07.02.2002

Versprechen sind gut, Geld ist besser

Die Menschen in Afghanistan leben nach wie vor mit dem Gefühl einer Bedrohung. Und das Gerangel um die Macht geht weiter, sagt Thomas Ruttig, politischer Mitarbeiter der Uno-Sondermission in Kabul.*

Interview: Judith Huber

WoZ: Im Osten Afghanistans, in Gardez, sind letzte Woche Kämpfe zwischen rivalisierenden Stämmen ausgebrochen. Könnte dies mit den laufenden Vorbereitungen zur Einberufung der ausserordentlichen Loya Jirga, des traditionellen Krisenbewältigungsmechanismus der Afghanen, zu tun haben?
Thomas Ruttig: Ich habe nicht den Eindruck, dass das direkt miteinander zu tun hat. Aber es stimmt, dass verschiedene Kräfte versuchen, sich im Vorfeld der Loya Jirga zu positionieren, Machtpositionen einzunehmen, um dann eine gute Ausgangsposition zu haben, wenn die Delegierten bestimmt werden. Es gibt auch Berichte, wonach im Land von verschiedenen Leuten Geld verteilt wird. Die Regierung versucht, diesen ungehinderten Zustrom der afghanischen Währung – die nach wie vor in Russland gedruckt wird – einzudämmen. Das ist aber sehr schwierig.

Vor einer Woche ist die Sonderkommission zur Einberufung der Loya Jirga gebildet worden. Nach was für Kriterien wurden die Mitglieder ausgewählt?
Ein Kriterium war die Unabhängigkeit von den Kriegsparteien, soweit dies unter afghanischen Verhältnissen überhaupt möglich ist. Zweitens sollten die Mitglieder in breiten Kreisen der afghanischen Bevölkerung angesehen sein, und drittens sollten sie mehrheitlich im Land selbst leben, also die aktuellen Gegebenheiten kennen. Es ist uns gelungen, eine ganze Reihe von Intellektuellen zu berufen, die aus der Vergangenheit hohes Ansehen geniessen. Und wir haben viele Rechtsspezialisten.

Sind auch Frauen dabei?
Ja, drei: eine Rechtsprofessorin, eine Gründerin einer Frauenorganisation, die illegal unter den Taliban gearbeitet hat, und eine dritte Frau, die ebenfalls einen juristischen Hintergrund hat und im pakistanischen Exil tätig war.

Die internationale Schutztruppe mit Uno-Mandat ist noch nicht in voller Stärke präsent und beschränkt ihre Präsenz auf Kabul. Was können diese wenigen Soldaten zur Sicherheit beitragen?
Aktuell sind von den geplanten 4500 Mann über 3000 in Kabul stationiert. Die volle Stärke soll Ende Februar erreicht werden. Die Soldaten patrouillieren Tag und Nacht durch die Hauptstadt und sind seit den letzten Tagen auch sichtbarer. Das gibt den Leuten ein Gefühl der Sicherheit. Das Land sozusagen militärisch unter Kontrolle zu nehmen durch eine Polizeitruppe, wäre ganz schwierig. Das haben hier schon andere ausländische Armeen zu spüren bekommen, obwohl sich die Situation natürlich geändert hat: Während die Sowjets und die britischen Kolonialherren die Bevölkerung gegen sich hatten, ist eine ganz grosse Mehrheit der Afghanen heute sehr dafür, dass internationale Truppen hier versuchen, Sicherheit und Frieden zu gewährleisten.

Wäre es nicht trotzdem besser, die Präsenz der Schutztruppe ginge über Kabul hinaus?
Ja, das hat der Vorsitzende der Übergangsverwaltung, Hamid Karsai, in den letzten Tagen auch sehr deutlich gemacht. Dafür ist ein neues Mandat des Uno-Sicherheitsrates notwendig, und das geht nicht von heute auf morgen. Afghanistan ist ein schwieriges Land, grosse Teile des Landes sind extrem bergig, die Infrastruktur samt der Strassenverbindungen liegt total am Boden. Schon die Operation der Schutztruppe hier in Kabul ist ein logistischer Albtraum. Stellen Sie sich vor, das für das ganze Land zu machen! Davor schrecken natürlich viele Regierungen zurück, weil das eine wahrscheinlich noch nie da gewesene Operation werden wird. Es ist aber notwendig, dass auch ausserhalb Kabuls von der internationalen Gemeinschaft etwas getan wird. Die Afghanen wünschen sich das. Wir bekommen hier fast täglich vehement vorgetragene Wünsche in diese Richtung.

Verbunden mit der Frage nach der Sicherheit ist auch die Arbeit der Hilfsorganisationen. Erreichen sie die entlegenen Gebiete?
In einigen Gebieten ist die Sicherheit einfach nicht gegeben, um Hilfe leisten zu können. Und wir haben jetzt Winter und viele Strassen sind unpassierbar. Ich habe heute morgen im Radio gehört, dass im Gebiet Badghis im Nordosten zehntausende von Menschen vom Hunger bedroht sein sollen und dass es dort keine einzige Familie mehr gebe, die noch keine Todesopfer zu beklagen habe.

An der Geberkonferenz für Afghanistan in Tokio wurden Milliardenbeträge versprochen. Ist das Geld schon eingetroffen?
Es ist Geld eingetroffen, aber bei weitem noch nicht so viel, wie die Übergangsverwaltung benötigt. Sie hat jetzt angefangen, die Staatsangestellten zu bezahlen, die ja seit sieben Monaten kein Geld mehr gesehen haben. Ich würde gerne den Pressesprecher meines Chefs, Lakhdar Brahimi, zitieren, der gesagt hat: Zusicherungen sind gut, Überweisungen sind besser.

Seit dem Sturz der Taliban wurde ja sehr viel über die Verbesserung der Lage der Frauen gesprochen. Hat sich im Alltag tatsächlich was geändert?
Es gibt graduelle Änderungen. Die meisten Frauen gehen aber nach wie vor verschleiert durch die Strassen. Es ist noch eine grosse Unsicherheit da. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass der Fundamentalismus in Afghanistan mit dem Ende der Taliban-Herrschaft vorüber sei. Eine Bedrohung liegt nach wie vor in der Luft. Es gibt Berichte über vereinzelte Angriffe auf Frauen, die die Burka abgelegt haben; ein Massenphänomen ist das zwar nicht, aber vielleicht hat es nur deshalb nicht mehr Übergriffe gegeben, weil die Frauen sich zurückhalten. Auch demokratische Gruppen, die sich unter den Taliban im Untergrund oder jetzt neu gebildet haben, sind noch nicht an die Öffentlichkeit getreten. Sie warten ab, wie sich die politische Situation entwickelt. Wichtig ist jetzt, dass die Aussenwelt zur Kenntnis nimmt, dass Afghanistan demokratische politische Kräfte braucht und die vorhandenen Ansätze unterstützt. Erst dann sind Stabilität und ein menschenwürdiges Leben in Afghanistan möglich.

* Eine politische Mission der Uno ist in Afghanistan seit 1981 aktiv. 1993 entstand die Uno-Sondermission für Afghanistan (Unsma). Ihr Auftrag ist, eine Verhandlungslösung zu unterstützen, die zu einer Regierung auf breiter Basis und zum Wiederaufbau führt.

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