Film: Am Kreuz und im Keller

Nr. 3 –

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Filmstill aus «Der Mann auf dem Kirchturm»: ein Kaminfeger
«Der Mann auf dem Kirchturm». Regie: Edwin Beeler. Schweiz 2025. Jetzt im Kino.

Je höher, desto lieber, das sei ihr «Daddy» gewesen. Die Mutter und ihr Sohn, der Regisseur Edwin Beeler, betrachten zusammen ein altes Schwarzweissfoto, das zwei Arbeiter auf einer langen Leiter zeigt. Die Männer im Overall posieren am Turm der Dorfkirche von Oberägeri für den Fotografen. Auf der Kirchturmspitze aber hält sich, mit einem Seil notdürftig gesichert, ein dritter Arbeiter am metallenen Kreuz fest. Das ist Edwin Beelers Grossvater, der als Kaminfeger und Dachdecker in diesem Dorf im heute reichsten Kanton der Schweiz eine angesehene Persönlichkeit war. 1989, mit achtzig Jahren, erschoss er sich im Keller seines Hauses in Oberägeri, das er zeit seines Lebens bewohnt hatte.

Die Welt seiner Kindheit als Grossvaters Lieblingsenkel sei allerdings eine heile gewesen, erinnert sich Edwin Beeler, im Film abwechslungsweise von Hanspeter Müller-Drossaarts Offstimme gesprochen und von David Meile als kindliches Alter Ego verkörpert. Familiengeschichten in der ersten Person sind im jüngeren Schweizer Dokumentarfilm nicht selten, auch filmische Nachforschungen über Suizide im engeren Umfeld gibt es einige. Mit viel Geschick schafft es Beeler jedoch, seinen Film über den «Mann auf dem Kirchturm» über diese Themenkreise hinaus zu einer spannungsvollen Sozialgeschichte der Innerschweiz zu gestalten. Dabei spannt er den Bogen bis in die Gegenwart und zeigt etwa wiederholt Szenen von weiterhin lebendigem Brauchtum. Aber auch das: Einmal fährt die Kamera minutenlang über den Hang oberhalb des Ägerisees, wo sich gesichtslose Siedlungen mit Luxusappartements schier endlos in die Landschaft gefressen haben.

Als Regisseur ist Beeler nach eigenem Bekunden ein «Schüler» von Fredi M. Murer und Erich Langjahr, die sich lange vor ihm als Chronisten der Zentralschweiz profiliert haben. Mehr noch als diese beiden ist er aber vom Katholizismus dieser Region geprägt. Das zeigt sich auch, wenn es am Ende von «Der Mann auf dem Kirchturm» ganz ohne Ironie heisst, der Grossvater sei nun im Himmel, und er lächle ihm, Beeler, von dort aus zu.