Auf allen Kanälen: «Die Welt ist schockierend!»

Nr. 10 –

Die Popsängerin Peaches war immer auch ein guter Spiegel. Jetzt ist sie mit neuem Album zurück und spielt diese Rolle immer noch virtuos.

Diesen Artikel hören (4:33)
-15
+15
-15
/
+15
stilisiertes Foto eines Pfirsich in Herzform

Der Kritiker der «Süddeutschen Zeitung» macht in seinem Umfeld eine kleine Umfrage zum neuen Album der Popsängerin Peaches, Resultat: «95 Prozent aller Männer reagieren genervt, fast persönlich beleidigt», doch «100 Prozent aller Frauen sind begeistert bis euphorisch». Der Mann hat Jahrgang 1969, und er gehört natürlich zu den 5 Prozent der Männer, die im Pro-Lager sind. Er hat einen wohlwollenden Text über ein Treffen mit der Musikerin geschrieben, wobei da vielleicht auch ein bisschen Nostalgie mitschwingt: «Es ist ganz erfrischend, sich zur Abwechslung mal mit einer Persönlichkeit zu unterhalten, für die die Fronten der Gegenwart noch so klar sind.»

Tatsächlich hat Peaches sich politisch und musikalisch nicht wesentlich verändert seit ihrem unsterblichen Song «Fuck the Pain Away», das war 2000. Nun ist «No Lube So Rude» erschienen, ihr erstes Album seit über zehn Jahren. Auch hier wieder: gradlinige Electrobeats, direkte sexpositive Texte, nicht zuletzt ihr treffsicherer Humor, immer freundlich und drastisch zugleich. Nur dass Merrill Beth Nisker mittlerweile 59 Jahre alt ist und das auch voll auskostet. «Hanging Titties» heisst der erste Song, und darin geht es zum Beispiel um Fisting, eine sexuelle Praxis, bei der eine Faust in eine Körperöffnung gesteckt wird. In einer Zeile von «Panna Cotta Delight» stehen Körperöffnungen auch für sexuelle Selbstbestimmung: «Yes, I’m old, solid gold, a woman in control of her holes». Die Message ist bei Peaches nie mit viel Poesie verstellt.

Ikonenstatus

Mit den Gepflogenheiten der journalistischen Sprache über den Inhalt eines Peaches-Songs zu schreiben, lässt einen immer etwas verstockt aussehen. Abgesehen von der befreienden Wirkung, die ihre Musik auf viele hat, funktioniert Peaches immer auch als Spiegel dafür, wie über Sex und weibliche Körper gesprochen wird. Dass man auch heute noch gut suchen muss, um eine wie sie zu finden, die mit knapp sechzig unumwunden ihre eigene Lust feiert, das sagt vor allem viel über die beharrlichen Sexismen der Musikindustrie aus, deren Fixierung auf Jugend und männlichen Blick sich nur langsam aufweicht.

Anlässlich des neuen Albums sind auffallend viele Artikel über Peaches erschienen, gerade auch in Deutschland – in Berlin hat die Kanadierin seit Anfang der nuller Jahre ihre Wahlheimat. Auffallend dabei auch: Es ist zwar immer wieder die Rede davon, wie provokant oder gar kontrovers ihre Kunst sei – aber sie wird dann doch durchs Band gefeiert. (Bei der NZZ und der «Welt» sind keine Texte erschienen, aber das kann natürlich auch mit der Ausdünnung des Musikjournalismus zu tun haben.) Peaches hat den Status einer Ikone erreicht, was ihr quasi Unfehlbarkeit verleiht.

Gummiwurst gegen Kapitalismus

Zumindest als Feministin. Wie bei der «Süddeutschen» haben auch beim «Spiegel» und beim «Standard» ältere Männer geschrieben, die damals schon dabei waren. Alle drei kommen zu einem ähnlichen Schluss: Musikalisch haben wirs langsam gesehen, aber politisch ists dafür heute umso dringlicher! «In ‹Hanging Titties› fickt Peaches mit oder ohne Gleitgel das kapitalistische System ziemlich hart mit ihrer umgeschnallten Gummiwurst», wie es dazu im «Standard» heisst. Und weil Peaches unbeirrt in der Spur bleibt, dient sie auch als Gradmesser für Verschlechterungen. So erinnert sich der «Spiegel» daran, dass Berlin «kulturell einmal als queere und ‹sexpositive›, also tabulos lustbejahende Metropole» galt.

Natürlich weiss Peaches sehr wohl um ihre Wirkung und spielt den Ball genüsslich zurück. «Was soll an mir schockierend sein? Die Welt ist schockierend!», sagte sie im Interview mit der «annabelle». Zu spüren bekommt das auch die Journalistin des Onlinemusikmagazins «Spin». Peaches erinnert sich beim Treffen sofort an ein Interview der beiden vor zwanzig Jahren, ist interessiert, stellt ihr mehr Fragen als die Interviewerin ihr. Sie selber habe zu viel gesprochen, fand die Journalistin zum Schluss, worauf Peaches zur Antwort gibt: «Ich glaube, Sie haben Ihre Recherche gemacht. Sie wissen, was Sie schreiben wollen.»