14.03.2022

«Nieder mit den Waffen – her mit den Schlüsseln»

Von Anna Jikhareva

In Biarritz, Köln und London werden die Villen reicher Russ:innen und Immobilien des russischen Staates besetzt. Ein Beispiel für subversiven Widerstand gegen Putins Angriffskrieg in der Ukraine.

Die Nachricht machte am Montagmorgen die Runde: Im französischen Biarritz, einem Atlantikstädtchen und beliebten Ferienziel russischer Oligarch:innen, haben zwei Aktivisten eine prunkvolle Villa besetzt. Laut Medienberichten brachen sie aus Protest gegen Putins Angriffskrieg in der Ukraine ins Gebäude ein, tauschten die Schlösser aus und hissten auf der Terrasse die ukrainische Flagge. Nun wollen sie mit der Stadtverwaltung verhandeln, damit das Haus aus der Ukraine Geflüchteten als Unterkunft dienen kann. Pierre Haffner, einer der beiden Besetzer, postete auf YouTube zunächst ein Video der Aktion. Später teilte er auf Facebook mit, er und sein Mitstreiter Sergej Saweljew, ein belarusischer Aktivist, der letztes Jahr aus Russland nach Frankreich geflüchtet war, seien festgenommen worden.

Bemerkenswert ist dieser Akt, weil die Besitzverhältnisse der Villa direkt ins enge Putin-Umfeld führen. Früher soll das luxuriöse Gebäude mit acht Schlafzimmern, drei Bädern und Meersicht dem russischen Geschäftsmann Kirill Schamalow gehört haben. Schamalow ist aber nicht nur ein milliardenschwerer Oligarchenspross, sondern auch der Exmann von Putins jüngster Tochter Katerina Tichanowa. Seit der Scheidung soll die 35-Jährige im Grundbuch der Biarritzer Villa eingetragen sein.

Unterkunft für Geflüchtete

Die Idee hinter der Besetzung erklärte der russische Dissident und Menschenrechtler Wladimir Osetschkin, der den beiden Aktivisten nahesteht, auf Facebook so: «Hunderte Villen in Europa gehören Putins Familie und ihren Oligarchenkomplizen. Ihr luxuriöses bürgerliches Leben ist zu einem logischen Ende gekommen, denn Kriegsverbrechen und die Verbrechen des Regimes müssen bezahlt werden. Jetzt geht es nicht mehr um glamouröse Partys und Feste in Villen. Es ist wichtig, im 21. Jahrhundert verantwortungsvoll und fair zu sein.»

Dass Besetzungen im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Ukraine ein so subversives wie erfolgreiches Protestmittel sein können, haben in den letzten Tagen auch Aktivist:innen in Deutschland und Grossbritannien demonstriert. In Köln besetzte am Samstag eine Gruppe ein Gebäude, das dem russischen Staat gehört und seit Jahren leer steht, um auf den Wohnungsnotstand in der Stadt hinzuweisen. Auch dort, so die Besetzer:innen, könne die Immobilie sinnvoll genutzt werden: als Unterkunft für ukrainische Geflüchtete. Entsprechend kreativ war auch eines der Transparente, die die Aktivist:innen an die Hausfassade hängten: «Nieder mit den Waffen – her mit den Schlüsseln». Die Polizei räumte die Besetzung, festgenommen worden soll niemand sein.

Seesicht in der Schweiz

Die dritte Besetzung der letzten Tage nahm die Villa des Oligarchen Oleg Deripaska an Londons vornehmster Lage ins Visier, deren Wert fünfzig Millionen Pfund betragen soll. Deripaska, der ein Aluminium-Imperium besitzt, steht zwar auf der britischen und der US-Sanktionsliste, nicht aber auf jener der EU. Auch in London forderten die Besetzer:innen aus der anarchistischen Szene, die sich auf den ukrainischen Anarchisten Nestor Machno bezogen, die Immobilie ukrainischen und anderen Geflüchteten zur Verfügung zu stellen: «Russische Oligarchen: Ihr besetzt die Ukraine, wir besetzen euch», liessen sie in einem Statement verlauten – und riefen dazu auf, es ihnen gleichzutun.

Auch in der Schweiz besitzen übrigens diverse Oligarchen Immobilien: So kann der enge Putin-Vertraute Gennadi Timtschenko, der gegenwärtig auf der Sanktionsliste steht, eine prunkvolle Achtzehn-Millionen-Franken-Villa in Cologny am Genfersee sein Eigen nennen. Er selbst lebt zwar offenbar nicht mehr dort, seine Familie ist allerdings offenbar immer wieder zu Besuch. Am Genfersee besitzt auch ein Sohn von Wladimir Jakunin, Russlands ehemaligem Eisenbahnminister und gutem Freund Putins, Immobilien – genauso wie der Oligarch Alischer Usmanow, gegen den im Zusammenhang mit dem Angriff auf die Ukraine ebenfalls Sanktionen verhängt wurden. Diese und weitere Villen reicher Russ:innen in der Schweiz dürften derzeit vermutlich ungenutzt sein.