Literatur: Den Pazifik sehen und sterben

Nr. 50 –

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Buchcover von «Rift»
Marina Schwabe: «Rift». Roman. Steidl Verlag. Göttingen 2025. 160 Seiten.

Der 36-jährige Janko hat nur noch rund sechs Monate zu leben und wünscht sich, mit seiner Schwester, der Geologin Zuzanna, als Letztes den Pazifischen Ozean zu sehen. Marina Schwabes Debütroman «Rift» ist ein bewegender und zugleich nüchterner Roadtrip, bei dem es um Abschied und Sterben geht: Janko und Zuzanna fliegen fast ohne Geld nach New York und erleben den grossen Kontinent von unten, die erhabenen Naturwunder ebenso wie gesellschaftliche Verwerfungen in abgehängten Regionen.

Das Geschwisterpaar schlägt sich mit Couchsurfing und in billigen Absteigen durch. Dank freundlicher Gastgeber und ein paar Schummeleien kommen sie zu einem alten Wagen und einer ordentlichen Summe Geld, was die Weiterreise zum fernen Ozean erst ermöglicht.

Die Route und ihre Etappen sind bestimmt durch Jankos Krankheit, die zu Organversagen und Tod führen wird, ebenso wie durch Zuzannas naturwissenschaftliche Interessen. Schwabe schildert parallel das langsame Sterben des Bruders und die Stätten toter Natur, die die beiden besuchen – etwa am grossen Salzsee in Utah oder auf dem Vulkan Mount St. Helens im Bundesstaat Washington. Schliesslich erreichen sie in Oregon das Meer und reisen geduldig die gesamte Küste entlang nach Süden, wobei Janko bereits Morphium braucht.

Marina Schwabe schreibt überaus behutsam und poetisch, nie pathetisch oder mit grosser Geste. Zu Recht wurde der Erstling der aus Berlin stammenden Autorin mit dem Jürgen-Ponto-Preis ausgezeichnet. Die Erzählerin verfügt über eine reiche, präzise Sprache für die Darstellung des alltäglichen, unspektakulären Lebens in den weiten Provinzen der USA und ihrer grandiosen Natur genauso wie für die Beziehung zwischen den Geschwistern. Diese wird nicht idealisiert, der Abgrund des Sterbens nicht beschönigt, sondern in vielen zarten Szenen ausgehalten. Ein Buch mit Tiefe, das noch lange nachhallt.