Donald Trump und der Krieg: Der ehrliche Lügner
Der Krieg gegen den Iran sei ein «grossartiger Erfolg», behauptet der US-Präsident immer wieder. Ob er das wirklich glaubt und was er eigentlich bezweckt, bleibt im Dunkeln. Die Stimmung im Land scheint ihn zunehmend weniger zu kümmern.
Er werde das Wort «Krieg» nicht benutzen, sagte Donald Trump vergangene Woche bei einer Spendenveranstaltung. Wenn er nämlich von einem Krieg gegen den Iran spreche, dann müsse er sich für diesen Krieg parlamentarische Zustimmung einholen. So will es die Verfassung. Deshalb spreche er lieber von einer «militärischen Operation».
Trump ist ein notorischer Lügner. Das wissen alle. Man vergisst dabei leicht, wie ungewöhnlich ehrlich Trump ist. Ehrlich in seiner Amoral, ehrlich über seine korrupten Motive, ehrlich auch in der chauvinistischen Ausführung eines amerikanischen Exzeptionalismus, wonach dieses Land quasi göttlich dazu auserkoren sei, die Welt zu führen. Während die USA auf eine lange Geschichte desaströser Kriege und Völkerrechtsbrüche zurückschauen, geschieht es selten, dass ein Präsident so unverhohlen zugibt, das Gesetz zu brechen. Trump sind Regeln egal.
Machtpolitik, Immobiliendeals, Öl
Der US-israelische Krieg gegen den Iran ist eine Katastrophe. Mehr als 1500 iranische Zivilist:innen wurden bislang getötet, darunter über 200 Kinder. Auch US-Soldat:innen und viele Menschen in anderen Ländern haben ihr Leben verloren. Die Energiepreise sind hochgeschnellt, eine globale Wirtschaftskrise sowie Ernährungsengpässe drohen. Wohin das Ganze führt, ist schwer abzusehen. Es liegt im Bereich des Möglichen, dass Trump bald ein Ende der «Operation» ausruft und die Trümmerlandschaft als Erfolg verkauft. Genauso kann es sein, dass er Bodentruppen in den Iran schickt und damit noch stärker in Richtung eines dritten Weltkriegs eskaliert.
Über die Gründe für diesen Krieg wurde in den vergangenen Wochen viel spekuliert. Am Ende versteht man es nur als eine Mischung verschiedener Motive. Trump, seine Berater Jared Kushner und Steve Witkoff, Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, das saudische Königshaus, all diese Kräfte haben ihren eigenen Dreh. Es geht um die Inszenierung von Stärke, Immobiliendeals, Machtpolitik. Und es geht natürlich auch um Öl.
«Um ehrlich zu sein, am liebsten würde ich mir das Öl im Iran holen», sagte Trump am Wochenende zur «Financial Times». Genau wie bei der Militärintervention in Venezuela Anfang Januar liessen sich auch im Iran die Infrastrukturen unter US-Kontrolle stellen, so Trump. Zentral sei in diesem Fall die Beschlagnahmung der Insel Charg, über die fast alle iranischen Ölexporte laufen. Stoppen könne man die USA jedenfalls nicht. Wenn Trump ganz freimütig zugibt, dass er im Iran ans Öl will, dann kann man davon ausgehen, dass ihm nicht primär die geopolitische Stärkung der USA am Herzen liegt, sondern die Stärkung seiner Position. Zur Frage nach dem Völkerrecht sagte Trump schon im Januar, dass einzig die «eigene Moral» ihn aufhalten könne. Der Staat, das ist er.
Dass US-Präsidenten auch aus persönlichem Interesse Kriege beginnen, ist nicht neu. Wäre George W. Bush 2003 ehrlich gewesen, hätte er gesagt, dass es beim Irakkrieg um Ressourcen, eine diffuse Rache für die Terroranschläge am 11. September 2001 und eben auch um seine eigene Stellung als US-Präsident ging. In fatalster Unehrlichkeit fantasierte die US-Regierung damals irakische Massenvernichtungswaffen herbei. Zwei Drittel der US-Bevölkerung befürworteten den Krieg, Bush wurde 2004 wiedergewählt. Die Lüge, die Hunderttausende Menschen in den darauffolgenden Jahren das Leben kostete, ergab in einer zynischen Machtlogik Sinn für Bush.
Kontinuität und Brüche
Heute sind die Vorzeichen andere. Eine deutliche Mehrheit der US-Amerikaner:innen lehnen den aktuellen US-Einsatz im Iran ab. Nicht nur Demokrat:innen kritisieren Trumps Entscheidung, sondern auch rund zwanzig Prozent der republikanischen Basis. Zahlreiche rechte Medienfiguren mit grosser Reichweite haben sich in den vergangenen Wochen offen gegen die Kriegspolitik gestellt, etwa Tucker Carlson, Candace Owens und Megyn Kelly. Trump habe sein zentrales Wahlkampfversprechen gebrochen. Statt Milliarden im Ausland zu verballern, solle er lieber zu Hause aufräumen. Seit Ende Februar steigen zudem wieder die Benzinpreise in den USA – noch ein gebrochenes Versprechen. Die Unzufriedenheit zeigt sich auch auf der Strasse: Mehrere Millionen US-Amerikaner:innen demonstrierten vergangenen Samstag bei den «No Kings»-Protesten gegen den Präsidenten.
Von «Isolationismus» war in den vergangenen Jahren immer wieder die Rede, wenn es um Trumps Politik ging. Dass es unter ihm keine Militärinterventionen mehr geben würde, war jedoch von Anfang an eine Illusion. Trump hat etliche Länder bombardieren lassen, er träumt von räumlicher Expansion. Setzt Trump also schlichtweg den US-Imperialismus der vergangenen Jahrhunderte fort? Oder steht er mit seiner Schamlosigkeit und seiner Chaosherrschaft für eine neue Form der Aussenpolitik?
Beides ist wahr. Kontinuitäten und Brüche sind zu erkennen. So beschreibt es auch die «New York Times»-Autorin Lydia Polgreen in ihrer aktuellen Kolumne. Trump gehe einerseits mit «einzigartiger Rücksichtslosigkeit» vor, indem er die USA kopflos in Konflikte stürze, die seine Vorgänger vermieden hätten. Andererseits stehe er in einer langen Reihe von Präsidenten, die räuberische Kriege in der Ferne führten. Die USA seien gewohnt, die Welt zu ordnen und zu bestimmen, so Polgreen, Rückschläge und Niederlagen würden dabei stets auf «internen Verrat» geschoben, nie mit eigenen Fehlern verbunden. Eine Zäsur sieht die Journalistin darin, dass es im Fall des aktuellen Krieges gegen den Iran für die USA auch innenpolitisch kein «Entkommen vor den Verheerungen» mehr gebe.
Der Historiker Daniel Immerwahr schreibt in einem Essay für den «New Yorker», dass sich Trumps Politik vom US-Imperialismus der Vergangenheit deutlich unterscheide, weil kein wirklicher Anspruch auf langfristige Kontrolle über Gebiete auf anderen Kontinenten existiere. Allein die Namen von Trumps Militäroffensiven im Iran – «Mitternachtshammer» (Juni 2025) und «Epischer Zorn» (seit Februar 2026) – deuteten auf Kurzfristigkeit und damit letztlich auf ein Schwinden «hegemonialer Bestrebungen» hin, so Immerwahr. Statt von Imperialismus müsse man eher von einem «Regimewechsel-Nihilismus» sprechen.
Kriegscollagen mit Elektrobeat
Zweifellos neu ist die Art und Weise, wie die Trump-Regierung diesen Krieg medial begleitet. Das Weisse Haus schneidet echtes Filmmaterial von Bombardierungen mit Szenen aus Hollywoodfilmen, TV-Serien und Cartoons zusammen und veröffentlicht die Collagen dann mit einem unterlegten Elektrobeat auf Social Media. Wie NBC News berichtet, bekommt Trump derweil von seinem Team jeden Tag einen Zusammenschnitt der Bombenexplosionen präsentiert, die offenbar den Eindruck erwecken sollen, dass alles gut läuft.
Ob Trump wirklich glaubt, dass dieser Krieg ein «grossartiger Erfolg» ist, wie er derzeit täglich proklamiert, lässt sich schwer sagen. Fest steht, dass seine euphorischen Beschreibungen weder die Realität im Nahen Osten abbilden noch mit der Stimmung im eigenen Land übereinstimmen. Und fest steht auch, dass die breite Opposition zu diesem Krieg und seine sinkenden Umfragewerte nicht komplett an Trump vorbeigehen werden. Allein aus einer Machterhaltungsperspektive heraus bleibt es also ein Rätsel, warum er sich immer weiter in diesen Krieg gräbt.
Ein Grund könnte darin liegen, dass ihm seine eigene Beliebtheit nicht mehr so wichtig sein muss. Nach dieser Amtszeit ist Schluss. Sollten die Demokrat:innen 2028 gewinnen, wird Trump behaupten, dass es daran lag, dass er nicht auf dem Wahlzettel stand. Sollte ein:e Republikaner:in im Weissen Haus bleiben, wird Trump es als Erfolg seiner Politik verkaufen. So oder so gewinnt der Narzissmus. Dazu kommt, dass Trumps Apparat und die Republikanische Partei derzeit an verschiedenen Fronten daran arbeiten, die kommenden Wahlen einzuschränken, etwa durch die Erschwerung der Wahlregistrierung und ein geplantes Verbot von Briefwahlen. Vielleicht also baut Trump schlicht darauf, dass die Demokratie ihm sowieso nichts mehr anhaben kann.