Film: Ein Regen schöner Dinge
Die Weibchen der Karettschildkröten seien viel unterwegs. Um ihre Eier abzulegen, kehrten sie aber immer wieder an den Strand zurück, an dem sie selbst geschlüpft seien. Der Schildkrötenschützer zeigt den Kindern die Nester im Sand. Nana lauscht gebannt. Die Geschichte kommt ihr bekannt vor: Auch sie wurde von ihrer Mutter auf der Insel zurückgelassen, und wie die tischtennisballgrossen weissen Schildkröteneier am Strand ist auch sie dort gut aufgehoben. Sie lebt bei Grossmutter, Tante, Cousine und Onkeln zwischen Hühnern, einem Ferkel und vielen Geschichten übers Weggehen und Zurückkehren.
Mit ihrem Debütfilm «Hanami» feiert die im Tessin aufgewachsene Regisseurin Denise Fernandes die in Spielfilmen wie auf Landkarten eher unterrepräsentierte Heimat ihrer Eltern – die kapverdischen Inseln – als einen landschaftlich kargen, kulturell aber umso üppigeren Flecken Welt. Es wird gegessen, geplaudert, gespielt, bis eine weitere Dürre einen weiteren Teil der Familie zum Wegziehen zwingt. Kurz darauf findet sich Nana mit hohem Fieber am Fuss eines Vulkans wieder, bei Tante Luz und Opa Orlando, die sie mit Seifenbaumblättern, Sellerietee und Erinnerungen an einen japanischen Vulkanforscher mit einer Schwäche für Wacholderbeeren heilen.
Die Farben spielen eine grosse Rolle – Ockergelb, Himmelblau, Korallenrot – und die Musik (Rahel Zimmermann). Sie legt sich über die wiederkehrenden Motive des Films: ein Haus ohne Türen und Fenster, ein Hühnerstall als Kinderzimmer, Meeresschildkröten, Meerjungfrauen, verliebte Fischer, die Beschaffenheit von Lava und Haarpflege. Fernandes zeigt Nanas Welt (als Kind: Dailma Mendes, als Jugendliche: Sanaya Andrade) als ein sinnlich bizarres, kindlich magisch-realistisches Patchwork, mit dem es sich wie mit dem titelgebenden Kirschblütenregen Hanami verhält, von dem der japanische Vulkanforscher sagt: Man kann ihn nicht erklären, man muss ihn sehen.
Das kann stellenweise etwas verklärend wirken, weil die Not, die zum Weggehen zwingt, nicht wirklich spürbar wird. Dafür wird etwas anderes umso sichtbarer: der Regen schöner Dinge, der nur jenseits von Besitz möglich ist.