Béla Tarr (1955–2026): Melancholie des Widerstands
Am Ende von «The Turin Horse», Béla Tarrs letztem Film von 2011, bleibt nichts übrig. Weder Glaube noch Liebe, und schon gar keine Hoffnung. Bevor die Handlung um einen Bauern und dessen Tochter, denen während sechs Tagen in einer Art umgekehrten Genesis die Welt abhandenkommt, zu Ende ist, verschwindet selbst das Licht – und mit diesem das Kino. Man könne den Grad der Reduktion dieses Films nicht mehr unterschreiten, meinte der französische Philosoph Jacques Rancière. Tarr selber begründete seine anschliessende Abkehr vom Filmemachen damit, dass jeder weitere Film eine blosse Repetition der Form wäre.
Auch wenn der Regisseur all seine Filme (ausgenommen den letzten) augenzwinkernd als Komödien bezeichnet hat: Einladend ist das Werk des Ungarn nicht. Zu düster das Menschenbild, das er mit László Krasznahorkai teilte, seinem künstlerischen Mitstreiter seit «Verdammnis» (1989); zu sperrig für «normale» Sehgewohnheiten die langen, schwarz-weissen Kamerafahrten, aus denen die Filme hauptsächlich bestehen. Und doch: Kaum ein filmisches Werk der jüngeren Gegenwart ist von einer vergleichbar ergreifenden (weil strengen) Schönheit. Eine Schönheit, die, so Rancière, nie Selbstzweck sei, sondern «die Belohnung der Treue zur Realität».
«Melancholie des Widerstands» lautet der deutsche Titel von Krasznahorkais Vorlage zum Film «Die Werckmeisterschen Harmonien» (2000), in dem einmal mehr jene zerbrechlichste aller Institutionen namens Gemeinschaft vor den Augen der Protagonist:innen und Zuschauer:innen in Zeitlupe zusammenfällt. Die Bilder einer durch die Strassen wütenden, von einem Populisten verführten Menschenmenge – entstanden unter dem Eindruck des Niedergangs der kommunistischen Volksrepublik Ungarn – wirken im besten wie im schlimmsten Masse prophetisch.
Am 6. Januar ist Béla Tarr – der freieste Mensch, den er je gekannt habe, so Orbán-Widersacher Gergely Karácsony – gestorben. Gerade drei Monate ist es her, dass die Verleihung des Literaturnobelpreises an László Krasznahorkai auch Tarrs Werk zu etwas mehr Aufmerksamkeit verholfen hatte. Es wird deshalb in nächster Zeit an verschiedenen Orten zu Vorführungen unter anderem von «Satanstango» (1994) kommen. Dieses siebeneinhalbstündige Meisterwerk einmal im Kino zu sehen, ist eine unvergleichliche Erfahrung, die einen verändert zurücklässt.
Im Filmpodium Zürich läuft derzeit eine Retrospektive mit Filmen von Béla Tarr. www.filmpodium.ch