Heimatschutz heute: Es könnte so schön sein

Nr. 4 –

Beim Schweizer Heimatschutz ist man seit dessen Gründung vor über 120 Jahren uneinig, was mit «Heimat» genau gemeint ist. Wie reagiert der Verein auf eine diverser werdende Gesellschaft, die zudem nach rechts rutscht?

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Bauernhof am Fuss der Seerenbachfälle in Amden am Walensee
Idyllisch gelegen: Bauernhof am Fuss der Seerenbachfälle in Amden am Walensee. Foto: Pierre Marmy, Schweizer Heimatschutz

«Ich bin beim Heimatschutz mit meinem Hintergrund vermutlich ein komischer Vogel», sagt Remo Reginold, Politikberater und Sektionspräsident des Innerschweizer Heimatschutzes. «Aber gerade jetzt, wo das Thema Heimat wieder Hochkonjunktur hat, finde ich es unglaublich wichtig, sich dazu zu äussern.» Reginolds Eltern flohen Anfang der achtziger Jahre aus Sri Lanka in die Schweiz. «Im Heimatschutz gibt es ausser mir kaum Leute mit Migrationsgeschichte. Das merkt man manchmal in den Diskussionen darüber, wie viel Veränderung eine Gesellschaft verträgt. Aber wir leben nun mal in einer Migrationsgesellschaft.» Für einen kritisch-konstruktiven Umgang mit Heimat müsse man den Begriff weit fassen: «Es geht nicht einfach um schöne alte Bauten und wohlproportionierte Stadtbilder. Sondern auch um soziale Praktiken, Sprache, Wirtschaft oder Gemeinschaft.»

Der Heimatschutz mit seinen 25 von der Zentrale unabhängigen Sektionen setzt sich gemäss Statuten für den Erhalt von Baukultur in der Schweiz ein. Das klingt nicht sonderlich brisant, doch der Verein sitzt damit mittendrin in lauter Themen, die das gesellschaftliche Zusammenleben verhandeln: Wohnbaupolitik, Gentrifizierung und Verdrängung, Landschafts- und Umweltschutz, Migration und, ja, Heimat. «‹Heimat› funktioniert als Begriff hochemotional, ist rational aber extrem unscharf», sagt Reginold. Das ist auch der Grund, weshalb er als Kampfbegriff für rechte Parteien so nützlich ist. Umgekehrt haben viele Linke zu Recht ihre Mühe damit – und stehen deshalb auch dem Verein Heimatschutz zumindest skeptisch gegenüber: Wer und was ist mit «Heimat» überhaupt gemeint, und vor wem und was soll sie geschützt werden?

Denkmäler gehören allen

Tatsächlich sind diese Fragen auch beim Heimatschutz umstritten, und zwar seit seinen Anfängen. 1905 wurde in mehreren Schweizer Zeitungen ein Gründungsappell abgedruckt, in dem zum Schutz der «landschaftlichen Schönheiten» und der «historischen Eigenart unseres Landes» aufgerufen wurde. Der Bewegung anschliessen sollten sich alle, die «das Vaterland vor wachsender Verunstaltung schützen wollen». Kraftwerke und Fabriken, Stauseen, Strassen, Eisenbahnlinien und Elektrizitätsinfrastruktur, Hotelanlagen und Bergbahnen: Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Lebenswelt der Menschen im Zuge der Industrialisierung stark verändert. In der Schweiz, aber auch in Deutschland, Österreich, Frankreich und Grossbritannien entstanden als Reaktion darauf Heimatschutzorganisationen, die sich in dieser veränderten Lebenswelt auf Tradition und eine eigene kulturelle Identität beriefen. In dieser Zeit erfuhr der Begriff der Heimat eine zunehmend nationale Auf‌ladung: Die «Heimat» bezog sich damit auf einen klar gegen aussen abgegrenzten Raum.

Schon früh gab es in diesem sehr konservativen Verein allerdings Uneinigkeit darüber, was denn nun zur «Verunstaltung» alles dazugehört. Das «Neue Bauen» entfachte einen Konflikt zwischen Modernist:innen und Traditionalist:innen, der in den 1920er Jahren besonders gehässig ausgetragen wurde. Ab Ende des Jahrzehnts gewannen die traditionalistischen Strömungen innerhalb des Vereins die Oberhand: Die moderne Architektur wurde als Ausdruck von «Kulturbolschewismus» gebrandmarkt.

leeres Zimmer im Bührer-Areal in Biel
Zeugt vom Leben der Saisonniers: Zimmer im Bührer-Areal in Biel. Foto: Lucas Dubuis

Mit der geistigen Landesverteidigung besann man sich zunehmend auf das «Volkstümliche» und erhob die bäuerliche Kultur zum Schweizer Symbol schlechthin. Das führte auch zu völkischen Auswüchsen, wie ein Blick in die Vereinszeitung vom Juli 1933 zeigt, in der Bauern als «rassige Schweizer» betitelt werden. Dazu heisst es: «Es konnten nur Bauernköpfe sein, da der Herr aus der Stadt und der Arbeiter beide in ihrer Erscheinung international geworden sind. […] Jedes Volk, das gesund bleiben will, muss sich immer und immer wieder aus seinem Bauernstand erneuern.»

Heute hat sich der Heimatschutz von solchen Positionen weit entfernt. Tatsächlich ist er ab Ende der sechziger Jahre eher nach links gerutscht, auch im Verbund mit Umweltorganisationen. Schliesslich kann die Tätigkeit des Heimatschutzes als genuin links ausgelegt werden: Es geht im Kern immer darum, im Interesse der Allgemeinheit Privateigentum und -interessen einzuschränken. Diesen Punkt unterstreicht auch Silke Langenberg, Professorin für Denkmalpflege und Konstruktionserbe an der ETH und seit Jahren Mitglied beim Heimatschutz: «Denkmäler, aber auch Allmenden gehören allen und brauchen daher besonderen Schutz. Besitzer von Denkmälern sehen häufig nur, dass sie in ihrer privaten Freiheit eingeschränkt werden. Das stimmt – aber die Anliegen der Mehrheit überwiegen eben Partikularinteressen. Wenn ich an einer roten Ampel halten muss, werde ich auch in meiner privaten Freiheit eingeschränkt.»

Trotzdem gibt es nach wie vor konservativere und progressivere Auslegungen davon, was als «Heimat» schützenswert sei. Man kann das zum Beispiel entlang des Wakkerpreises nachverfolgen, der vom Verein seit 1972 jährlich an eine Gemeinde vergeben wird, «die bezüglich Ortsbild- und Siedlungsentwicklung besondere Leistungen vorzeigen kann». In den Anfängen waren das pittoreske Dörfer wie Stein am Rhein (1972) oder Guarda (1975); in den letzten Jahren dagegen wurden etwa das Basler Agglomerationsprojekt «Verein Birsstadt» (2024) oder Meyrin (2022) ausgezeichnet. «Meyrin bekam den Preis nicht wegen schöner alter Bauten, sondern weil sie es irgendwie schaffen, mit 26 000 Menschen aus über 140 Nationen eine Gemeinschaft zu bilden», sagt Reginold. Letzte Woche wurde verkündet, dass der Wakkerpreis in diesem Jahr an die Gemeinde Brig-Glis geht. Reginold ist unzufrieden: «Dafür freuen sich natürlich jene darüber, die einfach wieder mal ein schönes Ortsbild wollten.»

Der Heimatschutz steht heute vor allem von rechts unter Beschuss – von Leuten also, die die Heimat gerne für ihre politische Agenda verzwecken. Der Verein sei ein «Verhinderer», indem er Bauprojekte unnötig verzögere oder gar verunmögliche. Immer wieder gibt es Anläufe, wichtige Schutzinstrumente wie das Verbandsbeschwerderecht oder das Inventar der schützenswerten Ortsbilder (ISOS) zu schwächen oder ganz abzuschaffen, damit die Baubranche zügig und ohne mühsame Kontrollinstrumente klotzen kann.

Beim Verbandsbeschwerderecht gehe es «bloss darum, zu überprüfen, ob sich ein Projekt im legalen Rahmen bewegt», sagt Peter Egli, der beim Verein für die Kommunikation zuständig ist. Es wurde 1967 eingeführt und ermöglicht es grösseren Verbänden wie Pro Natura oder eben dem Heimatschutz, Bewilligungen von Bauprojekten, die stark in Natur und Umwelt eingreifen, gerichtlich zu prüfen. Oft werde ein Projekt nicht versenkt, sondern angepasst, wenn die Beschwerde gutgeheissen werde, so Egli.

Fern von Parteipolitik

«Ein im Grunde urbürgerliches Instrument» nennt Reginold das Verbandsbeschwerderecht. «Weil es darum geht, dass die Zivilgesellschaft dem Staat auf die Finger schaut. Dass sich die bürgerlichen Parteien und vor allem die liberale FDP so vehement dagegenstellen, zeigt, wie stark sie sich von ihren eigenen Wurzeln entfernt haben.»

Gleichzeitig ist sich die SVP nicht zu schade, für ihre ausländer:innenfeindliche Initiative gegen eine «10-Millionen-Schweiz» einen direkten Zusammenhang zwischen Zuwanderung und ­«Zubetonierung und Druck auf die Natur» oder «Verlust von Kultur und Identität» herzustellen, im Grunde also heimatschützerische Schlagworte zu bemühen, während sie zugunsten der Baubranche die Rechte ebenjener Natur und Kultur gern zu schleifen bereit ist.

Hochhaus beim Einkaufszentrum Schönbühl in Luzern
Schweizer Baudenkmal des finnischen Architekten Alvar Aalto: Hochhaus und Einkaufszentrum Schönbühl in Luzern. Foto: Sebastian Heeb, Schweizer Heimatschutz

Müsste sich der Heimatschutz dazu nicht verhalten? «Wir positionieren uns grundsätzlich nicht zum parteipolitischen Geschäft», sagt Egli. Einzelnen stehe es aber natürlich frei, sich öffentlich dazu zu äussern – wie es im Dezember etwa der gesamtschweizerische Heimatschutz-Präsident Martin Killias in einem grossen Interview mit der NZZ getan hat. Auf die erste Frage, was die Vorstellung einer «10-Millionen-Schweiz» in ihm auslöse, antwortet er dort: «Angst.» Und sagt weiter: «Wie weit die Schweiz wachsen soll, ist eine politische Frage – dafür ist der Heimatschutz nicht zuständig. Aber ich selber sehe das enorme Bevölkerungswachstum als Bedrohung für unsere Natur, unsere historischen Ortsbilder, letztlich unsere Lebensqualität.»

Am Telefon mit der WOZ sagt Killias: «Die Initiative ist ein Mist, natürlich ist sie das. Zahlenmässige Begrenzungen funktionieren nie wie erhofft, sondern fördern Korruption und Umgehungsmanöver.» Wieso er der NZZ trotzdem dieses gefundene Fressen liefert? Liest man das Interview zu Ende, sind dort auch differenziertere Argumente zu finden, die etwa die Widersprüchlichkeit der SVP aufzeigen. Sicher nicht schlecht, so etwas auch mal einem NZZ-Publikum zu erzählen. Fragt sich bloss, zu welchem Preis.

Das Recht auf Erinnerung

Martin Killias, Sozialdemokrat und emeritierter Strafrechtsprofessor, ist seit 2017 Präsident, aber schon sehr viel länger im Verein: gut sechzig Jahre. Politisiert habe ihn «der Abbruchwahn der 1960er». Später habe er mit dem Begriff der Heimat lange nicht viel anfangen können. «Der Wendepunkt war für mich 2009, als ich für ein Deza-Projekt in Chongqing war.» Die chinesische Stadt mit 32 Millionen Einwohner:innen gilt als flächenmässig grösste der Welt. «Ich habe diesen Ort als grauenhaft erlebt: Ich wurde das Gefühl nicht los, dass man diesen Leuten die Heimat genommen hat.» Der Begriff ist für ihn stark an Erinnerung geknüpft. «Darauf hat jeder Mensch ein Recht.» Deswegen sei es wichtig, dass nicht nur einzelne Bauten, sondern im Sinne des Ortsbildschutzes ganze Ensembles und Strukturen erhalten blieben. «Meinen Schulweg von damals gibt es zum Beispiel immer noch. Das ist doch unglaublich», sagt Killias.

Was aber, wenn zwar die Strukturen erhalten werden, aber nicht für jene, die dort einmal gelebt haben? Wenn also die Arbeiter:innensiedlung geschützt wird, teure Kernsanierungen aber dazu führen, dass sich nur noch Gutverdienende die Mietpreise leisten können? «Klar, das ist eine Verlusterfahrung. Schauen Sie sich das Zürcher Seefeld an. Auch so macht man Erinnerung kaputt», bestätigt Killias. Das grösste Problem sieht er in der «geballten Misswirtschaft der Immobilienbranche»: «Paradoxerweise fehlt es mehr an bezahlbaren Wohnungen, je mehr gebaut wird, weil das vor allem über den Abbruch von Altbauten mit tragbaren Mietzinsen passiert.» Der Heimatschutz trage dazu bei, dass nicht noch mehr solcher Wohnungen verschwänden.

Skatepark in Le Locle
Aus dem «Katalog des zukünftigen Erbes»: Skatepark in Le Locle. Foto: Alan Maag

ETH-Professorin Silke Langenberg argumentiert in dieselbe Richtung: «Es ist wichtig, diese Verdrängungsmechanismen zu benennen, gerade, wenn man von Heimat spricht. Das eigene Zuhause zu verlieren, ist wahrscheinlich für jeden Menschen eine der schlimmsten Erfahrungen. Das Problem ist, dass wir Häuser zwar schützen, aber ihre Nutzung nicht festschreiben können. Das kann zu einer Disneyfizierung führen: Ein Quartier sieht zwar hübsch aus, ist sozial aber total entmischt und eigentlich tot.»

Langenberg lancierte letztes Jahr an der ETH ein Projekt, in dem es um das (Bau-)Kulturerbe von Minderheiten und Menschen ohne Lobby geht (vgl.: «Wie Minderheiten erinnert werden» im Anschluss an diesen Text). Dazu gehört neben dem grossen Thema der Verdrängung auch die Frage, wie mit der Erinnerung an Unterdrückung und Diskriminierung umgegangen wird – etwa im Zusammenhang mit kolonialem Erbe im öffentlichen Raum. Letztes Jahr sorgte der Heimatschutz, genauer die Stadtzürcher Sektion, mit seiner unerbittlichen Position zum Erhalt der Hausinschriften «Zum Mohrenkopf» und «Zum Mohrentanz» im Zürcher Niederdorf für Schlagzeilen (siehe WOZ Nr. 48/25). Dabei vertritt der Verein zum Thema koloniales Erbe keine grundsätzlich brisanten Haltungen.

Ein Positionspapier von 2023 betont die Bestrebungen für einen kritischen Umgang mit kolonialem und rassistischem Erbe. In der Villa Patumbah, in der sich der Heimatschutz seit 2013 einmietet, gab es 2020/21 eine Ausstellung zur kolonialen Vergangenheit des Hauses: 1883 wurde ihr Bau vom Zürcher Kaufmann Carl Fürchtegott Grob in Auftrag gegeben, der in Sumatra mit Tabakplantagen und durch Tausende in ausbeuterischem Verhältnis schuftende Arbeiter:innen ein Vermögen verdient hatte. Auch hier: Hausaufgaben gemacht, ohne sich allzu radikal zu positionieren.

Grundsätzlich, sagt Peter Egli, soll nicht nur heute positiv Konnotiertes erhalten werden, sondern auch Bauwerke, die an Unrecht erinnerten. «Wo auch immer möglich, soll das kontextualisiert werden. Aber wenn manche Darstellungen oder Ausdrücke heute als rassistisch empfunden werden, dann müssen wir darüber diskutieren, ob sie nicht vielleicht für eine Weile aus dem Stadtbild verschwinden sollten.» Trotzdem bezeichnet er den Fall der Hausinschriften als Nebengleis.

Auch Martin Killias argumentiert, es gehe dabei nicht um die Kernthemen des Heimatschutzes: «Man hat sich in Zürich ein bisschen reingesteigert. Klar, der Fall gab wahnsinnig viel Publizität. Aber lenkt das nicht von unserer Hauptaufgabe ab, Baustrukturen zu erhalten?» Remo Reginold ist hingegen der Meinung, man hätte sich anhand des Falls auch grundsätzlichen Fragen stellen können: «Hinter Baukultur steht immer Gesellschaftskultur. Eine solche Geschichte könnte eigentlich ein guter Aufhänger für Diskussionen sein, an wen oder was Baukultur überhaupt erinnern kann.»

Egli meint, vielleicht stehe der Heimatschutz gerade an einem Wendepunkt. «Bei der Gründung ging es um Bergspitzen, um Schlösser, Kirchen und Bauernhäuser. Später kam die Industriekultur oder auch der Wohnungsbau dazu. Jetzt stehen wir vor einem weiteren Schritt, bei dem es vermehrt um Gesellschaftsfragen geht.» Es geht um Teilhabe – aber eben auch darum, die Erinnerung an vergangenes Unrecht und Diskriminierung aufrechtzuerhalten.

«Wir stehen erst ganz am Anfang der Aufarbeitung», sagt Silke Langenberg mit Verweis auf den Umgang mit dem Erbe von Saisonniers oder Jenischen. «In der Schweiz muss noch viel über die Bedeutung eines vielfältigen kulturellen Erbes nachgedacht, vor allem aber gemeinsam mit Betroffenen darüber diskutiert werden.» Das ist zum Glück etwas, das man üben kann.

Publikation: Wie Minderheiten erinnert werden

Dass nicht nur die Mehrheitsgesellschaft ein Recht auf Denkmäler hat, sondern auch das Erbe von Minderheiten geschützt werden muss, steht explizit in den Leitsätzen zur Denkmalpflege in der Schweiz von 2008. Aber wie kann dieser Vorsatz konkret umgesetzt werden? Dieser Frage hat sich im vergangenen Jahr ein ETH-Projekt angenommen, angestossen von Silke Langenberg, Professorin für Denkmalpflege und Konstruktionserbe. Im Rahmen des Fünfzig-Jahr-Jubiläums des Europäischen Denkmalschutzjahrs 1975 wurde das damalige Motto erweitert: Aus «Eine Zukunft für unsere Vergangenheit» wurde «Eine Zukunft für wessen Vergangenheit? Das Erbe von Minderheiten, Randgruppen und Menschen ohne Lobby».

Was man sich darunter vorstellen kann, lässt sich nun in einer vielstimmigen Publikation unter dem gleichen Titel nachlesen: Ein Text beleuchtet etwa, welche Spuren heute in der Stadt Biel noch an die Saisonniers erinnern – und wie viele getilgt wurden. In einem anderen wird anhand der Autonomen Schule Zürich erzählt, wie wichtig es für einen solchen Ort ist, zentral zu liegen: Wird die Schule an den Stadtrand oder noch weiter nach aussen verdrängt, ist sie für viele Sans-Papiers nicht mehr erreichbar – oder sie erfahren gar nicht erst von ihr. In einem Beitrag wird die Frage aufgeworfen, ob in den früheren Lighthouses, den Häusern, in denen seit Ende der 1980er Aids-Kranke palliativ gepflegt wurden, Erinnerungsorte für die Opfer der Aids-Epidemie eingerichtet werden könnten.

«Für das Buch haben Studierende Objekte recherchiert, die für sie als potenzielle Schutzobjekte infrage kamen. Und oft waren sie erstaunt, wie viele davon schon geschützt waren», sagt Langenberg. Umgekehrt sei es auch für sie und ihr Team interessant gewesen, die Student:innen einzubeziehen, weil das Projekt so um viele unerwartete Perspektiven erweitert wurde. Diese Objekte sind auf den letzten Seiten des Buchs in einem «Katalog des zukünftigen Erbes» gesammelt: Dort finden sich so unterschiedliche Objekte wie die Graffitiwände am Oberen Letten in Zürich, besetzte Häuser wie die Reitschule oder das Tripity in Bern, der Hindutempel in Basel oder das Minarett einer Moschee in Olten, Asylzentren, Zufluchtshäuser für Kinder, Frauen oder Suchtkranke und viele mehr.

Verschiedene Fotoarbeiten ergänzen die vielfältigen Texte; Gespräche und Interviews sorgen dafür, dass nicht nur Akademiker:innen zu Wort kommen. Ein wenig schade ists um den Druck: Silber auf Rosarot ist leider nicht ganz ideal zum Lesen.

«A future for whose past? A Guidebook». Herausgegeben von Icomos Suisse, ETH Zürich, Konstruktionserbe und Denkmalpflege. Hier und Jetzt Verlag. Zürich 2025.

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