Jazz: Riffen und neu zusammensetzen
Der Schlagzeuger Makaya McCraven verwischt seit zehn Jahren die Grenzen zwischen Hip-Hop und Jazz. Nun veröffentlicht er gleich vier Kurzalben. Verschwendet er sein Talent?
Die Loblieder auf Makaya McCraven sind im Prinzip gesungen. Wie der Sohn einer ungarischen Sängerin und eines US-amerikanischen Schlagzeugers seit rund zehn Jahren mit verschiedenen, aber über die Jahre doch gleichen Leuten Konzerte gibt und diese dann digital bearbeitet, bis die Improvisator:innen oft wie Sample-Lieferanten klingen: einmalig. Hip-Hop im Geist des Jazz, aber meistens ohne Rap. Das Zentrum dieses eigenen Genres ist das Label International Anthem in Chicago, das auch härteren, fast punkigen Jazz verlegt, wie zum Beispiel die Alben der vor drei Jahren im Alter von 39 Jahren verstorbenen Trompeterin Jaimie Branch.
Kann McCraven seinem Werk also noch etwas hinzufügen, seit 2015 «In the Moment» erschien und die Methode, live zu spielen und das Gespielte im Studio neu zusammenzusetzen, erstmals für viel Aufmerksamkeit sorgte, zumindest im Jazz? Wer ihn je live gesehen hat, weiss: McCraven ist ein Bandleader, der hinter dem Schlagzeug Spass dran hat, Solist:innen nicht nur viel Kraft für ihre Höhenflüge zu geben, sondern mit ihnen auch reichlich zu riffen, also mit wiederkehrenden Mustern zu spielen und so eine gemeinsame Dynamik zu entwickeln. Live gibt die Band mittlerweile auch auf grossen Festivalbühnen richtig Gas und spielt viele Soli. Schon toll, aber im Vergleich dazu sind die im Studio editierten Tracks moderner, ohne die Lust des Kollektivs zu leugnen.
Groovemonster im Midtempo
«Off the Record» beantwortet die Frage, ob da noch was kommen kann, überraschend offen. Erst denkt man: Nein, das kennt man schon alles – und dann passiert doch etwas Neues. Das liegt an den sehr unterschiedlichen Phasen, die auf den vier Kurzalben zu hören sind. Es sollen bewusst vier Vinyleditionen sein, um die Kostbarkeit des Nichtdigitalen zu betonen, heisst es. Aber, seufz, das sind halt immer so Fantasien von und für Privilegierte; die meisten hören die Musik aus Geldmangel oder Bequemlichkeit dann doch auf den Plattformen, auf denen «Off the Record» später als auf Vinyl erschienen ist (normalerweise ist es umgekehrt).
Die digitale Ausgabe aller vier Kurzalben folgt ungefähr der Zeitachse. Die ersten Stücke sind von 2015, somit die ältesten und als Einzel-EP unter «PopUp Shop« zusammengefasst. Und man muss im Vergleich zum Rest sagen, dass es auch die langweiligsten sind. Die Grooves mögen meisterlich tiefenentspannt sein, die Klangfarben insbesondere des Vibrafons wunderwarm, aber die Loops wirken oft wie Klangtapeten. Und auch wenn der Ex-Tortoise-Gitarrist Jeff Parker ein toller Komponist und Solokünstler ist: Als klassischer Jazzgitarrist hat er, gemessen am Raum, den er erhält, zu wenig zu sagen, musikalisch wie technisch.
Aber bald begegnet man Groovemonstern, die im Midtempo bedrohlich rollen, wie etwa «Dark Parks» von der zweiten EP «Hidden Out!». Besonders der an diesen Aufnahmen von 2017 beteiligte E- und Kontrabassist Junius Paul zeigt, wie beiläufig man zwischendurch ungerade Taktarten spielen kann, ohne daraus das leider beliebte Jazzding zu machen, in der Art von: Hört, hört, wir spielen vertrackt, hat auch jemand mitgezählt? Die Tracks atmen nun deutlicher, man hört in den Jams endlich auch mehr Improvisation.
J Dilla hören!
Ganz nach vorne rücken das dritte und das vierte Kurzalbum, «Techno Logic» und «The People’s Mixtape». Die elektrifizierte Tuba des Londoners Theon Cross rückt den Sound in Richtung Futurismus, Ben LaMar Gay, eigentlich vor allem Komponist, singt manchmal Fetzen, und sein Kornett läuft durch elektronische Filter. Die fünf Minuten von «Gnu Blue» setzen einen neuen Ton, der Groove, Härte und Experiment mühelos verbindet. Das bleibt so im letzten Viertel, wenn Jeremiah Chu an den Synthesizern dazukommt, Junius Paul wieder den extrem treibenden Bass spielt, aber Marquis Hill an der Trompete und Joel Ross am Vibrafon dennoch Themen dazu spielen und nicht nur jammen. Bald sind die Bearbeitungen kaum mehr als solche zu erkennen, etwa auf «The Beat Up».
Ein letzter Gedanke: Ist es Zufall, dass dieser zunehmend wildere Hybrid von Hip-Hop und Jazz vor zehn Jahren entwickelt wurde, als gleichzeitig die Soul- und Jazzsamples allmählich aus dem kommerziellen Hip-Hop verschwanden? Wer bei McCraven Feuer fängt – Funken dazu liefert «Off the Record» genug –, sollte die Meisterwerke des früh verstorbenen und von vielen Hip-Hop-Grössen bis heute verehrten Detroiter DJs und Hip-Hop-Produzenten J Dilla hören, zum Beispiel sein letztes Album «Donuts» von 2006. Man hört da Verbindungen zum Projekt von McCraven, die aktueller Hip-Hop nicht mehr zulässt. «Off the Record» transformiert in dem Sinne ein historisches Erbe und klingt, zumindest ab der Hälfte, nie nostalgisch.