«10-Millionen-Schweiz»: Der Statistiker als Missionar

Nr. 12 –

Eine Plakatkampagne warnt in Bahnhöfen vor dem Bevölkerungswachstum. Eine Spurensuche nach den Urhebern zeigt, wie Ecopop-Mitglieder die neuste SVP-Initiative massgeblich geprägt haben.

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elektronische Werbetafeln mit Facts-4-Future-Kampagnen-Sujets
Viele Fragen und nur eine Antwort. Die Facts-4-Future-Kampagne schlägt in eine einschlägig bekannte Kerbe.

«Dichtestress?» – «Alles zubetoniert?» – «Wohnungsnot?» In grossen Lettern prangen solche Fragen seit letzter Woche von den Plakatwänden an Deutschschweizer Bahnhöfen. Darunter finden sich statistische Ausführungen. Etwa dass die Schweiz seit dem Jahr 2000 sechzehnmal schneller wachse als Deutschland. Als Urheber der Plakate wird eine Website angeführt: facts4future.ch.

Dort sind 51 Fragen aufgeschaltet, die mit viel Datenmaterial auch gleich beantwortet werden. Damit will die professionell designte Website «die Demokratie durch Wissen stärken und die Meinungsbildung unterstützen». Klingt unverfänglich, sinnvoll gar. Doch auch wenn die Themenvielfalt breit ist – von der Staatsverschuldung bis zum Solarexpress –, bleibt am Schluss nur eine Antwort hängen: Für Staus, Abfallberge oder den Verlust landwirtschaftlicher Nutzflächen gibt es genau eine Ursache: das Bevölkerungswachstum, verursacht durch Zuwanderung.

Die Platzierung der Plakate an grösseren Bahnhöfen lässt keinen Zweifel offen, an wen diese Message adressiert ist: ein urbanes, ökologiebewusstes Publikum. Auch der Zeitpunkt ist wenig überraschend: Auch wenn die Kampagne nicht direkt auf die SVP-Initiative zur «10-Millionen-Schweiz» verweist, die im Juni zur Abstimmung kommt, ist die Bezugnahme offensichtlich. Doch wer steht hinter der Kampagne? Und wie kann sich ein unbekanntes Projekt, das sich als Factchecking-Plattform ausgibt, eine so teure Plakatkampagne leisten?

Im Dienst Ecopops

Auf der Website ist nur ein Name aufgeführt: Iwan Hächler. Er habe, nach einem Studienaufenthalt zurück in der Schweiz, festgestellt, «wie rasant Grünflächen verschwinden», heisst es dort. Darauf habe er begonnen, Bundesdaten auszuwerten. Hächler hat an der ETH Maschinenbau studiert, wechselte später ans Institut für Thermodynamik und hat auf dem Gebiet als Doktorand preisgekrönte Projekte mitentwickelt: eine Nanobeschichtung aus Gold etwa, die verhindert, dass Brillengläser beschlagen. Eine akademische Bilderbuchkarriere.

Aber es gibt auch eine Spur im Leben von Iwan Hächler, die in die Politik führt. Und zwar zunächst in eine Ecke, die fast in Vergessenheit geraten ist: zu Ecopop. Der Verein, der sich umweltbewusst gibt, agitiert seit den siebziger Jahren gegen eine angebliche Überbevölkerung. Er folgt der Vorstellung, dass nur eine bestimmte Zahl von Menschen auf der Erde oder in der Schweiz leben könne, ohne die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Wie Menschen und ihre Gesellschaften wirtschaften, spielt dabei keine Rolle. Mit dieser Position blieb Ecopop jahrzehntelang politisch eine völlige Randerscheinung.

Das änderte sich 2012, als der Verein die Initiative «Stopp der Überbevölkerung» einreichte. Diese forderte eine strikte Beschränkung der Zuwanderung in die Schweiz. Und die Verwendung von Entwicklungshilfegeldern für die «freiwillige Familienplanung», etwa Programme zur «Förderung der Kondomanwendung». Die Initiative sorgte für Aufsehen, wurde an der Urne 2014 aber deutlich bachab geschickt. Nur ein Viertel sprach sich dafür aus.

Hächler klopfte im Herbst 2019 bei Ecopop an. So steht es in der 50-Jahr-Jubiläumschronik der Organisation. Er habe festgestellt, dass in seinem akademischen Umfeld wenig Verständnis für demografische Fragen bestehe, und «wollte sich damit nicht abfinden», heisst es in der Broschüre. Für Ecopop habe er den Kontakt zu ähnlichen Organisationen in Europa aufgenommen und die Vernetzung vorangetrieben. Mit Erfolg: «Auf Initiative von Iwan Hächler beschloss der Ecopop-Vorstand 2020, die European Population Alliance wieder zum Leben zu erwecken.» Ecopop selbst wandelte sich 2025 zur Denkfabrik Ecologie suisse: «Neuer Name, gleiche Mission», hiess es zur Ankündigung.

Hächler war gemäss früheren Recherchen der «NZZ am Sonntag» bei Ecopop auch in einer Arbeitsgruppe mit dem Namen «Fakten statt Fake» aktiv – gemeinsam mit Erika Häusermann, einer damaligen GLP-Lokalpolitikerin aus der St. Galler Kleinstadt Wil. Diese Gruppe spezialisierte sich darauf, ausgehend von statistischen Daten Grafiken zu erstellen, die den Einfluss des Bevölkerungswachstums sowie der Zuwanderung auf den Ressourcenkonsum und den Bodenverbrauch in der Schweiz aufzeigen sollten.

Es ist offensichtlich, dass hier die Grundlage von Facts 4 Future liegt. Hächler versuchte darauf, seine Grafiken bei sämtlichen politischen Parteien einzubringen. Doch er drang mit seinen Anliegen nicht durch. Mit einer Ausnahme.

Zahlen für die SVP

Beim St. Galler SVP-Nationalrat Mike Egger, der als «Fleischlobbyist» ausgerechnet einen Wirtschaftszweig vertritt, der wie kein zweiter Landfläche beansprucht, verfing das Wirken der «Fakten statt Fake»-Gruppe um Hächler und Häusermann. Der SVP-Politiker startete im Frühjahr 2022 ein Videoformat auf Social Media unter dem gleichlautenden Titel «Fakten statt Fake» – und reichte im Bundeshaus mehrere Vorstösse ein, an denen Hächler beteiligt war.

Dieser soll auch an frühen Gesprächen über eine mögliche «Volksinitiative für eine Bevölkerungswachstumsbremse» teilgenommen haben. Eine solche Initiative brachte im Mai 2022 der Zürcher SVP-Nationalrat Thomas Matter auf seinem eigenen Videoblog erstmals ins Spiel. Es lohnt sich, diesen Beitrag anzuschauen, weil Matter dort teils deckungsgleich die «Fakten» herunterrattert, die heute auf Facts 4 Future aufgeschaltet sind. Ein gutes Jahr später, im Juli 2023, lancierte die SVP dann tatsächlich eine entsprechende Initiative, die gleich zwei Titel trägt: «Keine 10-Millionen-Schweiz!» und «Nachhaltigkeitsinitiative».

Damals von der «NZZ am Sonntag» auf eine Mitwirkung von Hächler angesprochen, sagt Matter: «Er liefert nur die Zahlen.» Der Zusatz «Nachhaltigkeitsinitiative» wirkt allerdings wie ein ideologisches Zugeständnis an die Ecopopper:innen. Auch die Kernforderung entspricht ihrem Denken: Die Schweizer Wohnbevölkerung soll ab 2050 nicht mehr als zehn Millionen Menschen betragen dürfen. Hier ist sie wieder, die fixe Zahl. Eine weitere Forderung lautet, dass der Bund die Bevölkerungsentwicklung zum Schutz der Umwelt gewährleisten müsse.

Bei Hummler auf dem Wolfsberg

Matter und Egger sitzen beide im Kopräsidium der Initiative. Angesichts der personellen und thematischen Verflechtungen mit der SVP wird klar, dass die Facts-4-Future-Plakatkampagne keineswegs so neutral und unabhängig ist, wie sie sich gibt. Sie ist vielmehr Teil des bereits lancierten Abstimmungskampfs rund um die «10-Millionen-Schweiz»-Initiative und müsste gemäss den Transparenzvorschriften wohl auch entsprechend deklariert werden. Die SVP verneint auf Anfrage, die Plakatkampagne finanziell unterstützt zu haben.

Iwan Hächler schreibt, der Verein Facts 4 Future sei unabhängig und werde von unzähligen Spenderinnen und Spendern getragen (auch wenn er vor der Kampagne in der Öffentlichkeit kaum bekannt war). Fragen zu Verbindungen zu Ecopop, zur SVP und deren Initiative sowie zu den Kosten der Kampagne lässt Hächler unbeanwortet. Auch Mike Egger oder Erika Häusermann wollen konkrete Fragen zur Zusammenarbeit nicht beantworten.

Mit seinen Grafiken will Hächler auch ein wirtschaftslibertäres Publikum erreichen. Das zeigt die letzte Spur, die auf den Wolfsberg im thurgauischen Ermatingen am Bodensee führt. Dort hielt Hächler auf Einladung des Vereins Zivilgesellschaft im Oktober letzten Jahres ein Referat. Der Verein wird vom gefallenen Privatbanker Konrad Hummler präsidiert, Ehrenpräsident ist der Tessiner Financier Tito Tettamanti. Im Nachgang durfte Hummler dem «Tages-Anzeiger» ein langes Interview mit Vorschlägen geben, wie die Zuwanderung gedrosselt werden könnte – darunter die Wiedereinführung eines Kontingentierungssystems, sprich des Saisonnierstatuts, wie es die Folge der SVP-Initiative wäre. Eine Anfrage, ob er oder sein Verein Hächler finanziell unterstützten, liess auch Hummler unbeantwortet.*

Hächler, das zeigen seine Spuren, ist nicht nur ein talentierter Wissenschaftler und ein missionarischer Statistiker. Er scheint auch ein begnadeter Verkäufer seiner politischen Ideen zu sein. Drohte er früher mit juristischen Schritten, wenn Medien seinen Namen publizierten, ist er mit der Abstimmung über die SVP-Initiative offensichtlich am Ziel angekommen. An der Delegiertenversammlung der Partei Ende März in Maienfeld tritt er offiziell als Redner auf. Das Thema, wie immer ganz neutral formuliert: «Fakten und Zahlen zur Stärkung unserer Demokratie und der nächsten Generation.»

* Nachtrag vom 20. März 2026: Nach Redaktionsschluss hat die WOZ doch noch eine Rückmeldung von Konrad Hummler erhalten. Er hat die Kampagne nicht unterstützt.