Ukraine: «Der Krieg vergisst dich nicht»

Nr. 8 –

Nach bald zehn Jahren Krieg hat ein grosser Teil der Bevölkerung der Ukraine Kampferfahrung. Und viele Veteran:innen haben Schwierigkeiten, sich wieder an den Alltag abseits der umkämpften Gebiete anzupassen.

Portraitfoto von Alexander Chamorsow
«Während ich in der Kampfzone war, hatten wir mehrere Suizide»: Alexander Chamorsow, heute Psychologe einer Krisenhotline für Veteran:innen.

Die zwei Welten, von denen Alexander Chamorsow spricht, zeigt er mit seinen beiden Händen. Er positioniert sie weit voneinander entfernt auf dem Tisch vor sich. Die eine, die militärische Welt, sei schwarz-weiss und fühle sich deshalb oft einfacher an, sagt der 61-Jährige. «Es geht um die Grundbedürfnisse. Darum, dass man Nahrung und Kleidung hat. Es gibt Brüder und Schwestern. Und es gibt Feinde.»

In dieser Welt, in der die Instinkte und der Überlebenswillen zählen, hat Chamorsow nach der Maidan-Revolution und dem Kriegsausbruch in der Ostukraine 2014 selbst zwei Jahre freiwillig gelebt und gekämpft. Über die Beweggründe für diese Entscheidung denke er noch immer nach. «Manche meiner Freunde waren zu dem Zeitpunkt, als ich in den Donbas kam, bereits gestorben. Ich hatte das Gefühl, dass ich dorthin gehen muss und dass es besser ist, wenn ich gehe als die, die jünger sind.»

Mittlerweile hat Chamorsow die Uniform gegen eine sportliche Daunenjacke getauscht, er trägt Brille und einen grauen Bart. Doch seine Statur verrät noch immer, dass er beim Militär war. Im Alltag, sagt er, seien es die vielen täglichen Routinen, der Hang zu Ordnung und die Zeitpläne, die er aus dieser Zeit mitgenommen habe und pflege. «Planung ist für mich wichtig und macht mich glücklich. Sie zeigt mir, dass ich weiterleben werde, dass ich Pläne für das Leben habe.»

Sich wieder an die zivile Welt anzupassen, sei in vielerlei Hinsicht schwierig gewesen – und sei es bis heute. Plötzlich, sagt Chamorsow, nach zwei Jahren im Kampf, habe sich das Leben wieder bunt angefühlt. Doch in der zweiten, der zivilen Welt hat die Gesellschaft viele Schattierungen, das menschliche Verhalten, die Regeln und der Interpretationsspielraum von Meinungen und Handlungen sind komplexer. «Ich hatte den Eindruck, dass die Gesellschaft mich nicht akzeptiert», sagt er. «Dieser plötzliche Übergang war für mich mit Trauer verbunden. Ich glaube, das geht vielen so.»

Das Tabu brechen

Fast eine Million Veteran:innen soll es in der Ukraine mittlerweile geben. Und zu den vielen, die ab 2014 und dann in einem weiteren Schritt ab 2022 kämpften, kommen die Tausenden Mitarbeiter:innen der Notdienste. Etwa der Feuerwehr, die nach den häufigen Angriffen die Verletzten und Toten birgt. Das medizinische Personal, das die Verwundeten versorgt und sich um die Rehabilitation der Kriegsversehrten kümmert. Die freiwilligen Helfer:innen, die seit bald zwei Jahren in den Gebieten nahe der Front Menschen evakuieren. Die ukrainischen Journalist:innen, die über die Ereignisse berichten. Und die Zivilist:innen, die unter den Kampfhandlungen leiden und neben den Verwandten und Bekannten auch ihr Hab und Gut verlieren.

Für ihn selbst war das Weiterleben nach der Front oft schwer zu ertragen, sagt Chamorsow. Eine Zeit lang war Alkohol für ihn der Ausweg, um das Gefühl zu betäuben, dass er wohl nie mehr ganz in das soziale Gefüge reinpassen werde. Da waren Momente wie jener, als er in seiner alten Uniform und mit den Beinverletzungen aus dem Kampf im Bus sass und ihm ein junger Mann einen 500-Hrywnja-Schein zusteckte und sich für seinen Dienst bedankte. Da waren die Situationen, in denen er gefragt wurde, wie er seine eigenen Brüder töten könne.

«Während des Kriegs gibt es eigentlich immer eine Freundschaft mit Alkohol», so Chamorsow. «Ich habe diese Freundschaft nach dem Einsatz fortgesetzt.» Irgendwann suchte er sich Hilfe. «Sobald ich mich damit befasste, verbesserte sich meine Situation», sagt er. Doch im Jahr 2016 galt das Thema «mentale Gesundheit» in der Ukraine noch als tabu, und für die psychischen Schwierigkeiten der Soldat:innen gab es laut Chamorsow kein Bewusstsein. Das für Veteran:innen zuständige Ministerium wurde erst zwei Jahre später gegründet.

«All das gab mir das Gefühl, dass die Gesellschaft mir gegenüber feindselig eingestellt ist», so Chamorsow. Bis zum Krieg hatte er als Designer gearbeitet, und diesen Beruf wieder auszuüben, war unvorstellbar. Stattdessen entschied er sich für ein Psychologiestudium. Zu dem Zeitpunkt hatten sich im Land bereits die ersten Organisationen für Veteran:innen gegründet, und als im Jahr 2019 die Suizidpräventionshotline für Veteran:innen «Lifeline Ukraine» lanciert wurde, begann Chamorsow, dort mitzuarbeiten.

«Während ich in der Kampfzone war, hatten wir mehrere Suizide in der Einheit, über die natürlich niemand sprach und die auch nirgendwo aufgeführt sind, aber es gab sie», sagt er. Genaue Statistiken dazu werden in der Ukraine nicht veröffentlicht. Doch dass es gerade bei Soldatinnen und Veteranen häufig dazu kommt, liege auch am einfachen Zugang zu Waffen, sagt Chamorsow. «Wenn ich mich an meine Rückkehr erinnere, denke ich, dass ich dem auch sehr nahekam, weil ich nicht verstand, wie man weiterleben konnte und was ich überhaupt mit meinem Leben tun sollte.»

Erfahrungen aus den USA zeigen, dass bei Veteran:innen die Wahrscheinlichkeit, durch einen Suizid zu sterben, 1,5-mal höher ist als bei anderen Erwachsenen. Dabei sei Suizid eine der vermeidbarsten Todesursachen, wenn man einer Person nur im richtigen Moment die richtige Art von kritischer Unterstützung bieten könne, sagt Paul Niland. Der gebürtige Ire lebt seit Jahren in der Ukraine und ist Mitbegründer von Lifeline Ukraine. Und oft seien das eben Gespräche auf Augenhöhe, von Veteran zu Veteran, so der Ansatz der Hotline.

Mittlerweile häufen sich auch die Anrufe von Lebenspartnern, Verwandten und Freundinnen oder von Zivilist:innen. Allein im Januar berichteten laut Niland von den insgesamt 3262 Anrufer:innen 433 von suizidalem Verhalten. Doch die meisten Gespräche drehen sich mittlerweile um Themen wie Einsamkeit, Angst und Depression oder um Fragen danach, welche Art von Hilfe es gibt. «Etwa zehn Prozent der Anrufe bei uns stammen von ehemaligen oder aktuellen Kämpfer:innen», sagt Niland. «Wenn man bedenkt, wie viele Menschen in die Kämpfe verwickelt sind oder waren und wie viele Verwandte sie haben, zeigt das, dass die gesamte Gesellschaft von diesem Krieg betroffen ist.» Dass so viele in der Ukraine den Krieg erlebt haben, hat dazu beigetragen, dass die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen und Beratungen mittlerweile stark abgenommen hat. «Die Nachfrage nach Beratung ist stark angestiegen. Aber die Zugangsbarrieren sind jetzt viel niedriger, weil es viel mehr Hilfsangebote gibt», so der 51-Jährige.

ein Hel­fer schneidert Uniformen
«Man kann nicht einfach dasitzen»: Im Hauptquartier der «Veteranka» schneidern Hel­fer:in­nen Uniformen oder knüpfen Tarnnetze.
eine Hel­ferin knüpft ein Tarnnetz

Weit weg von der Front

Auf die Frage, was es für sie bedeute, Veteranin in einem Land zu sein, das noch immer angegriffen werde, antwortet Nina Karpenko: «Der Krieg vergisst dich nicht.» Karpenko sitzt in einem unscheinbaren Bürogebäude in einem Wohnbezirk von Kyjiw, auf ihren kreisrunden Ohrringen ist der ukrainische Dreizack zu sehen. Hier im Hauptquartier der von Veteraninnen gegründeten Organisation Veteranka knüpfen freiwillige Helfer:innen, hauptsächlich Frauen, Tarnnetze oder schneidern Uniformen für Soldatinnen. «Man kann nicht einfach dasitzen und sich Sorgen machen. Wenn man nicht mit einer Waffe kämpfen kann, muss man eine zuverlässige Stütze sein», sagt Karpenko. Nach der Maidan-Revolution habe sie verstanden, dass sie für das Land, in dem sie leben wolle, auch einen Beitrag leisten müsse.

Weil sich mittlerweile wieder viele Veteraninnen an der Front befinden, konzentriert sich die Organisation seit dem 24. Februar 2022 vor allem auf die Unterstützung der Armee, in der laut dem ukrainischen Verteidigungsministerium mehr als 40 000 Frauen aktiv sind. Als Karpenko sich im Jahr 2014 entschied, in ein Freiwilligenbataillon einzutreten, und in die Stadt Slawjansk im Donbas ging, wo der Krieg damals anfing, seien «Frauenangelegenheiten» noch kein Thema gewesen. «Damals war das Schwierigste für mich, dass man als Frau nicht ernst genommen wurde», sagt die mittlerweile 37-Jährige und berichtet, dass sie damals, auf ihrem ersten Einsatz, in weissen Turnschuhen losgezogen sei. «Ich habe niemandem gesagt, dass ich kleinere Schuhgrössen benötige als die Männer. Das anzusprechen, war einfach nicht angemessen.»

Portraitfoto von Nina Karpenko
«Wenn man nicht mit einer Waffe kämpfen kann, muss man eine zuverlässige Stütze sein»: Nina Karpenko von der Organisation Veteranka.  

Die meisten Frauen, mit denen sie gedient habe, hätten sich vor zwei Jahren wieder freiwillig gemeldet, und auch Karpenkos Mann kämpft. Sie selbst kümmert sich um ihr dreijähriges Kind. «Es ist psychologisch sehr schwierig, dass ich nicht dort bin», sagt sie. Die umkämpften Gebiete und das Leben an der Front fühlen sich in der ukrainischen Hauptstadt weit entfernt an. «Solange die Menschen nicht direkt betroffen sind, wenn ein Angehöriger stirbt oder ein Haus zerstört wird, vergessen sie», sagt Karpenko. «Diejenigen, die auf dem Schlachtfeld waren, erinnern sich jeden Tag.»

Aus der Ferne beobachte sie die militärische Lage, tausche sich mit Bekannten aus, analysiere die Situation. «Wenn man gekämpft hat, ist es einerseits einfacher, die Situation zu verstehen», so Karpenko. Doch das bedeute auch, dass man bestimmte Entwicklungen vorhersehen könne. So wie viele im Land bedauert sie die Absetzung von Armeechef Waleri Saluschni Anfang Februar. Der neu ernannte Alexander Sirski ist bei vielen unbeliebt. «Er gilt als aggressiver in seiner militärischen Herangehensweise. Als einer, der weniger auf die Verluste achtet. Vielleicht werden wir gewinnen, aber der Preis wird höher sein.» Und der Krieg, davon ist sie überzeugt, werde noch Jahre andauern.

Alexander Chamorsow sagt, dass er den Führungswechsel als reine Veränderung zu betrachten versuche. Als etwas, über das er keine Kontrolle habe und von dem er seinen emotionalen Zustand nicht abhängig machen wolle. Ansonsten könne er seine Arbeit nicht gut machen. Mittlerweile ist Chamorsow leitender Psychologe einer Krisenhilfehotline des Ministeriums für Veteranenangelegenheiten. Nebenbei übernimmt er immer noch Schichten bei Lifeline Ukraine. Normalerweise beginne er die Gespräche damit, dass er sich für den Dienst bedanke, den die Anrufenden erwiesen hätten, sagt Chamorsow. Darauf folge die Frage nach dem Grund für den Anruf. Dann der Dialog, in dem er erkläre, dass er selbst in ähnlichen Situationen gewesen sei. Die gegenseitige Unterstützung, das Zuhören und Erzählen – das sei gerade jetzt wichtiger denn je. Bestimmte Fragen würden sich im Gespräch verbieten. «Für einen Veteranen gibt es Gut und Böse, es gibt Verrat oder Sieg, es gibt keinen Mittelweg. Es kann also zu Aggressionen führen, wenn ich in so einer Situation fragen würde, ob die Person Angst hat», so Chamorsow.

Eine der grössten Veränderungen im Verlauf der letzten Jahre betreffe das Alter der Anrufer:innen. Die heutigen Veteran:innen seien viel jünger als er: Menschen, die noch keine Familie oder keinen festen Arbeitsplatz haben. «Das wird ihre Rückkehr beeinflussen», sagt er. «Das sind Menschen, die sich selbst von Grund auf neu suchen werden. Darin liegt der Unterschied.» Dass die Ukraine die Mobilisierung vorantreiben und mehr Menschen wird einberufen müssen, wird diese Entwicklung wohl weiter antreiben. «Meine Generation war vor dem Kriegseinsatz schon ausreichend an das zivile Leben angepasst.» Die Gesellschaft müsse sich gut überlegen, was sie den jungen Rückkehrer:innen an Perspektiven zu bieten habe und wie sie mit ihnen umgehen werde. Doch gerade die Frage nach der Perspektive bleibt derzeit offen.

Ob er noch immer überzeugt sei, dass die Ukraine gewinnen werde? Chamorsow zögert. «Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Ich kann die Ereignisse nicht vorhersagen, ich kann sie nicht beeinflussen. Aber in meinem Herzen muss die Ukraine natürlich gewinnen.»

Jahrestag der Invasion : Kein Frieden in Sicht

Der Fall Awdijiwkas kam nicht unerwartet. Seit bald zehn Jahren liegt die Front in der Nähe der Stadt im Donbas. Trotzdem ist die jüngste militärische Entwicklung für die Stimmung in der Ukraine ein schwerer Schlag. Sie folgt ausserdem auf die Absetzung des beliebten Armeechefs Waleri Saluschni und die Zuspitzung der Munitionsknappheit.

Hinzu kommt, dass das Land vor einer neuen Mobilmachung stehen könnte. Vor kurzem stimmte das ukrainische Parlament für einen neuen Gesetzentwurf zur Mobilisierung. Er sieht eine Herabsetzung des Einberufungsalters von 27 auf 25 Jahre und härtere Strafen für Wehrdienstverweiger:innen vor.

Präsident Wolodimir Selenski verkündete bereits im Dezember, dass die ukrainische Armee dringend mehr Soldat:innen brauche, von 450 000 bis 500 000 Menschen ist die Rede. In Kyjiw werden seit einigen Monaten Trainings für Männer und Frauen, die sich auf die Einberufung vorbereiten wollen, angeboten. Dass besagte Kurse nicht vom Staat, sondern hauptsächlich von Privatpersonen oder von manchen militärischen Vereinen selbst angeboten werden, sei dabei fundamental wichtig, erklärt eine der Organisator:innen, Olesia Korschenewska. «Würden diese Kurse vom Ministerium organisiert, würden die Menschen nicht hingehen», sagt die Vierzigjährige. «Denn wenn wir in die Rekrutierungsbüros gehen, wissen wir nicht, ob sie uns am nächsten Tag in den Tod schicken.»

Das Vertrauen in die Regierung nahm zuletzt und im Vergleich zum Jahr 2022 laut Umfragen ab. Das habe auch mit der schlechten Kommunikation gegenüber der Bevölkerung zu tun. «Sie behandeln uns, als wären wir Kleinkinder», so Korschenewska. «Sie sagen etwa: Wir verabschieden uns von Armeechef Waleri Saluschni, aber sie sagen nicht, warum.» Seit vergangenem Herbst merke sie, dass viele Männer in ihrem Umfeld aus Angst vor der Einberufung ihre Apartments nicht mehr verlassen. Ihr eigener Partner kämpft indes bereits seit Beginn der russischen Invasion vor zwei Jahren an der Front. Korschenewska: «Ich stehe in engem Kontakt zu Soldaten, und ich kenne ihre Stimmung. Ich glaube mittlerweile, nur noch ein Wunder kann uns retten.»