UBS in Brasilien: Im Dienst der Kurzsichtigen und Rücksichtslosen

Nr. 50 –

Vor dem Amazonasdelta riskiert der brasilianische Ölriese Petrobras eine Umweltkatastrophe. Dahinter lauern fossile Interessen Chinas und der USA. Kapital organisiert unter anderen die Schweizer Grossbank UBS.

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mehrere Boote und Hüten am Amazonasdelta bei Oiapoque
Im Fall eines Öllecks bedroht: Die Flut treibt Meerwasser bis nach Oiapoque. Foto: Patrick Aventurier, Getty

200 Kilometer sind es von der Bohrstelle im Meer zu den indigenen Gebieten in Oiapoque, der nördlichsten Gemeinde Brasiliens. Die Bewohner:innen der drei Gebiete am Oiapoque-Fluss nördlich des Amazonasdeltas – Galibi, Juminá und Uaçá – wissen, dass ihr Wasser sechs Monate im Jahr brackig ist. Immer in der zweiten Jahreshälfte treibt die Flut das Salzwasser den Fluss hinauf.

Der brasilianische Konzern Petrobras will fast 3000 Meter unter dem Meeresspiegel nach Öl bohren. Er hatte deswegen einen Bericht zum Risiko einer Ölverschmutzung durch Tiefseebohrung bei der brasilianischen Umweltbehörde Ibama eingereicht. «Ihre Studie sagt, dass die Meeresströmung nicht zu uns kommt, sondern Richtung Französisch-Guyana treibt», sagt Edmilson dos Santos Oliveira, Oberhaupt des Dorfes Curipi im Indigenengebiet Uaçá. Doch das sei falsch: «Wir kennen diesen Ort, seit Generationen leben wir hier und wissen, dass diese Strömungen unsere Dörfer erreichen.»

Am 20. Oktober erhielt Petrobras die Bohrgenehmigung vom brasilianischen Staat, einen Monat zuvor hatte sich das Unternehmen mit neuem Kapital eingedeckt. Sechs Investmentbanken, darunter die UBS, verkauften im Auftrag des Konzerns Schuldpapiere, sogenannte Obligationen, im Wert von zwei Milliarden US-Dollar. Die Schweizer Grossbank übernahm Schuldpapiere für 333 Millionen Dollar.

Weil im Obligationenprospekt weder Umwelt- noch Klimaauflagen festgehalten sind, kann Petrobras das Geld nach Belieben verwenden. So auch für die Ölförderung vor dem Amazonasdelta. Bis 2029 will der Konzern da an fünfzehn Stellen nach Öl bohren und dafür insgesamt drei Milliarden Dollar ausgeben.

Der Traum vom Amazonasöl

Der Wunsch, vor der Mündung des Amazonas Öl zu fördern, hat eine lange Geschichte. Nach ersten Bohrversuchen ab den 1970er Jahren, die aber zu keiner kommerziellen Nutzung führten, versteigerte die brasilianische Ölagentur ANP 2013 erstmals Konzessionsblöcke. Bereits ein Jahr darauf stellte der britische Konzern BP bei Ibama den Antrag, Probebohrungen durchführen zu dürfen. Im Zentrum stand damals wie heute Block 59, ein Gebiet, wo besonders viel Öl vermutet wird. Sechs Jahre lang bemühte sich BP erfolglos um eine Bewilligung und verkaufte die Konzession 2020 schliesslich an Petrobras.

3000 Meter unter Meer

Karte des Amazonasdelta, Oiapoque und Petrobras-Bohrung im Atlantik
Karte: WOZ

Hinter dem Verkauf sieht Klara Butz, Finanzexpertin bei der deutschen NGO Urgewald, strategische Gründe: «Die Genehmigung für Block 59 schafft einen Präzedenzfall für die Expansion entlang der gesamten Amazonasmündung. Für die halbstaatliche Firma Petrobras ist es viel einfacher, diese zu kriegen.» Tatsächlich hatte Ibama-Chef Rodrigo Agostinho im Mai unter grossem politischem Druck und entgegen den Warnungen seiner technischen Mitarbeitenden ein Notfallübungskonzept von Petrobras bewilligt – ein Meilenstein auf dem Weg zur Genehmigung. Das war das Signal für andere grosse Konzerne, wieder einzusteigen. Im Juni sicherten sich die US-Giganten Exxon Mobil und Chevron sowie die China National Petroleum Corporation neue Ölförderrechte für das Gebiet.

Danach ging alles schnell. Bereits im August führte Petrobras die Notfallübung durch, im September hiess Ibama diese gut und erteilte am 20. Oktober die Bohrgenehmigung. Noch am selben Tag begann Petrobras mit den Arbeiten an der geplanten Bohrstelle, die fünf Monate dauern sollen. In einem ersten Schritt geht es darum herauszufinden, ob es sich an der Stelle überhaupt lohnt, Öl zu fördern.

Auf Anfrage schreibt Ibama, dass die Ölförderung in dieser Region sicher sei. Ganz so überzeugt wirkt die Umweltbehörde aber nicht, fügt sie doch an, dies gelte nur «innerhalb der methodischen Grenzen, die alle numerischen Modelle haben». Ganz anders klingt ein Gutachten derselben Behörde von Anfang Jahr. Darin wird festgestellt, dass im Fall einer Ölkatastrophe nur «eine geringe Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Rettung und Rehabilitation der betroffenen Fauna» bestehe. Auch wird auf fahrlässiges Verhalten von Petrobras in der Vergangenheit hingewiesen. 2019 habe das Unternehmen einen – mit Satellitenbildern dokumentierten – Unfall auf einer Ölplattform nicht gemeldet, wodurch Rohöl die Küste von Rio de Janeiro erreichen konnte.

Im Amazonasdelta befinde sich der grösste Mangrovenwald der Erde, sagt Luene Karipuna, Geschäftsführerin der Vereinigung indigener Völker und Organisationen von Amapá und Nordpará (APOIANP): «Wir wissen, dass es unmöglich ist, nach einem Unfall das gesamte Öl aus den Mangroven zu entfernen.» Die Verschmutzung dieser Wälder, deren Stelzwurzeln im Wasser einen wichtigen Lebensraum bilden, ist deshalb die grösste Sorge der betroffenen Gemeinschaften.

Schweigen bei der Medienstelle

In ihren Nachhaltigkeitsrichtlinien hält die UBS fest, dass sie Transaktionen mit Firmen, die sogenannte Ultratiefseebohrungen vornehmen, einer erweiterten Sorgfaltsprüfung unterziehe. Gewöhnlich ist davon ab Wassertiefen von mehr als 1500 Metern die Rede. Die Bank verpflichtet sich zudem, die Richtlinien der Weltbank anzuwenden, damit Finanzgeschäfte nicht die Rechte indigener Völker verletzen.

Auf Anfrage hält sich die UBS bedeckt. «Wir können und werden potenzielle Kundenbeziehungen, Transaktionen oder Investitionen in bestimmte Unternehmen nicht kommentieren», schreibt Sprecher Andreas Hensler. Er weist darauf hin, dass die Bank ihre Nachhaltigkeitsrichtlinien ernst nehme und «die Bedeutung eines geordneten Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft» anerkenne.

Genau diesen Übergang stellt die jüngste Finanzierung von Petrobras aber infrage. Laut Urgewald sind achtzig Prozent der Öl- und Gaslager, die Petrobras in naher Zukunft erschliessen will, mit dem 1,5-Grad-Pfad der Internationalen Energieagentur unvereinbar. Daten der Zürcher Privatbank Globalance zeigen, dass Petrobras derzeit zu einer globalen Erwärmung von 3,8 Grad beiträgt.

Der weltgrösste Versicherungskonzern Allianz schliesslich ordnete solche Erwärmungsszenarien in einem White Paper in diesem Sommer ein. Er geht davon aus, dass Versicherungen ab einer Erwärmung von 3 Grad nicht mehr funktionieren, öffentliche Massnahmen nicht mehr bezahlbar sind und finanzielle Stabilität unerreichbar ist.

Zynische Anlagestrategie

Risikomanagement ist eigentlich die Kernkompetenz von Investor:innen. Dennoch überstieg die Nachfrage nach den Petrobras-Obligationen im September das Angebot um mehr als das Dreifache. Zu erklären ist das mit den vergleichsweise geringen Risiken von Obligationen. Anders als bei Aktien erhalten deren Investor:innen am Ende der Laufzeit den anfänglichen Wert zurück. Im Fall der Petrobras-Papiere vom September ist das je zur Hälfte 2030 und 2036. Hinzu kommen jedes Jahr Zinsen von etwas über fünf beziehungsweise sechs Prozent.

Das grösste Risiko für Käufer:innen besteht also darin, dass Petrobras in Konkurs geht und seine Schulden nicht mehr begleichen kann. Die Wette lautet folglich, dass die wirtschaftlichen Folgen in den nächsten fünf oder elf Jahren nicht mit voller Wucht eintreten, obwohl die globalen Klimaziele verfehlt werden.

Doch wer sind die Käufer:innen der Obligationen? Dazu gibt es keine Angaben. Naheliegend ist, dass die UBS eigene Kund:innen bedient. Dazu zählen Superreiche wie auch Pensionskassen weltweit. Die WOZ hat deshalb mehrere grosse Schweizer Pensionskassen gefragt, ob sie die fraglichen Petrobras-Obligationen gekauft hätten.

Alessia Torricelli, Finanzchefin der Genfer Pensionskasse CPEG, mit 23 Milliarden Franken verwaltetem Kapital eine der grössten der Schweiz, verneint. Unternehmen, die nicht auf eine kohlenstoffarme Wende ausgerichtet seien, schliesse sie aus. Die Pensionskassen der Kantone Basel-Stadt und Basel-Land investieren wegen Klimarisiken ebenfalls nicht in Petrobras. Zusammen verwalten sie über 27 Milliarden Franken. Publica, die zweitgrösste Pensionskasse der Schweiz (42,5 Milliarden), gibt an, keine Petrobras-Obligatonen zu kaufen, da sie in Schwellenländern nicht in Unternehmensanleihen investiere.

Die Stadtzürcher PKZH (24 Milliarden) schreibt auf Anfrage, dass gemäss ihren Richtlinien der Kauf von Petrobras-Obligationen nicht ausgeschlossen sei. Die BVK – die Pensionskasse des Kantons Zürich ist mit 43 Milliarden verwaltetem Vermögen die grösste der Schweiz – schreibt, dass sie «grundsätzlich keine Stellung zu Einzelpositionen» nehme. Da sie umfangreich in Öl- und Gasunternehmen investiert, wie ihr Nachhaltigkeitsbericht zeigt, könnten im September also Petrobras-Obligationen in ihrem Portfolio gelandet sein.

Lobbypower gegen Volkswille

Der grüne Nationalrat Gerhard Andrey setzt sich seit Jahren für ein verantwortungsbewusstes Verhalten der Schweizer Finanzindustrie ein. Im Gespräch beschreibt er, wie insbesondere die Schweizerische Bankiervereinigung unter dem ehemaligen UBS-CEO Marcel Rohner in den letzten Jahren alle Versuche einer wirksamen Selbstregulierung blockiert hat.

Um sicherzustellen, dass die Branche ihren Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen nachkommt, schlug Andrey 2023 in einer Motion eine sogenannte Knockoutregel vor. Der Vorstoss verlangte, dass die Finanzindustrie ihre Finanzflüsse bis 2028 zu achtzig Prozent auf einen Paris-kompatiblen Pfad bringt. Nur wenn sie das nicht schafft, soll der Staat regulatorisch eingreifen.

Obwohl der Vorschlag parteiübergreifend bis hin zum Bundesrat Unterstützung fand, lehnte ihn das Parlament schliesslich ab. Die Bankenlobby, so Andrey, habe alle Register gezogen und damit schliesslich Erfolg gehabt. Sein Fazit: «Will die Bankiervereinigung etwas nicht, lehnen es Parlament und Regierung ab.»

Aufgrund dieser Erfahrung trat Andrey dem Komitee der Finanzplatz-Initiative bei, die Banken, Pensionskassen und Versicherungen auf Klimakurs bringen will. «Die Finanzbranche hat klargemacht, dass sie die Verantwortung nicht übernehmen will. Es ist deshalb an der Stimmbevölkerung, mit der Finanzplatz-Initiative Klarheit zu schaffen», hält er fest. Würde diese angenommen, dürften Unternehmen wie Petrobras von Schweizer Banken nicht mehr finanziert werden.

Olivier Christe ist Mitglied des Recherchekollektivs WAV, Bruna Bronoski arbeitet für das brasilianische Medium «O Joio e O Trigo».

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Diese Recherche wurde unterstützt von JournaFONDS. www.journafonds.ch