Serie: Sind alle wirklich so nett?
«E pluribus unum», aus vielen eines. Aus dem Mittelteil dieses alten und mehrdeutigen Mottos der USA bastelt Vince Gilligan («Breaking Bad») die verheissungsvolle Ausgangslage seiner neuen Serie «Pluribus». Infiziert mit einem ausserirdischen Virus, vereint sich der grösste Teil der Menschheit zum gleichgeschalteten Multiwesen, das nur noch «wir» sagen kann. Dieses Wir zapft das gesammelte Wissen der Welt an, alle können jetzt alles: Jets fliegen, Herzen operieren, auf Gourmetlevel kochen. Was die fusionierten vielen nicht mehr können: lügen, töten, Nein sagen.
Gerade mal dreizehn Individuen weltweit werden bei diesem «die Vereinigung» genannten Event nicht miteingegliedert. Unter ihnen die Hauptfigur von «Pluribus», die Lesbe Carol Sturka (Rhea Seehorn). Sturka, Gilligans verspätete Antwort auf die Kritik an der Männerlastigkeit von «Breaking Bad», kann gar nichts anfangen mit dem devoten, scheissfreundlichen Einheitswesen, das ständig «wir wollen nur helfen» säuselt. Mit ihrer kratzbürstigen Art läuft sie aber auch bei den übrig gebliebenen «echten» Menschen auf.
Wer nun denkt, «Pluribus» liefere einen Schlüssel zum besseren Verständnis der USA, läuft auch auf. Die Serie ist universeller angelegt, was nicht zwingend ein Kompliment ist. Auf den ersten Blick ist hier vieles faszinierend, verrätselt, lockt mit Bedeutung. Doch schon nach wenigen Folgen kommt der Plot kaum noch vom Fleck. Dass diese gefällige, einstweilen eher einfältige, aber auch unheimliche und undurchschaubare neue Pluralität eine Metapher für KI sein könnte: Darüber haben schon einige Rezensent:innen spekuliert. Aber auch diese Lesart führt nicht allzu weit. Das vorläufig Spannendste an «Pluribus»: dass diese Dystopie zumindest so halb als Komödie daherkommt, eine rare Kombination. Wenn zum Finale hin auch noch die Anleihen beim Klassiker «Twilight Zone» eingelöst werden, darf man zudem auf eine ironische Pointe hoffen.