Auf allen Kanälen: Dreiste Aneignung
Ein Buch wollte bekannten Österreicherinnen eine Stimme geben. Nicht immer ist es ihre eigene.
«Dieses Buch ändert den Blick, es ist eine Wertschätzung, eine Ermutigung und ein Auftrag», schreibt die österreichische Tageszeitung «Der Standard» am 22. Dezember. Die Rede ist von dem im Oktober erschienenen Buch «We are Austria. 77 aussergewöhnliche Frauen aus Österreich». Die Autorin und Illustratorin Nina Pavicsits porträtiert darin berühmte Österreicherinnen; Verstorbene wie Alma Mahler-Werfel, Hedy Lamarr oder Maria Theresia sowie lebende Grössen wie Stefanie Sargnagel, Elfriede Jelinek oder die Journalistin Corinna Milborn. Auf einer Seite steht jeweils ein kurzer Text, daneben ein gezeichnetes Porträt. Als Vorbild dienten Pavicsits laut eigenen Aussagen die «Good Night Stories for Rebel Girls» – Frauenporträtbücher, die 2016 erstmals erschienen sind und seither riesige Erfolge feiern (siehe WOZ Nr. 1/24).
Ein Fiasko
Gut eine Woche später tönt es in derselben Zeitung etwas anders: «Was verbindend gedacht war, entzweit nun», ist am 30. Dezember im «Standard» über dasselbe Buch zu lesen; von einem «Fiasko» ist die Rede. Was ist geschehen?
Die Texte in Pavicsits’ Buch sind durchgehend in Ich-Form geschrieben. Elfriede Jelinek sagt etwa: «Meine Bücher und Theaterstücke sind radikal, sprachgewaltig, unbequem.» Stefanie Sargnagel erklärt: «… meine rotzig-ehrliche Schreibe wird mein Markenzeichen, ich gelte eine Weile als Underground-Geheimtipp.» Und Anja Plaschg, bekannt als Musikerin Soap&Skin, verrät: «Aber zu spüren, dass da jemand weint, etwas fühlt – das gibt mir Kraft. Über meine Kunst zu sprechen, etwa in Interviews, mache ich hingegen nicht gern.»
Dumm nur: Plaschg hat das gar nie gesagt. Dies stellte sie am 22. Dezember auf Facebook klar: «Ich habe noch nie mit der Autorin gesprochen noch den Text über mich jemals freigegeben. Sätze wie ‹Zu spüren, dass jemand weint, gibt mir Kraft›, stammen nicht von mir – sie widersprechen meinem Erleben und meinem Selbstverständnis grundlegend.» Auch die anderen noch lebenden Porträtierten haben nie mit der Autorin gesprochen. Das weist diese im Vorwort aus: Die Texte basierten nicht auf von ihr geführten Interviews, sondern auf «sorgfältiger Recherche», schreibt sie dort; hinten im Buch gibt es auch Quellenangaben.
Auf Plaschgs Facebook-Kommentar meldeten sich weitere Porträtierte, die nichts vom Buchprojekt gewusst hatten. In einer Stellungnahme von Styria Buchverlage, zu dem der Molden-Verlag gehört, in dem das Buch erschienen ist, heisst es: Alle noch lebenden Österreicherinnen seien zeitlich ausreichend vor Drucklegung kontaktiert worden. «Nicht in jedem Fall kam dazu eine Rückmeldung.» Die Autorin lässt die Porträtierten ohne deren Wissen reden, legt ihnen teils Worte in den Mund. Einigen gab sie die Texte zum Gegenlesen, anderen nicht; publizierte diese, auch wenn sie keine Rückmeldung erhalten hatte.
Im Podcast «Let’s book» des Molden-Verlags erzählt sie: «Elfriede Jelinek hat nicht zurückgeschrieben, aber ich habe auch keine Ahnung, ob ich die richtige E-Mail-Adresse hatte.» Professionelles Arbeiten sieht anders aus. Man wird den Verdacht nicht los, dass der Verlag vor allem die Weihnachtskasse klingeln hörte, das Buch macht sich sehr gut unter dem Weihnachtsbaum – dazu kann man schön designte Stofftaschen kaufen.
Lästige Textfülle
Wer in Ich-Form schreibt, hat eine grosse Verantwortung gegenüber den Zitierten. Dass ausgerechnet ein Buch, das Frauen eine Stimme geben will, sie derer beraubt, ist die absurde Pointe dieser Geschichte. Warum die Autorin die Ich-Form gewählt hat, obwohl sie kein Interesse an den echten Stimmen zu haben scheint, bleibt ihr Geheimnis. «Ich wollte Dinge hervorheben, die mir an den Biografien wichtig erschienen sind. Deshalb musste ich auch keine Interviews führen», erklärte sie gegenüber dem «Standard». Denn sie habe gewusst, wie sie die Texte gestalten wolle, «damit sie für Leserinnen und Leser interessant sind». Der Verlagsleiter ergänzte, Interviews hätten schlicht «eine immense Textfülle erzeugt, die dann für eine Buchseite wieder eingedampft hätte werden müssen».
Dieses Buch ändert tatsächlich den Blick: allerdings nicht auf die porträtierten Frauen, sondern auf das Verlagswesen, um das es offensichtlich nicht allzu gut zu stehen scheint.