Angst in Tigray: Droht ein «afrikanischer Weltkrieg»?
Der Waffenstillstand zwischen der äthiopischen Regierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray ist brüchig. Der Konflikt droht sich mit jenem im Nachbarland Sudan zu vermischen. Expert:innen warnen vor einem riesigen Eskalationspotenzial.
Ein warmer Herbstvormittag vor zweieinhalb Jahren, vor einer kleinen Kirche unweit des Dorfes Mariam Shewito, knapp 170 Kilometer nördlich der tigrayischen Hauptstadt Mek’ele: Der alte Priester, der gerade über den mit Gräbern übersäten Friedhof gelaufen war, sass auf einer kleinen Holzbank und schaute vom Hügel hinunter in Richtung Dorf – ein Jahr zuvor hatten dort äthiopische und eritreische Soldaten ein Massaker verübt. Nun, ein Jahr nach Ende des Krieges, hatte sich Stille über die Landschaft gelegt, doch die Spuren des Krieges waren noch immer zu spüren. «Wie können wir von Frieden sprechen, wenn sich unsere Regierungen nicht miteinander einigen?», fragte er damals.
Der Krieg in der nordäthiopischen Provinz Tigray hatte seit November 2020 knapp zwei Jahre gewütet. Auslöser war ein Machtkonflikt zwischen der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) und der äthiopischen Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed gewesen. Letzterer bekam Unterstützung aus dem Nachbarland Eritrea und von den Fano-Milizen der äthiopischen Provinz Amhara. Allen Parteien wurden im Nachhinein Kriegsverbrechen vorgeworfen: Zehntausende Frauen wurden nach Angaben der Uno vergewaltigt. Schätzungsweise bis zu 600 000 Menschen starben gemäss der Afrikanischen Union. Allein in der Umgebung von Mariam Shewito hätten eritreische und äthiopische Soldaten innerhalb weniger Tage Hunderte von Zivilist:innen getötet, erzählte der Priester damals.
Zwar endete der Konflikt 2022 offiziell mit der Niederlage der TPLF und einem Waffenstillstandsabkommen. Doch internationale Expert:innen befürchten, dass sich die Schrecken von damals nun wiederholen könnten. Die Spannungen zwischen der äthiopischen Regierung und der TPLF haben zuletzt erneut zugenommen. «Gemessen an den aktuellen Entwicklungen seit dem Waffenstillstand sind wir einem erneuten Ausbruch des Krieges so nah wie noch nie», sagt der Konfliktforscher Kjetil Tronvoll, der am Oslo New University College seit Jahrzehnten zu Äthiopien und Eritrea forscht.
Konfliktreiche Nachbarschaft
Äthiopien drängt zum Meer
Bereits Anfang Februar haben sich kleinere Gruppen in Westtigray bewaffnete Auseinandersetzungen mit der äthiopischen Regierung geliefert. In sozialen Medien kursierten zuletzt Berichte von Truppenverlegungen der äthiopischen Armee in Richtung Norden des Landes. In Tigray würden die Menschen dieser Tage bereits Lebensmittel wie Getreide und Öl horten, schildert der Journalist Mekonnen Tadesse, der aus Sicherheitsgründen nicht mit seinem echten Namen genannt werden will, am Telefon. Schon jetzt gebe es kaum noch Bargeld an den Bankautomaten, der drohende Krieg sei in aller Munde. «Das Trauma des letzten Krieges ist noch immer weithin spürbar», so Tadesse, «viele können sich nur zu gut an die knapp zweijährige Isolation der Region erinnern.»
Die Gründe für die erneuten Spannungen sind vielschichtig und liegen wie bereits im letzten Krieg zum Teil in der Innenpolitik des äthiopischen Präsidenten Abiy Ahmed. Mit mehr als achtzig verschiedenen Bevölkerungsgruppen wurde der Vielvölkerstaat jahrzehntelang vom ethnischen Föderalismus beherrscht. Abiy, der 2018 ins Amt gewählt wurde, präsentierte sich dagegen als Reformer. Er rief den panäthiopischen Nationalismus ins Leben und wollte die Macht erneut in der äthiopischen Hauptstadt bündeln, um so inneräthiopische Streitigkeiten etwa um übergreifende Gebietsansprüche zu beenden. Vor allem die TPLF, die trotz des insgesamt geringen Bevölkerungsanteils der Tigray über Jahrzehnte die Politik Äthiopiens dominiert hatte und um ihren Einfluss fürchtete, wurde dabei zu seinem zentralen Gegenspieler. Als die TPLF 2020 gegen Abiys Willen eigene Wahlen in Tigray abhielt, eskalierte der Streit, und Abiy Ahmed schickte die Armee in den Krieg.
Der Konflikt sei 2022 keineswegs gelöst und das Waffenstillstandsabkommen im Nachhinein nur halbherzig umgesetzt worden, sagt Experte Tronvoll. Noch immer sind grosse Teile des westlichen Tigray von amharischen Milizen besetzt, die im Krieg aufseiten der äthiopischen Regierung gekämpft hatten. Zudem hatte die Regierung bislang die politischen Rechte Tigrays auf föderaler Ebene nicht wiederhergestellt. Die Region sei bis heute weitgehend von der nationalen Wirtschaft und von humanitären Hilfslieferungen abgeschnitten. «Die äthiopische Regierung wollte verhindern, dass die TPLF neue politische, wirtschaftliche oder militärische Kapazitäten aufbaut.»
Doch während die TPLF im letzten Krieg weitgehend auf sich allein gestellt gewesen sei, habe sich die geopolitische Lage inzwischen grundlegend verändert. Anders als damals könnte sie heute womöglich auf die Unterstützung ihres einstigen Erzfeindes Eritrea zählen. Hintergrund sind vor allem die Expansionsbestrebungen des äthiopischen Präsidenten, der seinem Land einen Zugang zum Roten Meer verschaffen will. Seit der Unabhängigkeit Eritreas im Jahr 1993 ist Äthiopien als Binnenstaat wirtschaftlich auf Nachbarländer wie Dschibuti oder Somaliland angewiesen, der nach Unabhängigkeit strebenden Region im Nordwesten Somalias.
Präsident Abiy will das ändern und erhebt historische Ansprüche auf den eritreischen Hafen Assab, rund 600 Kilometer nordöstlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Zwar schliesst Abiy Ahmed ein militärisches Vorgehen gegen Eritrea bislang zumindest offiziell aus, drohte dem Nachbarland jedoch wiederholt indirekt und betonte in einer Rede vor dem Parlament Anfang Februar, dass das Rote Meer und Äthiopien nicht auf ewig voneinander getrennt bleiben könnten.
Ein Dutzend Akteure
In der Folge näherten sich auch die beiden ehemaligen Erzfeinde TPLF und Eritrea immer weiter an. Angesichts der gravierenden Kriegsverbrechen, die eritreische Soldaten im letzten Krieg in Tigray, etwa im Dorf Mariam Shewito, verübten, erscheine das zunächst bizarr, meint Experte Tronvoll. Doch sei die Annäherung angesichts der Geschichte der Region nicht ungewöhnlich. «Beide haben die gemeinsame Gefahr durch die äthiopische Regierung und die Notwendigkeit, Vergangenes ruhen zu lassen, erkannt», sagt er. Für die äthiopische Regierung könnte sich daraus eine ernsthafte Bedrohung entwickeln: Mehrfach beschuldigte sie den eritreischen Präsidenten Isayas Afewerki, Truppen nach Tigray zu verlegen und oppositionelle Gruppen in der Region zu unterstützen. Afewerki wies die Vorwürfe hingegen als «offensichtlich falsch und erfunden» zurück und liess seinerseits Truppen auf der eritreischen Seite der Grenze mobilisieren.
Zusätzlich könnten die Spannungen aber auch durch den Krieg im westlichen Nachbarland Sudan weiter verschärft werden. Dort kämpft seit April 2023 das sudanesische Militär (SAF) gegen die paramilitärischen Milizen der Rapid Support Forces (RSF). Die äthiopische Regierung von Abiy steht mutmasslich den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) nahe, die wiederum die RSF unterstützen. Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters enthüllten erst kürzlich die Existenz eines RSF-Trainingscamps in der äthiopischen Region Benishangul-Gumuz an der Grenze zum Sudan, in dem Tausende von Rekrut:innen vor allem aus Äthiopien für den Einsatz im Nachbarland trainiert werden sollen. Daneben gab es vermehrt Berichte von Open-Source-Analyst:innen über Waffenlieferungen und Söldnerentsendungen durch die VAE nach Äthiopien.
Eritrea und die TPLF dagegen unterhalten Verbindungen zur sudanesischen Armee. Es gibt zudem Gerüchte über eine Art Sicherheitsabkommen mit dem sudanesischen Armeechef Abdel Fattah al-Burhan, wonach Isayas Afewerki der Armee möglicherweise zu Hilfe kommen könnte, falls die RSF ihre Operationen im östlichen Sudan ausweiten würden. Gleichzeitig könnte eine Ausdehnung des Konflikts auf Äthiopien laut Konfliktforscher Tronvoll auch viele weitere Akteure wie etwa die Türkei, Ägypten oder Saudi-Arabien miteinschliessen. «Wir hätten hier auf einen Schlag ein gutes Dutzend Akteure von drei verschiedenen Kontinenten involviert», so Tronvoll weiter, «man könnte das auch einen afrikanischen Weltkrieg nennen.»
Eine vollständige Verschmelzung beider Konflikte ist laut Cameron Hudson, einem Afrikaanalysten mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Region und ehemaligen Stabschef von mehreren US-Sondergesandten für den Sudan, vorerst jedoch unwahrscheinlich. Zwar könnte die sudanesische Armee Eritrea und der TPLF gestatten, ihr Territorium für Truppenverlegungen oder als Rückzugsraum zu nutzen, verfolge selber aber bisher keine Interessen, in Äthiopien einzugreifen.
Zugleich wachse der Druck auf die äthiopische Regierung seitens der Emirate und der RSF, um von der äthiopischen Grenze aus eine neue Front gegen die sudanesischen Streitkräfte zu eröffnen, um diese dazu zu zwingen, Einheiten aus der Kordofan-Region abzuziehen, wo sich die Kämpfe zuletzt konzentriert haben. Vieles hängt gemäss Hudson von der weiteren Entwicklung beider Konflikte ab – und davon, ob die äthiopische Regierung, die sich zumindest offiziell bislang aus dem sudanesischen Krieg herausgehalten hat, ihre Unabhängigkeit auch künftig bewahren kann.
Warnungen verhallen
Internationale Vermittlungsversuche, etwa durch die Afrikanische Union oder Saudi-Arabien, das sich letzte Woche mit Vertreter:innen Äthiopiens und Eritreas traf, blieben bisher weitgehend erfolglos. Zwar forderte der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, jüngst alle Konfliktparteien dringend auf, deeskalierende Massnahmen zu ergreifen. International scheinen diese Warnungen jedoch ungehört zu verhallen.
Bereits das Pretoria-Waffenstillstandsabkommen von 2022 sei von allen beteiligten Ländern, darunter auch den USA, Südafrika und europäischen Staaten, kaum beachtet worden, so Analyst Hudson. Zudem gebe es keinerlei Anzeichen für ernsthafte internationale Bemühungen, den Konflikt zwischen Eritrea und Äthiopien zu entschärfen oder die Ambitionen von Abiy Ahmed auf den Hafen von Assab am Roten Meer einzudämmen. «Ich sehe keine Hinweise darauf, dass die internationale Gemeinschaft – weder der Westen noch die Afrikanische Union – die Kriegsgefahr in Äthiopien wirklich ernst nimmt», betont er.
In Tigray würden sich daher schon jetzt immer mehr Menschen auf den Weg machen, um die Region zu verlassen, sagt Journalist Tadesse. Weil die Flüge ausgebucht seien, bliebe nur noch der Weg über das landesweite Bussystem. Er hält es für unwahrscheinlich, dass die TPLF noch einmal so stark wie im letzten Krieg mobilisieren kann, viele Menschen seien auch mit der eigenen Lokalregierung unzufrieden. Doch vor allem das neue Bündnis mit Eritrea mache vielen Angst. Jede unbedachte Handlung auf einer der beiden Seiten könnte in eine weitere Eskalationsspirale führen; vor allem bei der äthiopischen Regierung könne man nie sicher sein, wie sich die Dynamiken nach dem Ausbruch eines neuen Konflikts entwickelten. «Das haben wir in der Vergangenheit nur zu gut gelernt.»