Afghanistan: Der Archivar von Kabul
Ahmad Schah Wahdat sammelt seit mehr als 35 Jahren die Zeitungen Afghanistans. Er besitzt eines der wohl grössten Archive des Landes. Wie bewahrt man Geschichte in all den Jahrzehnten der Kriege und Konflikte?
Das Zeitungspapier ist schon leicht vergilbt, aber die Schrift noch deutlich zu erkennen. Seite für Seite blättert sich der Archivar an diesem Vormittag im letzten September durch die afghanische Geschichte. «Tolo-je Afghan» (Der Aufstieg der Afghanen) steht oben rechts in der ersten Zeile, in geschwungenen Buchstaben auf Persisch geschrieben. Darunter eine Widmung an den Propheten Mohammed und eine Erklärung des einstigen Talibananführers Mullah Muhammad Omar für die afghanische Bevölkerung. «Schau», sagt der Archivar, «schon damals gab es keine Bilder», und zeigt auf die Zeitungsseiten, in denen bereits während der ersten Talibanregierung keine Lebewesen abgebildet werden durften.
Er führt durch einen kleinen Keller im Westen von Kabul, vorbei an hohen Regalen, in denen sich Tausende Mappen, kleine Bücher und Zeitschriften aneinanderreihen. «Das sind alles Zeitungen und Magazine», sagt er und bleibt vor einem meterhohen Stapel grosser, schwerer, in Samt eingebundener Mappen stehen. Auf den Umschlägen sind die Jahreszahlen der letzten Jahrzehnte notiert. «Da ganz unten ist das erste Exemplar, das ich vor 36 Jahren gesammelt habe», sagt er und lächelt.
Sprachrohr und Machtinstrument
Ahmad Schah Wahdat ist ein kleiner, kräftiger Mann mit kurzem Haar und Vollbart und einer kleinen Brille gegen die Kurzsichtigkeit. Mehr als 20 000 Ausgaben afghanischer Zeitungen, feinsäuberlich nach Jahrgängen zusammengebunden, dazu Tausende Magazine und Bücher, lagern im Keller des Hauses, über dem heute die Familie des Sohnes wohnt. Es ist das vermutlich grösste und wohl einzige nahezu vollständige Zeitungsarchiv des Landes seit den achtziger Jahren.
Egal ob Kommunismus, die afghanische Republik, der Einmarsch der Sowjetunion, der afghanische Bürgerkrieg, die erste Regierung der Taliban – fast immer, sagt Wahdat, sei die Presse in den vergangenen Jahrzehnten auch Sprachrohr und Machtinstrument der jeweiligen Regierungen und Machthaber gewesen. Mit jedem Machtwechsel wurden Zeitungen und Magazine eingestellt oder neue unter neuen Namen und Ideologien gegründet. Doch nur selten habe sich der afghanische Staat darum gekümmert, Institutionen wie Bibliotheken oder öffentliche Archive aufzubauen. Vieles sei deshalb abhandengekommen in den Wirren der letzten Jahrzehnte, in denen fast durchgängig Kriege und Konflikte geherrscht haben. «Hätten wir es nicht gesammelt, wäre vieles verloren gegangen», sagt Wahdat.
Er ist noch ein Kind, als im Winter 1979 sowjetische Flugzeuge auf dem Flughafen von Kabul landen und Panzer die usbekische Grenze nach Afghanistan überqueren. Die sowjetische Invasion, die ursprünglich nur als kurze Intervention gedacht war, um das kommunistische Regime in Kabul zu stützen, entwickelt sich schnell nicht nur zu einem blutigen Krieg, sondern auch zu einem Stellvertreterkonflikt zwischen der Sowjetunion und den USA. Letztere wiederum unterstützen den Kampf der afghanischen Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer:innen massgeblich.
Hunderttausende Afghan:innen sterben, mehr als drei Millionen Menschen fliehen in den Folgejahren ins Nachbarland Pakistan. Auch Wahdats Familie verlässt das Land. Zu Fuss, mit dem Auto und mit Pferden schlägt sie sich schon kurz nach Beginn des Krieges über die pakistanische Grenze nach Peschawar durch. Von dort verfolgt Wahdat den Kampf der Mudschaheddin, denen sich auch sein Vater als Kommandant einer Einheit anschliesst, um in den Bergen des Hindukusch zu kämpfen.
Von allen Kommunikationsleitungen abgeschnitten, dringen damals kaum Nachrichten aus den Bergen des Hindukusch nach aussen. So sind es für die Millionen afghanischen Flüchtlinge vor allem die kleinen Zeitungen und Magazine unterschiedlicher Fraktionen der Mudschaheddin, die über den Kriegsverlauf im Heimatland informieren. Sie werden in Peschawar gedruckt. «Während mein Vater in Afghanistan kämpfte, trug er mir 1989 auf, in Peschawar alle Zeitungen der Mudschaheddin zu sammeln», erzählt er. Noch als Jugendlicher klapperte er in der Stadt regelmässig die unterschiedlichen Druckereien ab, um die Ausgaben anschliessend im Haus der Familie zu sammeln. «Mein Vater sagte, wenn wir sie verlieren, verlieren wir eines Tages vielleicht auch die Erinnerungen an unsere Gefallenen und Kämpfer.»
Unterwegs auf Buchmärkten
Als die Sowjetunion kurze Zeit später ihre Truppen aus Afghanistan abzieht und zwei Jahre danach auch die kommunistische Regierung zusammenbricht, kehrt Wahdat 1992 aus dem pakistanischen Exil zurück. Die Freude ist zunächst gross, doch schon bald stürzen neue Konflikte rivalisierender Mudschaheddingruppen das Land erneut in einen blutigen Bürgerkrieg. Grosse Teile Kabuls werden innerhalb kurzer Zeit vollständig zerstört, erneut müssen Hunderttausende fliehen.
«Das war die schlimmste Zeit», sagt Wahdat. Jeden Tag habe es Raketeneinschläge und Strassenkämpfe gegeben. Dennoch habe er einfach weitergesammelt. Ab und an sei er vom Familiensitz in der angrenzenden Provinz Paghman nach Kabul gefahren, um Zeitungen auf den Buchmärkten, von anderen Bewohner:innen oder direkt von den einzelnen Fraktionen der Mudschaheddin zu erwerben. «Es war sehr gefährlich. Wenn mich eine der Gruppen mit Ausgaben einer feindlichen Gruppe kontrollierte, verdächtigte sie mich, deren Unterstützer zu sein, genauso andersherum. Ich musste sie an einen versteckten Ort bringen.»
Bis heute besucht Wahdat einmal die Woche die Kabuler Buchmärkte, um nach Fundstücken aus der Vergangenheit zu suchen. Ausserdem sammelt er neue Zeitungsausgaben an Orten wie den Informationsministerien der Taliban. Sobald ein Jahrgang einer Zeitung vollständig ist, lässt er diese in einer grossen Mappe zu einem Buch zusammenbinden.
Sein Archiv hat sich damit mittlerweile auch zu so etwas wie einem kleinen Geheimtipp entwickelt. Es gibt kaum öffentliche Bibliotheken oder Archive in Afghanistan. Gleichzeitig waren in vielen Epochen der vergangenen Jahrzehnte – während des Einmarschs der Sowjetunion, des afghanischen Bürgerkriegs oder der ersten Talibanregierung – kaum ausländische Beobachter:innen im Land. Die Zeitungen sind damit auch wichtige Quellen für Studentinnen oder Wissenschaftler. An ihnen lassen sich historische Entwicklungen ablesen, einordnen und verstehen.
In einem kleinen Buch haben sich in Wahdats Keller die Besucher:innen der letzten Jahrzehnte eingetragen, unter ihnen auch bekannte Persönlichkeiten wie die 2017 verstorbene US-amerikanische Archäologin Nancy Dupree. Sie gilt als eine der prägendsten Vorreiter:innen für die Bewahrung des kulturellen Erbes in Afghanistan und ist Mitinitiatorin des ACKU-Archivs auf dem Kabuler Universitätscampus, das 2013 eingeweiht wurde. «Sie erwarb bereits 1990 in Peschawar über mich Zeitungen», sagt Wahdat.
Ein Rückzugsraum aus der Gegenwart
Während er spricht, merkt man schnell, dass ihm der kleine Kellerraum auch ein Zuhause geworden ist. Ein Rückzugsraum aus der Gegenwart und aus einem Land, das sich in seiner Gänze für Aussenstehende nur schwer verstehen lässt. Um seinen Lebensunterhalt und seine Sammlertätigkeit zu finanzieren, hat Wahdat nach dem Sturz der ersten Regierung der Taliban 2001 bis zu deren erneuten Machtübernahme 2021 als Journalist und Chefredaktor mehrerer afghanischer Zeitungen und Magazine gearbeitet. Daneben hat er elf Bücher über Afghanistan geschrieben: Reiseführer, Bibliografien und politische Analysen.
Gerade arbeite er an einem neuen Buch; es behandle das wechselhafte Verhältnis der Taliban mit der internationalen Gemeinschaft: «Die Geschichte ist die Vergangenheit und zugleich eine Lehre für die Zukunft. Sie ist voller Wissen und Informationen über Dinge, die nicht allen offenbart sind. Nur wenn man sich ihr zuwendet und sie studiert, versteht man sie.»
Auf einer kleinen Liege neben dem Boxsack seines Sohnes breitet Wahdat an diesem Vormittag eine Reihe von Magazinen aus. Auf den Titelbildern sind Ministerien, Moscheen oder Militärhelikopter zu sehen. «Das hier sind Mullah Omars Ankündigungen an die Bevölkerung», sagt er und zeigt auf ein kleines Heft, «Die offizielle Gazette des Justizministeriums 1999», darin ist jedes Dekret einzeln aufgelistet.
Als der ehemalige oberste Talibanführer 1996 mit seinen Kämpfern die Vormacht erlangte, war das für viele Afghan:innen Fluch und Segen zugleich. Das erste Mal seit Jahren herrschte in vielen Teilen des Landes so etwas wie Sicherheit. Gleichzeitig erliessen die neuen Machthaber, deren Ideologie auf eine strikte Auslegung der Scharia und konservative Stammestraditionen zurückgeht, strenge Regeln für die afghanische Bevölkerung und herrschten mit drakonischer Gewalt. Sie unterdrückten ihre politischen Gegner und Minderheiten, verboten sportliche Aktivitäten, Musik sowie Fernsehen und verbannten Frauen und Mädchen aus Schulen und Universitäten.
Dennoch, sagt Wahdat, wäre Afghanistan ohne die Taliban damals wohl in mehrere Teile zerfallen. Anders als die Warlords und die verfeindeten Mudschaheddingruppen des Bürgerkriegs hätten es die Taliban mit ihrer islamischen Gesetzgebung vor allem in ländlichen Gebieten geschafft, viele Menschen hinter sich zu vereinen. «Die Taliban sind tief in der afghanischen Gesellschaft verwurzelt. Auf dem Land sind die Worte der Religionsgelehrten bis heute wichtiger als diejenigen der Ingenieure und Ärzte», sagt er.
Raketeneinschläge aus den USA
Als im September 2001 islamistische Attentäter des Terrornetzwerks al-Kaida zwei Flugzeuge kaperten und in die Zwillingstürme des World Trade Center in New York City steuerten, verfolgte Wahdat das Geschehen in Kabul über den pakistanischen Radiosender PBC. Bis heute könne er sich an die US-amerikanischen Raketeneinschläge erinnern, die nur Wochen später die Regierung der Taliban zusammenbrechen liessen. Doch schon damals habe er wenig Hoffnung in den Traum einer afghanischen Demokratie gehabt. «Die USA und ihre Verbündeten brachten einfach die gleichen grausamen Warlords zurück an die Macht, die bereits während des Bürgerkriegs geherrscht hatten», sagt er.
Zwar habe es nach dem Fall der ersten Talibanregierung dank der vielen Investitionen und humanitären Gelder zunächst einen wirtschaftlichen Aufschwung gegeben. Gleichzeitig habe zum ersten Mal so etwas wie Pressefreiheit geherrscht. Davon zeugen auch Zeitungen in Wahdats Archiv. Es seien zahlreiche neue Publikationen gegründet worden, sagt er. Viele von ihnen seien zwar politisch unabhängig, finanziell hingegen auf internationale Hilfsgelder und Nichtregierungsorganisationen angewiesen gewesen.
Auch das Sammeln der Zeitungen blieb, wie bereits während des Bürgerkriegs, weiter gefährlich: Schon kurze Zeit nach der Gründung der Islamischen Republik Afghanistan im Jahr 2004 flammte der Krieg zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung mit ihren westlichen Verbündeten wieder auf. «In Kabul war es einfach, aber ausserhalb wurden viele Strassen im Land von den Taliban kontrolliert», sagt Wahdat. Um auch aus anderen Landesteilen Zeitungen sammeln zu können, bezahlte er Kuriere und liess sich Zeitungen mit dem Flugzeug aus Herat, Kandahar oder Masar-e Scharif schicken. Finanzielle Unterstützung von der Regierung habe er aber nie bekommen. «In zwanzig Jahren hat die Regierung keine einzige Bibliothek gebaut», sagt er.
Die Situation für die afghanische Presse hat sich auch mit der erneuten Machtübernahme der Taliban 2021 nicht verbessert. Zuletzt haben diese nicht nur die Pressefreiheit faktisch aufgehoben und Journalist:innen bedroht, sondern auch mehrere Hundert Bücher auf eine Verbotsliste gesetzt und jede Verbreitung von Literatur untersagt, die sich gegen die Grundsätze des Islamischen Emirats richten. Doch wenigstens hätten die Taliban innerhalb kurzer Zeit neue Strassen und Fabriken gebaut und seien viele Probleme im Land angegangen, sagt Wahdat. Und er fügt an: «Das grösste Problem sind die Schul- und Universitätsverbote für Frauen und Mädchen.» Er selbst hat zwei Töchter; für sie wünscht er sich unbedingt, dass sie zukünftig weiterführende Schulen oder die Universität besuchen können. «Ich hoffe sehr, dass diese Verbote enden, ansonsten werden wir viele Probleme bekommen. Bildung für Frauen ist sehr wichtig», sagt er.
Mit der neuen Regierung habe es zwar bisher keine Probleme gegeben. Dennoch hält Wahdat die Bibliothek seit der Machtübernahme der Taliban vorsichtshalber für die Allgemeinheit geschlossen und öffnet nur für Freunde oder ausgewählte Besucherinnen. Aufhören will der Archivar trotzdem nicht. Er ist optimistisch, dass die Regierung ihm eines Tages erlauben wird, das Archiv ganz zu öffnen. Noch grösser solle es werden. Und zugänglich für alle Afghan:innen. «Wenn wir die Zeitungen und Magazine nicht sammeln, wie sollen wir dann aus ihnen lernen?»