Ein Traum der Welt: Auf Geisterfahrt

Nr. 48 –

Annette Hug wird von Musik heimgesucht

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Ungelöst ist die Frage des Trauergesangs. Mit dem Wintereinbruch steigen die Todesfälle in Pflegeheimen. Auf der Demenzstation geht man davon aus, dass die meisten Bewohner:innen nicht begreifen, was passiert. Aber was heisst schon begreifen. Das Personal versucht, keinen Aufruhr zu machen, obwohl einige durch den Wind sind. Es geht etwas um im Aufenthaltsraum, wenn hinter der nächsten Tür ein Toter liegt, wenn Angehörige Möbel wegtragen und doch, etwas verstohlen, kondoliert wird. Dann weinen einige Bewohner:innen vor sich hin, sie können nicht sagen, warum. Andere streiten heftiger als gewöhnlich. Wären Rituale für solche Momente möglich? Oder nur schrecklich?

Zufälle ereignen sich in diesen Tagen, wenn die Sonne nicht scheint und Kerzen verboten sind, wegen Brandgefahr, aber da begegnet man auf dem Flur einer Bekannten. Sie gibt flüsternd eine Adresse bekannt fürs Beileidskärtchen an die trauernde Angehörige, die man bisher nur mit Vornamen kannte. Ein Pfleger kommt und sagt, er habe heute die Lokalzeitung aufgeschlagen, und da sei der Name des Ortes gestanden, wo sein Grossvater gewohnt habe, im Westen Rumäniens, das habe er sofort als Zeichen verstanden: dass etwas passieren würde. Ich bin nicht sicher, ob sich seine Geschichte auf den heutigen Todesfall auf der Station bezieht oder ob sie an ein politisches Gespräch anknüpft, das wir vor Wochen unterbrechen mussten. Dabei ging es um Grenzen, um die Angst vor sogenannten Säuberungen und den Krieg in der Ukraine.

Viermal im Jahr wird heimübergreifend der Verstorbenen gedacht. Mit elektrischen Kerzen, mit Rosen, einer ökumenischen Ansprache und Klaviermusik. Es ist mir ein Bedürfnis, an diesen Feiern teilzunehmen. Aber nach dem schitteren «Dona nobis pacem» brauche ich eine After-Hour. Dafür ist jetzt endlich die richtige Musik gefunden: The Caretaker.

Auf die Spur des Musikers brachte mich Johny Pitts. Der sprach an der Buch Basel von «hauntology» – als Denkfigur und Musikrichtung. Da klingt alte Tanzmusik von weit her, Hammondorgel und Klarinette spielen herzerwärmend, Melodiefetzen im Loop, darunter knackts, alte LP-Geräusche sind elektronisch verstärkt, wummern zunehmend. Als würde ein Wind aus der Zukunft die Vergangenheit aufknacken. Aber nichts wird ganz verblasen. «An Empty Bliss beyond this World» heisst das Album zum grauen Flur, der sich in Gedanken auftut: Leere Verzückung hinter dieser Welt. Als wären schon alle gestorben oder entlassen. Eine führerlose Putzmaschine fährt noch durch die Station.

The Caretaker alias James Leyland Kirby, geboren 1974, war ein enger Freund von Mark Fisher, von dem Johny Pitts in Basel mit der Künstlerin Laura Grace Ford sprach. Beide schienen noch in Trauer um den britischen Punkautor, Philosophen der abgesagten Zukunft, der sich 2017 das Leben nahm. Auch ein Gespenst von Jacques Derrida ging um in Basel, in postindustrieller, auf Brexit und Trump hinführender Tristesse. Irgendwann die Frage ans Publikum: «Wer kennt hier eigentlich Mark Fisher?» Kaum jemand hob die Hand. Einmal mehr nahmen wir zur Kenntnis, dass die Zeit, die wir zu kennen meinen, in hundert parallelen Szenen stattgefunden hat. Gut dokumentiert, lässt sich der Spuk der neunziger und nuller Jahre immer neu besuchen.

Annette Hug ist Autorin und Übersetzerin in Zürich. Ein Interview mit Mark Fisher ist unter dem Titel «Die Zeit hat ihren Geschmack verloren» in WOZ Nr. 8/15 erschienen.