Versicherung und Klima: Die Heuchler vom Zürichsee

Nr. 48 –

Sie gibt sich nachhaltig und grün, doch die Zurich-Versicherung stützt mit ihren Policen im grossen Stil die fossile Energieindustrie. Daran will sie vorerst nichts ändern – und gerät zunehmend in den Fokus von Klimakampagnen.

Hauptsitz der Zurich Insurance Group am Mythenquai
Glänzende Fassade, aber noch immer ein schmutziges Geschäft: Hauptsitz der Zurich Insurance Group am Mythenquai.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein. Einerseits ist da auf den ersten Seiten des Jahresberichts der Zurich Insurance Group die Werbesprache: «Bei Zurich möchten wir gemeinsam eine bessere Zukunft zum Wohle der Menschen und des Planeten gestalten.» Man arbeite mit grossen und kleinen Partnern «an Lösungen für die drängendsten gesellschaftlichen und ökologischen Probleme». Und CEO Mario Greco schreibt: «Unserem Bestreben, eines der verantwortungsbewusstesten und wirkungsvollsten Unternehmen zu sein, bleiben wir treu.»

Demgegenüber steht die Bewertung von Insure Our Future, einer Kampagne führender Umweltorganisationen, die die grossen Versicherungen der Welt bezüglich ihrer Klimafreundlichkeit vergleicht. Da schneidet Zurich miserabel ab. Sie sei weltweit der sechstgrösste Versicherer von fossilen Anlagen wie Ölplattformen, Gaspipelines oder Kohleminen, heisst es in einer kürzlich veröffentlichten Studie der Kampagne. Zudem sei Zurich neben der britischen Lloyd’s die einzige europäische Versicherung, die weiterhin auch neue Öl- und Gasförderprojekte fördere. «Ein krasses Beispiel von Heuchelei», folgert Insure Our Future.

Einst Pionierin …

Die Zurich Insurance Group ist mit ihren weltweit fast 60 000 Beschäftigen das grösste Versicherungsunternehmen der Schweiz. Das Management behauptet standhaft, es führe das Geschäft so, dass es mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens vereinbar sei und somit nicht zu einer globalen Erwärmung von mehr als 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Periode beitrage.

Die Versicherung hat ihren Hauptsitz am Zürcher Mythenquai, in unmittelbarer Nähe zum Zürichsee. Der «Quai Zurich Campus», wie er intern heisst, besteht aus einem 120-jährigen Monumentalbau im Jugendstil, der erst kürzlich rundum erneuert wurde, sowie teilweise neu erstellten Annexbauten mit fancy Glasfassaden. Der ganze Komplex soll laut Zurich «eines der nachhaltigsten Gebäude der Welt sein». Die höchsten Baustandards seien erfüllt, auf dem Dach sind Solarzellen, beheizt und gekühlt wird mit Seewasser und Wärmepumpen, in der Tiefgarage parken vornehmlich Elektroautos. Gegen aussen stimmt das Auftreten.

Die Zurich-Versicherung war eine Zeit lang auch eine Klimapionierin innerhalb ihrer Branche, sagt Peter Bosshard. Er ist Kampagnenleiter von Insure Our Future und hat die aktuelle Studie zur Versicherungsbranche mitverfasst. Zurich war der zweite Versicherungskonzern weltweit, der keine neuen Kohleprojekte mehr versicherte. «Sie haben damals den Stein mit ins Rollen gebracht», sagt Bosshard. Ausserhalb von China sei es inzwischen praktisch nicht mehr möglich, ein neues grosses Kohlekraftwerk zu bauen. Es fände sich schlicht keine entsprechende Versicherung.

Zurich war 2021 auch einer der Gründer der Net-Zero Insurance Alliance (NZIA), einer Vereinigung von Versicherungsgesellschaften, die unter dem Schirm der Uno die Dekarbonisierung des Versicherungsgeschäfts beschleunigen sollte. Doch die Zurich Insurance Group trat, wie andere Versicherungsunternehmen auch, im April 2023 wieder aus, offenbar auf Druck von Staatsanwaltschaften aus republikanisch regierten Bundesstaaten der USA, die die NZIA als illegale Kartellorganisation brandmarkten.

… jetzt destruktiv

Für Peter Bosshard ist der Austritt der Versicherungen aus der NZIA, die ohnehin wenig bewegt habe, kein grosses Thema. Aber man dürfe, so sagt er, von ihnen erwarten, dass sie die in der NZIA eingegangenen Verpflichtungen weiterhin einhielten. Gemäss diesen hätte Zurich im Sommer Ziele zur Reduktion der von ihr versicherten Emissionen veröffentlichen müssen sowie einen Zeitplan, wann sie diese Ziele erreichen wolle. Das habe die Versicherung bislang aber nicht getan. «Sie kneifen überall», stellt Bosshard fest.

Generell, so Bosshard, verhalte sich Zurich inzwischen sehr destruktiv: «Wir sehen einen enormen Widerspruch zwischen den Erkenntnissen der Klimawissenschaft und dem, was die Zurich macht.» Tatsächlich: Die Zurich-Versicherung rühmt sich auf ihrer Website, «hochspezialisierte Teams» zu beschäftigen, die die Bedürfnisse ihrer Kund:innen im Bereich Öl, Gas, Petrochemie, Minen und Kraftwerke befriedigten. Nach eigenen Angaben verfügt die Versicherung in diesem Bereich über 700 «Risikoprofis». Man habe 2018 einen neuen Energieplan verabschiedet, habe seither jedes Jahr die Kapazitäten ausgeweitet und sei jetzt «einer der weltweit grössten Versicherer in der traditionellen Energieindustrie». Laut Bosshard haben nur wenige Versicherungen, darunter auch Zurich, das Know-how, aber auch die finanziellen Ressourcen, um grosse fossile Anlagen versichern zu können. Gerade deshalb sei es so wichtig, dass Zurich keine neuen Öl- und Gasanlagen mehr versichere.

Gegenüber Medien gibt sich die Zurich über die künftige Ausrichtung zugeknöpft. Konkrete Fragen der WOZ zu ihrem Energieplan, aber auch etwa zum Austritt aus der NZIA will man nicht beantworten. Sehr allgemein verteidigt die Medienabteilung das Geschäft mit fossilen Unternehmen mit den Worten: «Für die Wirtschaft und Gesellschaft ist eine Übergangsphase zu Netto-null-Emissionen notwendig, um die Risiken, die sich aus diesem Prozess ergeben, anzugehen und zu managen, einschliesslich der Versorgungssicherheit und Erschwinglichkeit von Energie.» Man sei überzeugt, dass sich der Übergang zu Netto-null-Emissionen nicht durch Versicherungsausschlüsse beschleunigen liesse. «Indem wir unsere Kunden beim Übergang unterstützen, können wir eine grössere Wirkung erzielen.»

«Das ist ein Witz», sagt Peter Bosshard zu dieser Argumentation. Es gebe keinerlei Anzeichen, dass der Dialog von Zurich mit diesen Firmen eine Wirkung zeigen würde. «Zudem gibt es kein glaubwürdiges Klimaszenario, das mit dem Pariser Klimaabkommen vereinbar ist und gemäss dem jetzt noch weitere neue Öl- und Gasförderanlagen gebaut werden können. Versicherungen können doch den Ölfirmen nicht empfehlen, sich von ihrem Kerngeschäft wegzubewegen, und gleichzeitig ihre Dienste für neue fossile Projekte anbieten. Das ist völlig unglaubwürdig.»

Profite auf Kosten der Verlierer:innen

Zurich machte letztes Jahr einen Gewinn von 6,5 Milliarden US-Dollar. Die Dividenden für die Aktionär:innen steigen seit mehreren Jahren kräftig. Die beiden mit Abstand grössten Aktionäre von Zurich sind die US-Investmentgesellschaften Blackrock und Capital Group mit je rund fünf Prozent des Aktienkapitals. Beide Unternehmen stecken viel Geld in grosse Öl- und Gaskonzerne. So hält Blackrock etwa beim grössten privaten Ölkonzern Exxon Mobil Aktien im Wert von rund 28 Milliarden US-Dollar und ist damit der zweitgrösste Aktionär des Unternehmens. Die Interessenlage von Blackrock und Capital Group ist offensichtlich: Solange sie sich so stark in fossilen Energieunternehmen engagieren, sollen Versicherungen deren Projekte auch versichern.

Dabei ist die Zurich anderweitig extrem flexibel, wenn es darum geht, aus Geschäftszweigen auszusteigen. So hat die Versicherung auf ihrer Investorentagung vom 16. November angekündigt, das Risiko im Bereich Katastrophen bis zum nächsten Jahr um zwanzig Prozent zu reduzieren. Die Manager:innen in Zürich sind zuversichtlich, dass so die Gewinne weiter steigen und die Aktionär:innen noch mehr Dividenden erhalten werden.

Die Auswirkungen dieser Firmenpolitik sind dramatisch: Im August wurden 2400 Beschäftigte der Zurich-Tochtergesellschaft Farmers Group in den USA entlassen. «Wir müssen jetzt einschneidende Massnahmen treffen, um Farmers für den künftigen Erfolg besser zu positionieren», begründete Farmers-Chef Raul Vargas den Schritt. Vargas sitzt auch in der Geschäftsleitung von Zurich. Was «bessere Positionierung» heisst, hatte Farmers schon zuvor angekündigt: So versichert das Unternehmen in Florida keine Häuser und Autos mehr – zu viele Überschwemmungen und Tornados gibt es inzwischen in diesem Bundesstaat. Ebenfalls auf dem Rückzug ist Farmers in Kalifornien, wo es immer wieder verheerendere Wald- und Buschbrände gibt.

«Je mehr die Klimakrise eskaliert, desto mehr ziehen sich Versicherungsgesellschaften aus jenen Regionen zurück, die besonders vom Klimawandel betroffen sind», schreibt Insure Our Future. Ein Trend, der nicht nur in den USA zu beobachten ist. Während Versicherungsunternehmen wie Zurich die Opfer der Erderhitzung im Stich lassen, versichern sie aus ihren nachhaltigen Geschäftsräumen heraus die Verursacher der Krise und steigern so ihre Gewinne.

Weiter wie bisher : Sie wissen es seit fünfzig Jahren

Eine grosse, mit Öl verschmierte Torte: Das erhielten die CEOs der grossen Versicherungskonzerne am Dienstag von Umweltaktivist:innen zum Geburtstag ihrer Branchenvereinigung Geneva Association. Die Versicherungsmanager:innen haben sich während zweier Tage im Zürcher Kongresshaus zum Jubiläumsanlass getroffen, an dem unter anderem zur Diskussion stand, wie eine klimaneutrale Wirtschaft erreicht werden könne. Die Geneva Association vereinigt 78 CEOs der globalen Versicherungsunternehmen, darunter die Geschäftsleiter der weltweit führenden Versicherer fossiler Brennstoffe wie John Neal (Lloyd’s of London), Peter Zaffino (AIG) und Mario Greco (Zurich). Präsident der Geneva Association ist Christian Mumenthaler, CEO des Schweizer Rückversicherers Swiss Re.

Das Geschäft der Versicherungen ist es, Risiken abzuschätzen. Und so geben sie viel Geld aus, um immer auf dem aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu bleiben. Schon vor fünfzig Jahren warnte das Rückversicherungsunternehmen Munich Re vor den Risiken des Klimawandels. Es sagte einen Rückzug der Gletscher und Polkappen, ein Schrumpfen der Seeflächen und einen Anstieg der Temperaturen voraus.

«Die Versicherungsindustrie wusste, was auf uns zukommt, bleibt in ihrer Reaktion aber bis heute ungenügend», kritisiert die Kampagnenorganisation Campax, die an der Aktion vor dem Kongresshaus beteiligt war. Die Kampagne Insure Our Future hatte im November eine Bewertung der grossen Versicherungen vorgestellt. Diese kommt zum Schluss, dass fast alle grossen Versicherer auch heute noch Öl- und Gasförderungsanlagen, Pipelines, aber auch Gaskraftwerke versichern.

Auch an Swiss Re, die von Insure Our Future eine relativ gute Bewertung erhalten hat, gibt es Kritik: Eine kürzlich von der Organisation Public Eye ermöglichte Recherche zeigt, dass der grosse Schweizer Rückversicherer in Brasilien zwischen 2016 und 2022 mindestens neunzehn Policen für Grossfarmen abgeschlossen hat, denen die Behörden illegale Abholzungen nachgewiesen haben.