Auf allen Kanälen: Abgründiges Bouquet

Nr. 9 –

Der Film «Svadba» erzählt von einer serbisch-kroatischen Hochzeit, bei der Nationalismus, Wahlkampf und Kriegserinnerungen mit am Tisch sitzen – und bricht damit Kinorekorde.

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stilisierter Ausschnitt aus dem Filmplakat für «Svadba»

«Svadba» – auf Deutsch: Hochzeit – ist der erfolgreichste kroatische Kinofilm aller Zeiten. Rund 700 000 Tickets wurden bislang im Land verkauft, bei gerade einmal 3,8 Millionen Einwohner:innen. Auch in den übrigen Nachfolgestaaten Jugoslawiens liegt die Filmkomödie klar vorn. In Österreich führte sie am Startwochenende die Kinocharts an, inzwischen läuft «Svadba» mit leichter Verzögerung auch in der Schweiz und in Deutschland in immer mehr Kinos. In Serbien überflügelt der Film von Igor Seregi bei weitem ein Werk, das die Nazikollaborateure der Tschetniks aus dem Zweiten Weltkrieg glorifiziert. Die Geschichte einer serbisch-kroatischen Hochzeit schlägt den nationalistischen Propagandastreifen sehr deutlich an den serbischen Kinokassen.

Für das kroatische Kino ist das ein wichtiger Erfolg. Zwar feiert das Land seit der Unabhängigkeit grosse sportliche Triumphe, doch im Kino kamen die internationalen Publikums- und Wettbewerbserfolge eher aus Serbien und Bosnien-Herzegowina.

«Siniša Mihajlović!»

Die Ausgangslage von «Svadba» ist schnell erzählt: Ana und Nebojša stammen aus derselben Region, sprechen die gleiche Sprache und haben sich in London kennengelernt. Dank des privilegierten Status ihrer Familien können sie dort gemeinsam leben. Kompliziert wird es, als Ana schwanger wird und die beiden heiraten wollen – denn nun müssen sie ihre Eltern in Zagreb und Belgrad ins Boot holen.

Anas Vater ist kroatischer Nationalist – was eine Abneigung gegenüber Serb:innen einschliesst – und leitet einen Grosskonzern, der in der Krise steckt. Nebojšas Vater wiederum ist serbischer Aussenminister und versucht, den seit den fünfziger Jahren immer wieder angekündigten, aber nie realisierten Bau einer Belgrader U-Bahn endlich voranzubringen. In der serbischen Politik gehört es dabei zum Ritual, Kroatien für alles verantwortlich zu machen, was man selbst nicht in den Griff bekommt.

Durch die Hochzeit wittern dann aber beide Väter Chancen: Der eine möchte mit einer Expansion nach Serbien sein Unternehmen retten, der andere über Kontakte zum kroatischen Schwiegervater eine Blockade kroatischer Europaabgeordneter lösen, die dem U-Bahn-Projekt im Weg steht. Dass der serbische Minister auf sichtbare Fortschritte noch vor den Wahlen drängt, lässt sich als Anspielung auf das Unglück von Novi Sad lesen: Am 1. November 2024 stürzte dort das Vordach des neu eröffneten Hauptbahnhofs ein, sechzehn Menschen starben, es folgten die grössten Proteste in der jüngeren Geschichte Serbiens.

Immer wieder finden sich solche Anspielungen im Film. Wenn das Kind gegen Mutter Anas Bauch tritt und Nebojša stolz «Siniša Mihajlović!» ruft, ist das vordergründig eine harmlose Fussballreferenz. Der 2022 verstorbene serbische Nationalspieler und -trainer galt als einer der besten Freistossschützen seiner Zeit. Doch Siniša Mihajlović stammte selbst aus einer serbisch-kroatischen Familie; seine Mutter arbeitete im kroatischen Vukovar, das 1991 von der serbisch kontrollierten jugoslawischen Volksarmee zerstört wurde, begleitet von Massakern an der nichtserbischen Bevölkerung. Ein Onkel entging nur deshalb dem Tod, weil Paramilitärs ihn als Verwandten des Fussballspielers erkannten. Siniša Mihajlović spielte damals bei Roter Stern Belgrad und pflegte enge Kontakte zu den Hooligangruppen, aus denen sich wiederum die Milizen rekrutierten, die für diese Verbrechen verantwortlich sind.

Mit politischer Tiefenschärfe

Solche Bezüge durchziehen den Film. Man kann sie übersehen und wird dennoch gut unterhalten. Wer sie erkennt, entdeckt jedoch eine zusätzliche Ebene – eine politische Tiefenschärfe, die weit über eine übliche Romantic Comedy oder Kulturclashkomödie hinausgeht. Allzu radikal wird es aber nicht. Die Geschichte bleibt bei Andeutungen und Pointen, gerade dadurch bleibt sie massentauglich. Gesellschaftliche Konflikte werden angesprochen, aber nie so schonungslos, dass es wirklich wehtut. Man fühlt sich kurz ertappt, nicht blossgestellt. Das Unbehagen löst sich in Gelächter auf.

Ja, da sind Nationalismus, Korruption, Hass und Vorurteile. Doch wenn es darauf ankommt, haben sich Serb:innen und Kroat:innen irgendwie ja doch lieb. Wohl auch, weil sie sich in all dem so erschreckend ähnlich sind.