Literatur: Kindheit im italienischen Faschismus
Wie erlebt ein Kind den faschistischen Alltag, die Schrecken des Krieges und die Ermordung seiner Nächsten? Davon handelt der Roman «Der Himmel fällt» von Lorenza Mazzetti (1927–2020), der über sechzig Jahre nach Erscheinen neu aufgelegt worden ist. Leicht verfremdet erzählt die italienische Autorin und einstige Filmregisseurin darin, was ihr selbst widerfuhr.
Im Roman wachsen Penny und ihre Schwester nach dem frühen Unfalltod der Eltern auf dem Landgut ihres Onkels auf, eines Cousins von Albert Einstein. Als 1944 der Krieg auch die Toskana erreicht, fackelt ein deutsches Kommando das Gutshaus ab und ermordet die Frau des Onkels und ihre beiden Töchter wegen des Namens Einstein als angebliche Jüdinnen. Der Onkel selbst hat sich mithilfe von Partisanen im Wald verstecken können, wählt aber angesichts des Massakers an seinen Liebsten den Freitod. Die Schwestern Mazzetti bleiben verstört und untröstlich zurück.
Lorenza Mazzetti erzählt diese Geschichte konsequent aus der Perspektive des Mädchens Penny. Wie der bigotte und antisemitische Katholizismus tief in den Alltag eindringt und in den Kindern Angst und Verwirrung nährt, wie die Diktatur kindlichen Überschwang missbraucht: Das hat man so kaum je gelesen. Etwa, wenn das Aufsatzthema lautet «Wir lieben Mussolini wie unseren Vater». Penny hält einmal dagegen: «Ich liebe meinen Onkel mehr als den Duce, mehr als Jesus und mehr als Italien.»
Mazzettis unsentimentales Buch überzeugt auch in der Darstellung der Gleichzeitigkeit von fröhlichen Kinderspielen und näherrückendem Krieg. Die Autorin verzichtet in diesem Gedenkbuch für ihre toten Verwandten auf Schwarzweissmalerei: So gibt es im Roman einen Geistlichen, der zwar von den Juden als «Jesusmörder» spricht, aber gegen die Dorfbewohner:innen durchsetzt, dass der verstorbene Onkel trotz seines Freitods innerhalb der Friedhofsmauern beigesetzt wird. «Der Himmel fällt» ist eine beklemmende Lektüre. Mazzetti zeigt mit den Augen des Kindes, wie beeinflussbar Kinderseelen und junge Menschen sind, wie leicht sich Halbwahrheiten durchsetzen – und was dann passiert.