«Der grosse Kanton»: Diskurs in der Enge
Eine Konferenz in Zürich zum «Aufstieg und Fall der BRD» irritiert mit steilen Thesen zur deutschen Erinnerungskultur und Staatsräson. Versuch einer Einordnung.
Provokation geglückt? Anfang Dezember fand in Zürich eine Konferenz statt, die es danach bis auf die Frontseite der «Zeit» schaffte; eine seltene Auszeichnung für Tagungen. «Linke Israel-Kritiker halten ein Scherbengericht über Deutschland ab», titelte die grösste deutsche Wochenzeitung in ihrem Leitartikel. Mit dieser Zuspitzung umriss der Autor die an Zuspitzungen auch nicht gerade arme Zusammenkunft von rund drei Dutzend Akademikerinnen, Aktivisten, Autorinnen und Journalisten.
Die Tagung unter dem Titel «Der grosse Kanton» hatte mit einer Reihe von nicht allgemein zugänglichen Workshops begonnen. Offiziell eröffnet wurde sie in einem vollen Vorlesungssaal der ETH, von den Organisator:innen von ETH und ZHdK, von dem Netzwerk Diaspora Alliance und der Menschenrechtsorganisation Medico International. Zum Einstieg erläuterte der Schweizer Historiker Jakob Tanner in einem dichten Referat die Bedeutung des titelgebenden «grossen Kantons», für die meisten der deutschen Gäste wohl ein unbekannter Ausdruck. Dann kam der Berliner Journalist und Schriftsteller Behzad Karim Khani bald polemisch zur Sache: Die BRD sei wie ein altes Betriebssystem, auf dem nur noch wenige Apps funktionierten. Statt der eigentlich notwendigen Tätertraumatherapie herrsche in Deutschland ein Erinnerungsstrebertum, und die «Selbstlüge namens Erinnerungskultur» sei zum «Israelismus» als Staatsideologie ausgebaut worden. Dafür gabs mehrfach Szenenapplaus.
Feuilleton als Wagenburg
Im ersten Panel nahm die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse dann diesen Faden wieder auf: Um die Jahrtausendwende sei sie noch sehr zuversichtlich gewesen, habe auch die deutsche Erinnerungspolitik auf dem richtigen Weg geglaubt. Doch spätestens 2019 sei das Land mit seiner «grundgesetzwidrigen» Resolution, die die Israelboykottbewegung BDS als antisemitisch einstuft, im Abseits gelandet. Heute würden in Deutschland nicht zuletzt progressive jüdische Stimmen «plattgemacht», ganz zu schweigen von muslimischen, palästinensischen, türkischen Stimmen. Das deutsche Feuilleton: «eine Wagenburg der Staatsräson».
Eyal Weizman vom Recherchekollektiv Forensic Architecture, bekannt für forensische Analysen historischer und zeitgenössischer politischer Gewalt, berichtete von deutschen Behinderungen seiner Arbeit und von Belehrungen – und zog Verbindungslinien zwischen Kolonialverbrechen, Holocaust und Gaza. Wenn Deutschland den Genozid in Gaza oder denjenigen an den Nama und Herero Anfang des 20. Jahrhunderts im heutigen Namibia leugne, leugne es gleichsam auch den Holocaust. Der Israeli Weizman erklärte auch, dass er in Deutschland mittlerweile als «gefährliche Person» gelte.
Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze wiederum, in Heidelberg aufgewachsen, hatte schon zum Auftakt der kleinen Diskussionsrunde festgehalten, dass man keine deutsche «Sonderwegsgeschichte» erzählen solle. Später ergänzte er: Alle westlichen Demokratien seien in einer tiefen Krise. Und Deutschland sei beileibe nicht das einzige Land, das den völkerrechtswidrigen Krieg der israelischen Regierung unterstütze.
Auch Sima Luipert, die schon lange für die offizielle Anerkennung genozidaler deutscher Kolonialverbrechen im heutigen Namibia kämpft, äusserte sich kritisch über die Vorstellung, die deutsche Erinnerungskultur sei vom richtigen Weg abgekommen. Die deutschen Intellektuellen erinnerten sie an verwöhnte Kinder, denen man den Schleckstängel weggenommen habe. Wenn sie heute enttäuscht fragten, was schiefgegangen sei, müsse sie, Luipert, ihnen entgegnen: «Aus meiner Perspektive ist nie etwas richtig gelaufen.»
Keine Stimmen aus dem Publikum
Tags darauf, als die Tagung im Vortragssaal des Kunsthauses fortgesetzt wurde, wartete man weitgehend vergeblich auf solche kontroversen Diskussionen. Die meisten Panels waren so einhellig besetzt, dass kaum Widerspruch laut wurde. Das Publikum konnte weder Fragen stellen noch mitdiskutieren. Eine etwas paradoxe Situation für eine Veranstaltung, an der wiederholt die Verengung der Debattenräume beklagt wurde.
In einer besonnenen Wortmeldung kurz vor Ende der Konferenz verwies «Tachles»-Chefredaktor Yves Kugelmann auf den – angesichts des Tagungsorts ja sehr nahe liegenden – Bührle-Skandal. Und darauf, dass ein derart gedankenloser Umgang mit einer in NS-Kriegsgeschäfte und Holocaust verstrickten Kunstsammlung in Deutschland nicht möglich gewesen wäre, gerade auch dank der vielgeschmähten Erinnerungskultur. Sein Einwand lief ins Leere.
Was unter den Tisch fiel
Insgesamt vermisste man hartnäckig nachhakende, hinterfragende, differenzierende und widersprechende Stimmen. Es fehlten zum Beispiel Leute wie Seyla Benhabib, Omri Boehm, Max Czollek oder Hito Steyerl. Dabei waren viele der aufgeworfenen Themen und Thesen durchaus relevant: die Schlaglichter auf Fälle, in denen deutsche Medien mit verzerrten Darstellungen und ungenauen Statistiken die Angst von Jüdinnen und Juden schüren; erschreckende Kontinuitäten von Antisemitismus und Rassismus nach 1945; der Vorwurf einer Instrumentalisierung und damit Entleerung des Antisemitismusvorwurfs, um missliebige Stimmen zum Schweigen zu bringen, gehäuft zu beobachten im Kunstbetrieb seit dem Documenta-Debakel von 2022.
Auch die mehrfach geäusserte Kritik am deutschen Erinnerungstheater war, obgleich nicht neu, doch weiterhin treffend. Die Deutschen sitzen bei diesem Theater im Regiestuhl und spielen zugleich auf der Bühne die geläuterten, schuldbewussten Täter:innen. Jüdinnen und Juden haben brav in der ihnen zugewiesenen Opferrolle zu verharren. Wenn sie nicht mehr mitspielen oder sich anders äussern, als die Rolle für sie vorsieht, laufen sie Gefahr, sanktioniert zu werden.
Was gleichzeitig unter den Tisch fiel, waren wesentliche Differenzierungen zwischen Rassismus und Antisemitismus oder auch zwischen dem Holocaust und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diese Unterschiede wurden in Zürich nicht aktiv verneint, sie wurden bloss nicht adressiert, offenbar nicht als besonders relevant empfunden und überblendet durch ein Beharren auf Kontinuitäten, Parallelen und der Gewalt der Gegenwart. Polemik, anekdotische Evidenz, persönliche Erfahrungen und Kränkungen ersetzten oft Analysen und notwendige Vertiefungen; wobei man sich fragen durfte, ob die bereits unerträglich aufgeheizte Debatte wirklich noch weiterer Zuspitzungen und Abkürzungen bedurft hatte.
Historische Urteilskraft
Eine konsequentere Öffnung des Blicks für den weltweiten Rechtsrutsch und die damit einhergehenden Kriege gegen Migrant:innen hätten der Tagung gutgetan. Ebenso die Verpflichtung, parolenhaft verwendete Begriffe wie «Staatsräson», «Erinnerungskultur», «Genozid» jeweils genauer zu umreissen. In seinem Eröffnungsreferat hatte Jakob Tanner konstatiert, Streitkultur und historische Urteilskraft seien «aus den Fugen geraten». Diese Diagnose traf dann leider auch auf Teile der Tagung zu.
Und das heftig kritisierte deutschsprachige Feuilleton? Es kritisierte teils heftig zurück. Am lautesten die NZZ, die einmal mehr eine abenteuerliche Spitzkehre hinlegte: Routiniert betonte man die Meinungsfreiheit, um dann einzelne Redner:innen und die Gastgeber:innen der Tagung heftig anzugreifen – sogar wenn Letztere nur die Räume zur Meinungsäusserungsfreiheit zur Verfügung gestellt hatten.