Berlinale: Verschärfung an allen Fronten
Droht ihr die Absetzung aus politischen Gründen? Berlinale-Chefin Tricia Tuttle soll nun doch bleiben – vorerst. Der Siegerfilm liefert derweil den Kommentar zu solchen Eingriffen von oben.
Viel Zeit, sich zu freuen, blieb İlker Çatak nicht. Kaum hielt er den Hauptpreis der Berlinale in den Händen, braute sich hinter den Kulissen schon der Eklat zusammen, der nun selbst noch den Kinostart seines Films «Gelbe Briefe» überschattet. 22 Jahre nach Fatih Akins «Gegen die Wand» (2004) ging der Goldene Bär damit erstmals wieder an einen deutschen Film – aber statt Lobreden auf den Erfolg eines Berliner Regisseurs mit türkischen Eltern folgte eine Welle der Empörung, die all das überrollte, worauf die diesjährige Berlinale gern stolz gewesen wäre.
Mit Çatak und seinem Film hatte das allerdings nichts zu tun. Sondern mit Berichten, wonach Wolfram Weimer, der deutsche Staatsminister für Kultur, angeblich die seit zwei Jahren amtierende US-Amerikanerin Tricia Tuttle als Leiterin der Berlinale absetzen wolle. Die Begründung, die von einschlägigen rechten Blättern propagiert wurde, ohne dass Weimer das so ausgesprochen hätte: Tuttle wurde angelastet, dass der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, ausgezeichnet für seinen Debütfilm «Chronicles from the Siege», bei der Preisverleihung in Kufija und mit Palästinafahne auf die Bühne gekommen war und in seiner Dankesrede unter anderem der deutschen Regierung eine «Mitverantwortung am Genozid in Gaza» zugeschrieben hatte.
Zwar sieht es nun so aus, als sei Weimer noch einmal davor zurückgeschreckt, solch einen klar politisch motivierten Eingriff bei einer Kulturveranstaltung wie der Berlinale zu versuchen. Denn vorerst soll Tricia Tuttle im Amt bleiben. Doch die Debatte darüber, ob die Meinungsfreiheit in Deutschland bedroht ist oder wie das Land seiner historischen Verantwortung gegenüber Israel weiter gerecht werden kann, geht unterdessen weiter.
Kein Selfie für den Minister
Wäre der Ton weniger aufgeregt, könnte man es Ironie nennen: Denn das, was sich da real in der deutschen Kulturpolitik abspielt, spiegelt sich in gewisser Weise in dem verhaltenen, aber zum Nachdenken anregenden Siegerfilm von İlker Çatak. «Gelbe Briefe» beginnt mit einer Theaterpremiere. Gefeiert wird der Auftritt der Schauspielerin Derya (Özgü Namal). Ein Minister möchte sich speziell mit ihr im Anschluss fotografieren lassen, aber sie entzieht sich. Wenige Tage später wird das Stück abgesetzt. Es habe Druck gegeben, heisst es.
Noch denken Derya und ihr Mann Aziz (Tansu Biçer), der das Stück geschrieben hat und Literaturprofessor ist, dass man sich gegen solche Eingriffe wehren kann. Dann bekommt Aziz einen «gelben Brief», soll heissen: die Entlassung von der Universität. Er soll seine Student:innen aufgewiegelt haben. Als «Beweis» dafür wird ihm später ein Handyvideo aus einem seiner Seminare vorgeführt, in dem er seine Student:innen mit der Aufforderung provoziert, sich zwischen dem Studium und der Teilnahme an einer Antikriegsdemonstration vor der Tür zu entscheiden.
Zwar spielt «Gelbe Briefe» in der Türkei, aber İlker Çatak, bekannt geworden mit «Das Lehrerzimmer», hat die konkreten Umstände ins Ungefähre verwischt. Der Krieg, gegen den protestiert wird, bleibt ungenannt; an keiner Stelle fällt der Name Erdoğan. Was Derya und Aziz zu spüren bekommen, ist eine langsame Verschärfung der politischen Zustände, eine zunehmende Beschneidung von Meinungsfreiheit und künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Aber noch kann man sich frei bewegen; es stehen keine Truppen in den Strassen; es kommt nicht zu Massenverhaftungen. Das Ehepaar zieht mit der Teenagertochter von Ankara nach Istanbul, wo die Kontrolle des Regimes etwas laxer scheint.
Berlin spielt Ankara
Als besonderen Kunstgriff setzt Çatak ein, dass er seinen Film komplett in Deutschland gedreht hat. «Berlin als Ankara» und «Hamburg als Istanbul» – mit roter Aufschrift wird so der Ortswechsel markiert. Der Verfremdungseffekt ist ein subtiler, denn in beiden deutschen Städten haben Çatak und sein Team an Orten mit unverkennbar migrantischer Prägung gefilmt, wo die Ansiedlung der Figuren entsprechend authentisch wirkt. Was das Verfahren ausserdem suggerieren soll, liegt fast zu offensichtlich auf der Hand: Ja, nicht nur in der Türkei, auch in Deutschland, auch in anderen Ländern Europas kann das passieren, wovon «Gelbe Briefe» erzählt.
Derya und Aziz müssen erleben, dass der Druck zur Anpassung immer grösser wird und bald bis in ihr Privatleben dringt. Die Schauspielerin bekommt das Angebot, in einer kommerziellen, mithin auch systemkonformen Serie mitzuspielen. In den Augen von Aziz, der inzwischen in Istanbul als Taxifahrer Geld verdient, aber nebenbei mit einer freien Theatergruppe das nächste gesellschaftskritische Stück probt, begeht Derya damit fast schon Verrat. Die Tatsache, dass sie sich damit auch ein Stück weit von ihrem Mann emanzipiert, macht die Sache noch komplizierter.
Immer mehr konzentriert sich der Film auf das Privatleben seiner Figuren. Fast scheint es so, als verliere sich der Blick auf die politischen Verhältnisse. Aber vielleicht ist genau das die reale Erfahrung: dass man die Repressionen gar nicht mehr bemerkt, weil man ihrem Druck schon längst nachgibt.
«Gelbe Briefe». Regie: İlker Çatak. Deutschland / Frankreich / Türkei 2026. Jetzt im Kino.