Klimapolitik: «Ich schreibe grundsätzlich nicht über Vanilla-Themen»

Nr. 48 –

Ciani-Sophia Hoeder erläutert in ihrem Buch «Ökorassismus», wie Kolonialismus, Rassismus und die Klimakrise zusammenhängen. Ein Gespräch über die ungleiche Verteilung von Umweltbelastungen, ökologischen Analphabetismus und den «white gaze» im Klimaschutz.

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Portraitfoto von Ciani-Sophia Hoeder
«Menschen, die aufgrund der Klimakrise fliehen, sollten von dem Land aufgenommen werden, das sie einst kolonialisiert hat»: Ciani-Sophia Hoeder. Foto: © Privat

WOZ: Ciani-Sophia Hoeder, wie sind Sie mit dem Begriff «Ökorassismus» in Berührung gekommen?

Ciani-Sophia Hoeder: Ciani-Sophia Hoeder: Ich hatte das Phänomen immer wieder beobachtet, aber noch keinen Namen dafür. Es war eher ein Gefühl, dass es ein Missverhältnis gibt zwischen denen, die die Klimakatastrophe verursachen – mehrheitlich weisse Menschen –, und denjenigen, die von Rassismus betroffen sind und deren Folgen stärker zu spüren bekommen: Communitys of Color. Dann habe ich angefangen zu recherchieren.

WOZ: Wie fügt sich Ihr Buch in Ihre bisherige Arbeit ein?

Ciani-Sophia Hoeder: Es war tatsächlich eine Form von Evolution. In meinem ersten Buch, «Wut und Böse», ging es um weibliche Wut. Im zweiten um das, was mich am meisten wütend macht: soziale Ungerechtigkeit und vor allem die Klassengesellschaft. Und bei «Ökorassismus» kommt jetzt noch die Klimakomponente hinzu.

Autorin aus Berlin

Ciani-Sophia Hoeder, geboren 1991, ist Berliner Journalistin und Autorin und macht Visual Storytelling. Als Gründerin von «RosaMag», dem ersten Online-Lifestylemagazin für Schwarze Frauen im deutschsprachigen Raum, befasst sie sich mit Fragen von Repräsentation, Identität und sozialer Gerechtigkeit. Hoeders publizistische Schwerpunkte liegen auf Rassismus, gesellschaftlichen Machtstrukturen und Feminismus.

Bei Hanser veröffentlichte sie «Wut und Böse» (2021), «Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher» (2024) sowie diesen Herbst ihr neustes Buch, «Ökorassismus», in dem sie aufzeigt, wer die Klimakrise verursacht und wer unter ihr leidet.

Unter Klimaaktivist:innen hört man selten von «Ökorassismus». Warum?

Ciani-Sophia Hoeder: Klimaaktivistische Kreise sind sehr heterogen: Die Fridays-for-Future-Bewegung etwa übte immer schon globale Kritik, die eigentlich auch Ökorassismus meint, ohne explizit diesen Begriff zu verwenden. Da wird viel über den Globalen Süden gesprochen – darüber, wie er ausgebeutet wird und die Auswirkungen der Klimakatastrophe zu spüren bekommt. Gleichzeitig herrschte lange auch ein weisser Eurozentrismus vor. Weisse Meinungen und weisse Personen in Expert:innenpositionen dominierten, während die Haltung «We don’t see colour» betont wurde und man sagte: Gehts um den Kampf gegen die Klimakatastrophe, sitzen «wir» alle im gleichen Boot. Durch «Farbenblindheit» wird die Verantwortung auf «alle Menschen» übertragen.

WOZ: Deshalb stört Sie der Ausdruck «menschengemachte Klimakatastrophe»?

Ciani-Sophia Hoeder: Ja, er verschleiert, dass diese vom Westen verursacht wird. Der Begriff verallgemeinert die Verantwortung und blendet historische und koloniale Hintergründe aus. So wird übersehen, dass die Hauptverursacher:innen im Globalen Norden leben und nicht alle gleichermassen gemeint sind. Stattdessen müsste es «westlich gemachte» Klimakatastrophe heissen.

WOZ: Der Untertitel Ihres Buches lautet aber nicht «Wie der Westen unsere Welt zerstört», sondern «Wie Weisse unsere Welt zerstören».

Ciani-Sophia Hoeder: Dieser Zusatz hat tatsächlich am meisten Reibung verursacht. Das fand ich interessant. Es gab zwei Gründe, warum ich ihn selbst als gar nicht so reisserisch empfunden habe. Erstens: Als Schwarze Frau bin ich es gewohnt, dass Begriffe wie «Schwarz» ständig thematisiert werden, während «weiss» als Standard gilt, als etwas, das gar nicht benannt werden muss. Deshalb wirkt es für viele ungewohnt, wenn plötzlich «Weisssein» benannt wird. Der zweite Grund ist, dass der Untertitel einfach die Essenz des Buches zusammenfasst.

WOZ: Und die lautet?

Ciani-Sophia Hoeder: Es geht nicht um einzelne weisse Personen, sondern um das Konstrukt von «Weisssein» und «race» und darum, wie diese Konzepte exportiert wurden. Wie die Ideen und Machtstrukturen des Westens weltweit übernommen wurden. Diese Denk- und Wirtschaftsweisen haben unsere Welt enorm geprägt. Und sie zerstören sie.

WOZ: Wo sehen Sie die Verantwortung der westlichen Staaten?

Ciani-Sophia Hoeder: Ich mache in meinem Buch deutlich, dass fast alle Dinge, die wir konsumieren, ökorassistisch gewonnen werden und wie sehr der Westen vom Ökorassismus profitiert. Deshalb ist es eine Phrase, nur zu sagen: Wir müssen im Westen emissionsreduzierter agieren. Es reicht auch nicht, die Schuld für die Ursachen der Klimakatastrophe einzuräumen: Der Westen muss auch Verantwortung für die Auswirkungen im Globalen Süden übernehmen. Ein Schuldeingeständnis macht noch keine Gerechtigkeit.

WOZ: Wie könnte man mehr Gerechtigkeit schaffen?

Ciani-Sophia Hoeder: Ein gutes Beispiel war gerade der Hurrikan Melissa in der Karibik. Es gibt zahlreiche Untersuchungen darüber, dass die Bevölkerung vor Ort sich kaum schützen kann. Wieso sollten die europäischen Länder, die die jeweiligen Länder kolonialisiert haben, nicht eine Art Klimaverpflichtung übernehmen, Restitutionszahlungen in Form von Katastrophenschutzmassnahmen und -hilfe? Ausserdem müsste es eine Art «Migrationsticket» geben, das dann greift, wenn eine Katastrophe eintritt: Menschen, die aufgrund der Klimakrise fliehen, sollten von dem Land aufgenommen werden, das sie einst kolonialisiert hat.

WOZ: Ihr Text handelt auch von der Dringlichkeit eines intersektionalen Klimaaktivismus. Wie stellen Sie sich den vor?

Ciani-Sophia Hoeder: Seitdem eine Bildagentur kurzerhand die ugandische Klimaaktivistin Vanessa Nakate 2020 aus einem Foto vom Wef in Davos herausgeschnitten hat, auf dem auch Greta Thunberg und Luisa Neubauer zu sehen waren, hat sich einiges getan. Der Vorfall führte auch unter westlichen Klimaaktivist:innen zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem «weissen Blick» im Klimaschutz. Natürlich möchten Aktivist:innen mit ihren Themen wahrgenommen werden, aber wenn sie den eurozentrischen Aufmerksamkeitsökonomien unterworfen sind, fallen viele Perspektiven unter den Tisch.

WOZ: Also?

Ciani-Sophia Hoeder: Der intersektionale Klimaaktivismus sollte durch Kollaborationen, globale Allianzen und gegenseitige Unterstützung gestärkt werden. Vanessa Nakate betont in ihrem Buch «A Bigger Picture. My Fight to Bring a New African Voice to the Climate Crisis», dass sie im Westen kaum bekannt geworden wäre, hätte Greta Thunberg ihre Posts nicht geteilt. Dies wirft die Frage auf, wie die herrschenden Medienmechanismen bewusst genutzt werden können, um Aktivist:innen im Globalen Süden sichtbar zu machen. In der Wissenschaft wird vermehrt mit indigenen Akteur:innen zusammengearbeitet, etwa in der Polarforschung. Das muss auf Augenhöhe und ohne Machtgefälle passieren.

WOZ: Was hat Sie bei der Recherche besonders wütend gemacht?

Ciani-Sophia Hoeder: Ich schreibe grundsätzlich nicht über «Vanilla-Themen», also leicht Bekömmliches. Aber ich muss gestehen, dass mich das Thema Ökorassismus stark aufgewühlt und traurig gemacht hat. Das liegt wohl daran, dass es die Kontinuität des Kolonialismus sichtbar macht. Während des europäischen Kolonialismus entstand die Idee, den Globalen Süden zu einer Art Plantagenwirtschaft auszubauen. Und genau das meine ich, wenn ich von Ökorassismus spreche: Wenn die Natur zerstört wird, werden auch die Menschen mit ausgebeutet. Ein Teil dieses Systems ist die Erzählung, dass manche Schicksale weniger relevant seien als andere. Sie diente nicht nur dazu, Kolonialisierung, Versklavung und Entmenschlichung zu legitimieren. Sie hat auch zu mangelnder Empathie geführt, bis heute: Man hat sich an nichtweisses Leid gewöhnt.

WOZ: Sie schreiben auch über Sauberkeitsideale und ökorassistische Stigmatisierung.

Ciani-Sophia Hoeder: Schön, danach gefragt zu werden! Kaum jemand will über diesen Aspekt sprechen. Medizinisch gesehen ist Sauberkeit eine grosse Errungenschaft des Westens. Aber es gibt auch eine Komponente von Sauberkeit, die politisch und kulturell geprägt ist.

WOZ: Können Sie das ausführen?

Ciani-Sophia Hoeder: Wer wirkt sauber? Wer gilt als sauber? Und welche Assoziationen verbinden wir damit? Historisch betrachtet hängt das auch damit zusammen, wo Krankheiten ausgebrochen sind. Enge Wohnungen und kinderreiche Familien werden schnell stigmatisiert. Das hat viel mit Klasse, Herkunft und «race» zu tun und betrifft besonders BIPoC-Gemeinschaften [BIPoC = Black, Indigenous, and other People of Color]. Es wird suggeriert, dass es dort viele Vorfälle gibt, ohne die Umstände zu hinterfragen. Aber in welchen «sauberen» Bezirken von Berlin findet man heute noch eine bezahlbare Wohnung? Dass die einen neben der Müllhalde und die anderen neben dem Park leben, ist kein Zufall.

WOZ: Sie schreiben, der Kampf gegen die Klimakatastrophe werde im Kapitalismus zur Privatsache erklärt. Aber befreit diese Kritik nicht zugleich den Mittelstand von moralischer Verantwortung?

Ciani-Sophia Hoeder: Das ist ein berechtigter Einwand. Natürlich stellt man sich in linken Kreisen die Frage: Gibt es überhaupt ethischen Konsum im Kapitalismus? Wichtiger wäre zu fragen, wie viel Handlungsspielraum wir innerhalb einer solchen Struktur haben.

WOZ: Und was könnten wir tun?

Ciani-Sophia Hoeder: Einfordern, dass wir in einer gesünderen Welt leben wollen. Natürlich profitiert auch die Mittelschicht vom Turbokapitalismus. Und wenn wir global über Wohlstand sprechen, trägt auch sie mit ihrem Lebensstil zur Klimakatastrophe bei. Aber wenn wir «degrowth» oder alternative Wirtschaftsformen durchdenken, wäre es nicht so, dass die Mittelschicht im Westen besonders stark darunter leiden würde. Betroffen wären vor allem die sehr Reichen – das «eine Prozent» – und, wenn man es schlecht gestaltet, leider auch der Globale Süden.

WOZ: Was hat es mit dem «ökologischen Analphabetismus» auf sich, den Sie an Ihrer eigenen Familie durchdeklinieren?

Ciani-Sophia Hoeder: Ein Teil meiner Familie waren Afroamerikaner:innen, die versklavt worden waren. Sie wurden gezwungen, Baumwolle zu pflücken und anzubauen. Die Natur war «the scene of the crime» – der Ort, an dem Trauma entstanden ist. Gleichzeitig wollte ich auch über den «nature gap» im Alltag schreiben: Wie viel gefährlicher ist es für People of Color im Westen, Zeit in der Natur zu verbringen – beim Jogging oder beim Picknick im Park –, wenn sie von «racial profiling» betroffen sind? Diese Entfremdung von der Natur hängt stark mit westlichen Vorstellungen zusammen: Wer gehört zur Natur? Wer wird in der Natur als fremd wahrgenommen, wer als erholend, wer als arbeitend, wer als Gefahr? All das macht den Zugang zur Natur kompliziert.

WOZ: Gleichzeitig definierten westliche Gesellschaften ihren eigenen Fortschritt dadurch, dass sie unabhängig von der Natur werden wollten.

Ciani-Sophia Hoeder: Ja, die Natur sollte überwunden und instrumentalisiert werden. Himbeeren soll es nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter geben. Auch diese Haltung erzeugt Entfremdung, die ich bei meiner Familie aus der DDR stark gespürt habe. Meine Grosseltern, die aus der Arbeiter:innenschicht kamen, hatten einen Schrebergarten, anfangs nicht aus ästhetischen Gründen oder   der Erholung wegen, sondern um Nahrung anzubauen. Erst mit der Zeit kamen die Rosen. Als ich meine Oma irgendwann nach den verschwundenen Himbeersträuchern fragte, sagte sie: «Kind, Himbeeren kannst du doch bei Aldi kaufen – warum dir die Hände dreckig machen?»