Wirtschaftskrise in Afghanistan: Teppiche verkaufen trotz Isolation

Nr. 42 –

Internationale Sanktionen, ein Überschuss an Arbeitskräften und die Politik des Taliban-Regimes: Die afghanische Wirtschaft leidet unter vielen Problemen. Ein Unternehmer und ein Arbeitssuchender erzählen.

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Manan Kassimi in seinem Teppich-Geschäft
Die Lager sind voll, aber der Export ist kompliziert: Manan Kassimi führt in Kabul eines der grössten ­Teppichhandelsunternehmen in Afghanistan. 

Dass der Handel mit Teppichen in der Geschichte Afghanistans nicht immer einfach war, weiss Manan Kassimi nur allzu gut. Er führt an einem Vormittag durch die Lagerhallen seines Familienunternehmens am Rand von Kabul. Kleine und grosse handgewobene Teppiche mit Mustern aus geschwungenen Linien, Blüten und Palmetten stapeln sich hier wie Türme an den Wänden, ein feucht-seifiger Duft liegt in der Luft. Unterwegs bleibt Kassimi, ein kleiner Mann in hellblauem Peran Tumban, dem traditionellen afghanischen Gewand, immer wieder stehen, um prüfend auf seine Mitarbeiter zu schauen. Mit schweren Eisenscheren sind diese dabei, Teppiche zu stutzen und in Form zu bringen.

Probleme mit Geldüberweisungen

1980, kurz nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, hatte Kassimis Vater das Unternehmen gegründet. Was als kleines Strassengeschäft begann, wuchs über die Jahre stetig. Als die widerständigen Mudschaheddin im Bürgerkrieg der neunziger Jahre weite Teile Kabuls in Schutt und Asche legten, seien eines Nachts alle Teppiche geplündert worden, erzählt Kassimi. Die Familie verlegte das Geschäft in den Norden des Landes und später, als 1996 die Taliban erstmals die Kontrolle übernommen hatten, nach Pakistan. Nach dem Sturz der Taliban Anfang der nuller Jahre kehrte die Familie nach Afghanistan zurück.

Heute führt der 43-jährige Kassimi das Unternehmen gemeinsam mit seinen sieben Brüdern in zweiter Generation. Zwar herrscht seit der erneuten Machtübernahme der Taliban im August 2021 erstmals seit knapp vier Jahrzehnten weitestgehend Frieden im Land. Dennoch stehe das Geschäft angesichts der Last internationaler Restriktionen vor gewaltigen Herausforderungen, sagt der Unternehmer. Er zeigt auf einen Stapel in weisser Folie verpackter Teppichrollen, die sich am Rand eines Gangs versandfertig für einen Kunden in Italien stapeln, für «das einzige Unternehmen, dem es gelingt, Geld auf unsere Bankkonten zu überweisen».

Innerhalb weniger Tage hatten sich die USA und ihre westlichen Verbündeten vor vier Jahren im Sommer aus Afghanistan zurückgezogen und einen Grossteil ihrer humanitären und militärischen Hilfsgelder eingestellt, die zuvor knapp drei Viertel des afghanischen Staatshaushalts ausgemacht hatten. Die internationale Staatengemeinschaft isolierte die neuen Machthaber, fror afghanische Staatsdevisen im Ausland ein und setzte alte Sanktionen wieder in Kraft. Innerhalb kürzester Zeit fiel das ohnehin strapazierte Land in eine schwere Wirtschaftskrise, von der es sich seither kaum erholt hat. Millionen Afghan:innen rutschten allein in den ersten Monaten nach dem Machtwechsel unter die Armutsgrenze. Laut Weltbank schrumpfte das Bruttoinlandprodukt im ersten halben Jahr um mehr als zwanzig Prozent.

Auch für Geschäftsleute wie Manan Kassimi zeigen sich die Folgen bis heute: Nur siebzig Prozent seiner vorherigen Belegschaft habe er weiter beschäftigen können. Mit seinem über die Jahre im Ausland aufgebauten Kundenstamm habe er noch Glück – viele andere Händler hätten Schwierigkeiten, ihre Ware auf die Absatzmärkte in der Türkei, in Europa, den USA oder Kanada zu bringen. Mit rund einer Million Beschäftigten ist die Teppichindustrie nach der Landwirtschaft einer der wichtigsten Wirtschaftszweige.

Werkstätten extra für Frauen

In Kassimis kleinem Büro hängen die Zertifikate der afghanischen Handelskammer an der Wand. Noch 2022 wurde das Unternehmen als zweitgrösster Teppichexporteur des Landes gelistet. Und mit rund 4000 angestellten Weberinnen gehört es in Afghanistan zu den wichtigsten Arbeitgebern für Frauen, die unter der Herrschaft der Taliban immer strengeren Regeln unterworfen sind.

Seit 2021 sind Frauen und Mädchen aus weiterführenden Schulen und Universitäten sowie aus den meisten offiziellen Berufen verbannt. Im informellen Sektor, wo viel Heimarbeit verrichtet wird, haben die Taliban bisher noch nichts unternommen, um Frauen auszuschliessen. Dazu gehören das Kunsthandwerk, Teile der Landwirtschaft – und die Teppichindustrie.

«Wir arbeiten zu 95 Prozent mit Frauen», sagt Kassimi. «Alle diese Teppiche wurden von Frauen geknüpft.» Im offiziellen Betrieb dürfen die Weberinnen nicht mehr arbeiten, weshalb sein Unternehmen in Abstimmung mit dem Sittenministerium in Kabul auch Werkstätten betreibt, zu denen Männern der Zutritt verboten ist. Daneben beschäftige er überall im Land Frauen, die Teppiche in Heimarbeit fabrizierten, erklärt Kassimi. «Wir geben ihnen Rohmaterial und Mustervorlagen und zahlen ihnen rund vierzig US-Dollar pro Quadratmeter Teppich.» Nicht viel, aber unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen sei nicht mehr möglich.

Eigentlich richten sich die Sanktionen nicht explizit gegen die afghanische Wirtschaft, sondern gegen die Taliban als Bewegung. Bereits im Dezember 2021 hatte die US-Regierung eine Reihe von Ausnahmeregelungen beschlossen, die Geldtransaktionen für private oder humanitäre Zwecke ausdrücklich erlauben. Noch immer schrecken aber viele internationale Finanzinstitute davor zurück, aus Angst, Sanktionsvorschriften zu verletzen.

Kassimi bittet daher die meisten seiner Kund:innen, das Geld für die Teppiche zunächst auf Bankkonten von Bekannten in der Türkei zu überweisen, von wo es anschliessend per Hawala, einem vor allem im arabischen Raum gebräuchlichen informellen Geldüberweisungssystem, nach Afghanistan transferiert werde. Die Gebühren seien aber hoch, und viele Kund:innen scheuten diesen Umweg.

Zuletzt hatte es für die afghanische Wirtschaft auch positive Nachrichten gegeben. So hatte die Weltbank im letzten Jahr etwa eine leichte Steigerung des Bruttoinlandprodukts von rund zweieinhalb Prozent verzeichnet, getragen von einem leichten Wachstum in der Landwirtschaft, dem Abbau von Rohstoffen und Mineralien sowie einem Aufschwung im Baugewerbe. Nach Einschätzung der Weltbank ist das Wachstum bislang allerdings nicht stark genug ausgefallen, um den Lebensstandard der Menschen deutlich verbessern zu können. Knapp ein Drittel der rund vierzig Millionen Afghan:innen sind gemäss Uno nicht in der Lage, sich ausreichend zu ernähren. Laut Unicef gab es in diesem Jahr den stärksten je im Land verzeichneten Anstieg von Unterernährung bei Kindern.

Neben der wirtschaftlichen Krise seien dafür vor allem die Kürzungen der internationalen Hilfsgelder, etwa die Einstellung des Hilfsprogramms USAID, mitverantwortlich, sagt Ibraheem Bahiss, Afghanistanexperte beim Thinktank International Crisis Group. Mit den Hilfsgeldern sei nicht nur ein Grossteil des Bildungs- und Gesundheitssektors finanziert worden – sie hätten in den letzten Jahren auch geholfen, die afghanische Währung Afghani stabil zu halten.

Zwar dürfte die von den Taliban geführte afghanische Zentralbank DAB neben den eingefrorenen Devisenreserven im Ausland weiterhin über geringe Reserven in Kabul verfügen. Doch sei unklar, wie lange diese die fehlenden US-Dollars auf dem afghanischen Markt ausgleichen könnten, meint Bahiss.

Millionen kehren zurück ins Land

An einem Nachmittag sitzen Dschamil und Sahel Mohamed gemeinsam mit ihren fünf Kindern auf dem Boden eines kleinen Zimmers in ihrer Wohnung am nördlichen Stadtrand Kabuls. Die Sonne scheint durchs Fenster, aus einiger Entfernung ist das Dröhnen der Flugzeuge vom nahen Flughafen zu hören. Nach dem Machtwechsel vor vier Jahren sind viele Bewohner:innen dieses Viertels ins Ausland geflüchtet. Nun bietet eine der Wohnungen Dschamil Mohamed und seiner Familie Zuflucht.

Sieben Jahre lang lebte die Familie im Iran, wo Dschamil Mohamed mit anderen afghanischen Gastarbeitern auf Baustellen in Teheran schuftete. Mit umgerechnet rund 200 Franken im Monat habe er dabei mehr als doppelt so viel verdient wie zuvor in Afghanistan. In seiner Heimatprovinz Pandschschir unweit von Kabul hatte er als Polizist gearbeitet. «Im Iran konnten wir sogar die Kinder zur Schule schicken», sagt Sahel Mohamed.

In den letzten Jahren jedoch sei die Stimmung in der iranischen Bevölkerung gegenüber den Afghan:innen immer schlechter geworden. Und zuletzt hätten viele von den Behörden eine Deadline gestellt bekommen: Wer nicht innerhalb von fünfzehn Tagen freiwillig ausreise, müsse hohe Strafen und eine gewaltsame Abschiebung fürchten. «Wenn sie dich ohne Duldung oder Papiere aufgreifen, foltern sie dich oder brechen dir die Beine», sagt Dschamil.

Mit zuletzt fast vier Millionen Menschen beherbergte der Iran neben Pakistan jahrzehntelang weltweit eine der grössten afghanischen Diasporas. Vor allem im Niedriglohnsektor, etwa in der Landwirtschaft und im Bauwesen, waren Afghan:innen stets gern gesehene günstige Arbeitskräfte. Doch aufgrund wirtschaftlicher und politischer Turbulenzen wurden sie in den letzten Jahren sowohl von den iranischen als auch von den pakistanischen Machthabern zu Feindbildern gemacht. Allein im vergangenen Jahr wurden aus den beiden Ländern gemäss Uno-Angaben über zweieinhalb Millionen Menschen nach Afghanistan abgeschoben.

Für die afghanische Wirtschaft könnte das zu einer weiteren Belastungsprobe werden, sagt Experte Bahiss. Während die Migration in die Nachbarländer in den vergangenen Jahrzehnten auch eine Entlastung für die afghanische Wirtschaft gebracht habe, träfen die Rückkehrer nun auf einen zerrütteten Arbeitsmarkt. «Es gibt immer weniger Arbeitsplätze und Perspektiven, während die Zahl der Arbeitssuchenden weiter stark ansteigt», so Bahiss.

Zwar kündigte die Regierung jüngst im Rahmen eines Fünfjahresplans an, über zwanzig neue Siedlungen zu bauen, um Wohnraum für die Rückkehrer:innen zu schaffen. Ob das so rasch gelingt, ist aber ungewiss. Dschamil Mohamed erzählt, er sei drei Wochen lang jeden Morgen durch verschiedene Kabuler Stadtviertel gewandert, um eine bezahlbare Wohnung zu finden. Über einen Makler sei er schliesslich fündig geworden.

Die Miete für die ersten sechs Monate, umgerechnet rund 520 Franken, habe er mithilfe der Kaution bezahlen können, die er für seine letzte Wohnung im Iran zurückerhalten habe, sagt Mohamed. Nun gehe er jeden Morgen aus dem Haus, um irgendwo in der Stadt eine Arbeit als Tagelöhner oder Bauarbeiter zu ergattern – bisher vergeblich. In wenigen Monaten sei die nächste Miete fällig. «Wir hoffen einfach und beten zu Gott.»

Wie geht Wirtschaft ohne Internet?

Zusätzlich in Bedrängnis gebracht hat die Wirtschaft zuletzt auch eine Massnahme der Taliban. Nachdem die Regierung Mitte September damit begonnen hatte, in zahlreichen Provinzen des Landes das Glasfaserinternet abzuschalten, um «moralische Korruption» zu verhindern, wie ein Sprecher der Taliban es nannte, kappte sie Anfang Oktober im gesamten Land für mehr als 48 Stunden nicht nur das Internet, sondern auch das Telefonnetz. Der Verwaltungsapparat, grosse Teile der Wirtschaft, der Austausch zwischen Banken sowie der Flugverkehr kamen weitgehend zum Erliegen.

«Wir konnten nicht einmal unsere Verwandten anrufen», erzählt Manan Kassimi später am Telefon. Innerhalb von zwei Tagen sei der Wechselkurs für den US-Dollar um drei Afghani gestiegen. Sollte es, wie viele Afghan:innen derzeit befürchten, zu einer dauerhaften Abschaltung des Internets kommen, fürchte er um die Existenz seines Unternehmens, sagt Kassimi.

Aufgeben will er trotzdem nicht. Im Keller seiner Firma hat er ein kleines Fotostudio eingerichtet, um Ware für den Onlinehandel auf dem chinesischen Markt ins rechte Licht zu setzen. Fein säuberlich arrangiert liegen Teppiche auf einer weissen Leinwand, ein Mitarbeiter schraubt ein Objektiv auf seine Kamera. Die vielen Farben, der ganze Entstehungsprozess: Dieses Geschäft mache einfach süchtig, sagt er und lacht. «Wenn du einmal mit Teppichen gehandelt hast, dann machst du nie mehr etwas anderes.»