtstag lebte ich sechs Jahre meines Lebens hinter Mauern mit Stacheldraht. Wie viele andere Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen habe ich ein latentes Misstrauen gegenüber den Behörden. Hinzu kommt: Die Angestellten in den Heimen wissen viel zu wenig Bescheid, um mit Menschen wie uns, die in ihrer Kindheit mit Heimerfahrungen traumatisiert worden sind, richtig umzugehen.
Setzen Sie sich auch deshalb aktiv dafür ein, dass in den Ausbildungen zu Pflegeberufen über die Geschichte der «Kinder der Landstrasse» aufgeklärt wird?
Ja. Und nicht nur Pflegende müssten das lernen. Ich sage immer und immer wieder: Jeder angehende Lehrer oder Arzt, jede zukünftige Psychologin oder Polizistin müsste zwingend entsprechend ausgebildet werden. Ich finde es unheimlich traurig, wenn ich in einem Spital einen Vortrag für Mitarbeitende halte, und niemand hat eine Ahnung, was Jenische sind, niemand kennt die Geschichte der «Kinder der Landstrasse». Vielleicht drei von fünfzig wissen gerade noch, was fürsorgerische Zwangsmassnahmen sind. Das ist doch erschreckend. Und man darf das nie vergessen: Die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wurden in der Schweiz noch bis 1981 vollzogen!
Dass die «Kinder der Landstrasse» Teil des Schulstoffs sind, ist ein grosses Anliegen von Ihnen.
Ich habe es bereits 1989 in meinem ersten Fernsehauftritt im SRF gesagt, und ich werde nicht aufhören, es zu sagen: «Kinder der Landstrasse» ist ein Stück Schweizer Geschichte und gehört in die Schulbücher. Nun sage ich das seit 34 Jahren.
Hat sich seither gar nichts getan?
Doch, zum Glück. Aber es geht langsam vorwärts. Es gibt unter anderem schönes Schulmaterial von Tanja Rietmann oder von Loretta Seglias zum Thema «fürsorgerische Zwangsmassnahmen». Und im Kanton Bern findet seit letztem Mai das Projekt «Zeichen der Erinnerung» («Zeder») statt, um an die Zeit der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen vor 1981 zu erinnern. In diesem Zusammenhang gibt es auch Schulmaterial und Schulbesuche von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Betroffene gehen regelmässig in Schulen im Kanton Bern und erzählen aus ihrem Leben. Aber das Problem ist: Das alles ist noch immer kein Pflichtstoff. Mir wird immer gesagt, das sei halt der Auftrag der Kantone …
Das Problem ist der Föderalismus?
So wird es behauptet. Doch schauen Sie: Die ganze Schweiz lernt den Ersten und Zweiten Weltkrieg – das ist Pflichtstoff, Föderalismus hin oder her. Auch die Geschichte der «Kinder der Landstrasse» muss Pflichtstoff werden.
Uschi Waser (71), Präsidentin der Stiftung Naschet-Jenische, setzt sich seit über dreissig Jahren für die Aufarbeitung der Geschichte des Pro-Juventute-«Hilfswerks» «Kinder der Landstrasse» ein. Dieses nahm von 1926 bis 1973 rund 600 jenische Kinder ihren Eltern weg. Waser war eines von ihnen.