Sachbuch: Unrein statt verhärtet

Nr. 48 –

Diesen Artikel hören (2:54)
-15
+15
-15
/
+15
Buchcover von «Durchlöchert den Status quo!»
Michael Hirsch, Kilian Jörg: «Durchlöchert den Status quo!». Nautilus Flugschrift. Hamburg 2025. 152 Seiten.

Die Gegenwart ist schwer zu ertragen: überall Backlash, in der Umweltpolitik ganz besonders. Da kommt ein Buch, das nach «utopischen Zielen, Sehnsuchtsorten und politischer Fantasie» sucht, gerade recht.

Kilian Jörg, Mitte dreissig, Aktivist und Künstler, und Michael Hirsch, Ende fünfzig, Philosoph und Politologe, haben es gemeinsam geschrieben. Jörg steht der «anarchistischen Bewegungslinken» nahe, Hirsch einem «progressiven Etatismus». Von diesem Spannungsverhältnis ist auch ihr Buch geprägt – mit der Grundfrage: Was kann der Staat von Bewegungen lernen? Als Beispiel nehmen Hirsch und Jörg die ZAD, die von 2009 bis 2018 besetzte «Zone à défendre» (zu verteidigende Zone) gegen den Ausbau des Flughafens im französischen Nantes. Die ZAD fand viele Nachahmer:innen, auch in der Schweizer Klimabewegung. In Frankreich gehört der Begriff heute zum Alltagswortschatz.

Die Autoren sehen die ZAD und ihre Nachfolgeprojekte als «Labor für weniger koloniale Umweltbezüge». Der Staat solle solche Zonen nicht nur tolerieren, sondern aktiv fördern und so die Demokratie weiterentwickeln. Staatlich subventionierter Anarchismus? Über einen längeren Zeitraum gedacht, ist das nicht so absurd, wie es vielleicht klingt. Hirsch und Jörg zeigen, wie spannend es sein kann, wenn Bewegungen mit staatlichen Institutionen verhandeln, ohne deren Spielregeln vollständig zu übernehmen. Etwa nach 2018, als die ZAD «siegte» und es darum ging, wer auf diesem Stück Land bleiben darf – es ist bis heute ein Kommuneexperiment. Sie plädieren für «Unreinheit» statt ideologischer Verhärtung, für einen «radikalen und kämpferischen Pragmatismus der Erdgebundenen».

In der Schweiz, wo SP und Grüne näher an den Bewegungen geblieben sind als im Rest Europas und sich viele Linke zwischen Demo und Abstimmungskampf, Wahlen und Besetzungen bewegen, könnte dieses Buch besonders Anklang finden. Schliesslich steht mitten in Bern ein gutes Beispiel dafür, dass Aushandlungsprozesse nicht Unterwerfung bedeuten müssen: das Kulturzentrum Reitschule.

Kilian Jörg spricht am Mi, 3. Dezember 2025, um 20 Uhr im L200 (Langstrasse 200) in Zürich.