Jugoslawien: «Das Unternehmen war unseres»

Nr. 9 –

36 Jahre nach dem Zerfall des sozialistischen Jugoslawien ist die Idee der Arbeiter:innenselbstverwaltung weitgehend vergessen – aber nicht bei allen.

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Wenn Vladimir Stefanovićs Handy läutet, tönen Trommeln und Trompeten durch den Gebäudetrakt der Gewerkschaften des Kupferbergwerks in Bor. «Uz Maršala Tita», «Mit Marschall Tito», singt ein Chor in feierlichem Marschtakt: Das Lied von 1943 huldigt dem Partisanenführer Josip Broz Tito. Den sechzigjährigen Stefanović bringt es bis heute zum Lächeln: Als er 1983 im Bergwerk RTB anheuerte, war Tito Präsident von Jugoslawien.

Damals gehörte die Mine in Bor noch nicht dem chinesischen Konzern Zijin, der den kriselnden Bergbaukomplex RTB 2018 mehrheitlich aufkaufte. Sondern dem jugoslawischen Staat. «Mit den Gewinnen von RTB wurde halb Jugoslawien aufgebaut – von Mazedonien bis Slowenien», sagt er stolz. «Damals war es unser Unternehmen.» Wie alle jugoslawischen Betriebe wurde RTB von seinen Arbeiter:innen selbst verwaltet. Es war ein wirtschaftliches Experiment, das bis heute in seiner Grössenordnung unvergleichlich ist. Und eines, das vergessen zu gehen droht.

Weg vom Staatssozialismus

Der jugoslawische Staat entstand 1945 auf dem Gebiet der heutigen Länder Nordmazedonien, Serbien, Kosovo, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Slowenien. Nachdem die Partisan:innen die Region von der faschistischen Besatzung befreit hatten, riefen sie die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (SFRJ) aus. Diese orientierte sich zunächst an der sowjetischen Planwirtschaft, mit Fünfjahresplänen und Produktionsvorgaben für jedes Unternehmen.

Bis es 1948 zum Bruch zwischen Tito und Stalin kam. Jugoslawien sollte nun seinen ganz eigenen Sozialismus entwickeln. Dazu verabschiedete das Parlament in Belgrad am 27. Juni 1950 ein Gesetz. Die Idee: Die Arbeiter:innen sollten ihre Betriebe selbst verwalten, sodass der Staat Stück für Stück überflüssig würde. Endlich solle der sozialistische Schlachtruf «Die Fabriken den Arbeitern, das Land den Bauern» Wirklichkeit werden, verkündete Präsident Tito.

Wie aber sah das in der Realität aus?

Räte und Dezentralisierung

In allen Betrieben und Fabriken Jugoslawiens wurden ab 1950 Arbeiter:innenräte gewählt. Auch in der 40 000-Einwohner:innen-Stadt Bor in Ostserbien. Das hiesige Bergbauunternehmen RTB war einer der bedeutendsten Industriebetriebe Jugoslawiens. Hier bauten rund 20 000 Mitarbeitende Metalle ab, bereiteten sie auf und verarbeiteten sie. Ihren Betrieb sollten sie selbst verwalten. «Jede Betriebseinheit hatte ihren eigenen Arbeiterrat: die Schmelze, der Tagebau, die Grube», sagt Vladimir Stefanović. Mit nicht einmal achtzehn Jahren wurde er Maschinenschlosser im Tagebau – und Mitglied des Arbeiter:innenrats. Gewählt wurde dieser in der Vollversammlung. «Wir handelten wichtige Entscheidungen mit der Betriebsleitung aus: wie viele neue Arbeiter eingestellt oder welche neuen Werkzeuge beschafft werden sollten, aber auch Lohnerhöhungen oder Boni.» Statt einer zentralistischen Wirtschaftsplanung sollten die Betriebseinheiten selbst Produktionsziele festlegen. Auch Republiken, autonome Provinzen und Kommunen waren an der Planung beteiligt.

«Dieses Prinzip der Dezentralisierung passte sowohl zur jugoslawischen Idee des selbstverwalteten Sozialismus als auch zu den wirtschaftsliberalen Prinzipien der westlichen Kreditgeber», sagt Susan Woodward. Sie ist Politikwissenschaftlerin und Autorin mehrerer Bücher über Politik und Ökonomie Jugoslawiens. Dass – wie Kritiker:innen behaupten – die Selbstverwaltung einer der Gründe dafür war, dass die sozialistische Wirtschaft scheiterte, glaubt sie nicht.

Krise und Privatisierung

In den siebziger Jahren endet der Boom der Nachkriegszeit: Es kriselt in der Weltwirtschaft. In den Achtzigern gerät Jugoslawien in eine schwere Schuldenkrise. Das sozialistische Land kann den westlichen Gläubigerländern kaum noch seine Kredite zurückzahlen. Gläubiger wie der Internationale Währungsfonds verlangen Strukturanpassungsprogramme. Schon 1989 fällt mit einer Marktreform der jugoslawischen Regierung der Startschuss für Privatisierungen, die nach dem Ende der jugoslawischen Zerfallskriege in den neunziger Jahren umfassend umgesetzt werden. Es ist das Ende der Selbstverwaltung.

Das Kupferkombinat RTB in Bor bleibt noch länger im Eigentum des serbischen Staates – bis dieser es 2018 an Zijin verkauft. Kupfer und Gold aus Bor werden nun nach China verschifft, die Unternehmensentscheidungen trifft nicht mehr der Arbeiter:innenrat, sondern das Management in Zhangzhou.

«Es ist nicht mehr unsere Firma», sagt Vladimir Stefanović. Ob das in Jugoslawien wirklich anders war, darüber gehen die Meinungen bei ihm und seinen Kollegen heute auseinander. «Die bedeutenden Entscheidungen haben nie wirklich wir getroffen», sagt der Zijin-Gewerkschafter Slađan Ilić. Mit den Gewinnen aus dem Betrieb seien Strassenbau und Infrastruktur in ganz Jugoslawien finanziert worden. Derartige Investitionsentscheidungen habe stets die hohe Politik getroffen. «Den Arbeitern wurden sie nur geschickt als ihre eigenen verkauft.»

Sein Kollege Dragan Janković sieht das anders. Er arbeitet seit 1988 im Betrieb – davor waren schon sein Vater und sein Grossvater hier angestellt. «Über alles, was uns direkt betraf, haben wir damals selbst entschieden.» Etwa darüber, wie viele Arbeiter:innenwohnungen und Ferienanlagen gebaut wurden, aber auch über günstige Kredite und Gehaltserhöhungen. Heute sei das unvorstellbar: «Nicht einmal zehn Prozent dieser Dinge könnten wir heute von unseren Arbeitgebern fordern – damals haben wir sie einfach entschieden.»

Wie gross die Entscheidungsmacht der Arbeiter:innen im Betrieb tatsächlich war, ist also umstritten. Worin sich heute alle in Bor einig scheinen: Damals verband sie ein anderes Gefühl. Das Gefühl, dass das Unternehmen ihnen gehörte.