09.03.2022

Wenn die Russen kommen

Von Lotta Suter

In den USA ist das Ausland selten ein Thema. Warum gerade die US-Linke mehr widerständige Geschichten aus der Ukraine, Russland oder Syrien hören sollte.

Über internationale Themen rede ich in meinem US-amerikanischen Bekanntenkreis nur selten. Die USA sind bekanntlich ein Einwanderungsland mit Menschen aus aller Welt. Trotzdem ist das «Ausland» für einen Grossteil der Leute irgendwie weit weg und ziemlich vage. Die US-Medien berichten über andere Nationen auffallend oft in religiös-moralischen Begriffen wie «gut» und «böse» statt mit einer sachbezogenen politischen Analyse. Wenn die Regierung oder die Bevölkerung eines Landes überhaupt als Akteure wahrgenommen werden, geht es hauptsächlich darum, ob dieses Land eher im Interesse oder aber gegen die Interessen der USA handelt. Die Beweggründe der jeweiligen Nation bleiben unwichtige Nebensache.

Das war zu Beginn der Ukraineinvasion nicht anders. Selbst der ansonsten sorgfältig informierende öffentliche Sender National Public Radio schaltete auf patriotische Propaganda um. Es tönte im Nu wieder so wie damals im Kalten Krieg. Schliesslich ist sogar der Erzfeind im Osten derselbe geblieben. Ausserdem ist Wladimir Putin ein Russe, der sich besonders leicht dem «Reich des Bösen» (Ronald Reagan 1983 über die Sowjetunion) zuordnen lässt.

Im Blockdenken verhaftet

Nichts einigt so schnell wie ein gemeinsamer Feind. Der russische Einmarsch in die Ukraine schweisste jedenfalls den polarisierten US-Kongress und die ebenso polarisierte US-Bevölkerung zusammen wie seit langem nicht mehr. Bis auf eine Hand voll trumpistischer Putin-Fans. Und bis auf einen Teil der Linken. Die Demokratischen Sozialisten Amerikas (DSA) veröffentlichten am 26. Februar ein Communiqué, in dem sie die russische Invasion in die Ukraine scharf verurteilten; gleichzeitig rief die grösste sozialistische Organisation, der auch prominente Mitglieder wie Alexandria Ocasio-Cortez und Bernie Sanders angehören, die USA auf, «sich von der Nato zurückzuziehen und den imperialistischen Expansionismus zu beenden, der die Voraussetzungen für diesen Konflikt geschaffen hat».

Die Idee, dass die USA für Putins Aggressionskrieg in der Ukraine (mit)verantwortlich seien, wurde von rechts bis weit in die linken Kreise hinein zurückgewiesen. Und zwar einmal mehr mit viel moralischer Empörung und wenig politischen Argumenten. Dabei gäbe es gerade auf linker Seite interessante Diskussionspunkte, vor allem, wenn man die internationale Linke miteinbezieht. Während die US-Sozialist:innen die Nato als imperialistisches Projekt kritisieren, begrüssen manche linke Aktivist:innen in Osteuropa die Nato als Schutzwall gegen den russischen Imperialismus.

Kritik aus Hongkong

«Was Russland in der Ukraine und was China in Hongkong und Taiwan tut, ist sehr verschieden. Doch haben wir mit den Ukrainer:innen gemein, dass unser Leben, unsere Proteste und unser politischer Handlungsspielraum durch eine US-Linke vermindert werden, die den Kampf gegen den US-amerikanischen Staat über alles stellt.» Dies gibt ein Vertreter des linken Kollektivs Lausan aus Hongkong in einem Beitrag der US-Journalistin Sarah Jones zu bedenken. Er fügt hinzu, dass, wenn die US-Linken andere Staaten wie Russland, China oder den Iran und nicht die Menschen selbst als wichtigstes Bollwerk gegen den US-amerikanischen Expansionismus und Imperialismus sähen, sie die Geschichten des Widerstands, der Rebellion und des sozialen Wandels ignorierten oder missachteten, die nicht mit dem Westen verbunden seien.

Ich nehme mir vor, auf diese widerständigen Geschichten aus der Ukraine und aus Russland, aus Afghanistan, Syrien und von anderswo zu achten. Und mehr darüber im Bekanntenkreis zu reden.