13.05.2022

Diese Rechnung ging nicht auf

Von Annalisa Camilli, Charkiw

Zerstört am sechsten Kriegstag: Die Ruine eines Universitätsgebäudes in Charkiw. Foto: Imago

Vor der Invasion hatte Putins Regime grossen Rückhalt in der russischsprachigen Community von Charkiw. Mittlerweile ist in der fast leer gefegten Grossstadt aber alles anders.

In Saltiwka, einem Vorort am nordöstlichen Rand von Charkiw, ist der Krieg weiterhin nah. Noch am Donnerstag, dem 5. Mai, ist hier eine Rakete in ein Wohnhaus eingeschlagen, und auch wenige Tage später sind aus dem Norden Schüsse zu hören. Nicht einmal dreissig Kilometer sind es von hier bis zur russischen Grenze. Seit Kriegsbeginn am 24. Februar war Saltiwka Ziel massiver Bombardements.

«Mein Vater ist krank, und ich konnte nicht fliehen, aber meine Tochter habe ich ins Ausland schicken können», erzählt Irina Papowa, eine Einwohnerin Saltiwkas. Sie blieb hier, obwohl alle Geschäfte schlossen und die Bomben viele Gebäude schwer beschädigten. «Wir leben weiter zu Hause und haben Angst», sagt Papowa.

Mittlerweile aber kommen positive Nachrichten von der Front: Am letzten Wochenende hat das ukrainische Militär verkündet, dass es im Zuge einer breit angelegten Gegenoffensive Dutzende Vororte in der nördlichen und östlichen Peripherie Charkiws von der russischen Besatzung befreien konnte.

Zweitausend Gebäude zerstört

Für die zweitgrösste Stadt der Ukraine bedeutet das eine grosse Erleichterung. Am 3. Mai schlugen fünf Raketen im Gorki-Park ein, der nur drei Kilometer nördlich vom Charkiwer Stadtzentrum liegt; ein Mensch wurde getötet, mehrere wurden verletzt. «Wir haben die Überreste der Raketen eingesammelt, es waren viele kleine Eisenteile darin, vermutlich wollten sie möglichst viele Menschen töten oder verletzen», sagt ein Mann, der sich als Sergei vorstellt. Er ist zur Freizeitanlage gekommen, um zu sehen, welchen Schaden die Raketen hier angerichtet haben.

Aufgrund seiner strategischen Lage als Verkehrsknotenpunkt war das mehrheitlich russischsprachige Charkiw seit Kriegsbeginn eines der Hauptangriffsziele der Invasion, wohl auch deshalb, weil man auf die Unterstützung der russischsprachigen und traditionell prorussischen Bevölkerungsteile im Osten der Ukraine hoffte.

Eine Rechnung, die so nicht aufgegangen ist. Als am 1. März unzählige Bomben auf Charkiw niedergingen und sogar das Rathaus der Stadt und der zentrale «Platz der Freiheit» zerstört wurden, schlossen sich Hunderte Bewohner:innen als Freiwillige der militärischen Verteidigung des Landes an. Charkiw, das vor dem Krieg über 1,4 Millionen Einwohner:innen zählte, ist heute halb leer gefegt, zirka 2000 Gebäude wurden zerstört, die Zahl der zivilen Opfer der Bombardements liegt bei etwa 500. Die Menschen harrten zum Teil in U-Bahn-Stationen aus, andere forderten das Schicksal heraus und blieben zu Hause.

Die in Charkiw Verbliebenen sind auf die Stadtverwaltung und ehrenamtliche Helfer:innen angewiesen, die Lebensmittel und Medikamente verteilen. «So lange unter den Bombenangriffen aushalten zu müssen, war wirklich schrecklich, aber jetzt ist die Lage besser», sagt Mahmed Sakim. Er kommt ursprünglich aus Russland, aus der Republik Dagestan, aber seit 42 Jahren lebt er in Charkiw.

«Ich habe im Fernsehen gehört, dass die ukrainische Armee einige Orte befreit hat, aber meine Nachbarn können immer noch nicht nach Hause zurück», sagt Sakim. Er berichtet von den schlimmsten Tagen der Besatzung, während er in einer Schlange steht, um von freiwilligen Helfer:innen eine Lebensmittelration zu beziehen.

Der gestürzte Marschall

Vor dem Krieg hat die grosse russischsprachige Community in der Stadt das Regime in Moskau unterstützt, aber seit der Invasion ist alles anders. «Ich bin Ausländer, aber ich fühle mich als Ukrainer, ich bin für die ukrainische Armee», stellt Sakim klar. «Was das angeht, kenne ich kein Pardon.» Zu Sowjetzeiten war Charkiw zeitweise sogar Hauptstadt der Sowjetrepublik Ukraine, von 1920 bis 1934. Die Beziehungen zu Russland waren stets gut – aufgrund der räumlichen Nähe, aber nicht nur. Viele Lokalpolitiker:innen waren Russland zugeneigt.

Bezeichnenderweise floh Wiktor Janukowitsch, der damalige prorussische Präsident der Ukraine, während des Maidan-Aufstands im Februar 2014 von Kyjiv zunächst nach Charkiw, bevor er nach Russland ging, um von dort aus Proteste gegen die neue ukrainische Regierung zu organisieren.

Später im selben Jahr übernahmen dann von Russland unterstützte Separatist:innen die Kontrolle über die östlich und südlich von Charkiw gelegenen Oblaste Luhansk und Donezk. Eine bewaffnete Gruppe besetzte auch das Rathaus von Charkiw und rief die «Volksrepublik Charkiw» aus, die dann aber nicht von Dauer war.

Der Krieg hat die Dinge nun vollends verändert: Am 17. April wurde in Charkiw die Statue von Georgi Schukow abgerissen, des berühmten sowjetischen Marschalls im Zweiten Weltkrieg. Schon lange war die Büste ein umkämpftes Symbol, und jahrelang hat die Stadtverwaltung den Antrag von ukrainischen Nationalist:innen und Rechtsextremen, das Denkmal zu beseitigen und russische Strassennamen aus dem Stadtbild zu entfernen, abgelehnt.

Das Schlimmste könnte vorbei sein

Walentina Basuzenko steht in der Schlange vor einem Laden, in dem es Brot zu kaufen gibt. Sie ist Russin und spricht Russisch, entschuldigt sich aber dafür, dass sie nicht gut Ukrainisch spricht: «Ich bin Russin, aber ich fühle mich ukrainisch», sagt Basuzenko, «mein Sohn ist in Dnipro zur Welt gekommen und spricht sowohl Ukrainisch als auch Russisch.» Zwei Monate nach Kriegsbeginn sei sie noch immer geschockt: «Ich verstehe einfach nicht, wie es möglich ist, dass Russland die Ukraine und meine Stadt angegriffen hat.»

Zuerst habe sie gedacht, es stimme nicht, erinnert sie sich. «Ich habe sogar auf Social Media gepostet, dass ich es nicht glaube.» Basuzenko hat Verwandte auf der anderen Seite der Grenze, in Russland, aber seit Beginn des Krieges habe sie sich nicht mehr getraut, mit ihnen zu sprechen.

Charkiw sei die schönste Stadt der Ukraine, findet Walentina Basuzenko. Sie ging seit Kriegsbeginn nie weg. Und sie ist überzeugt, dass das Schlimmste nun vorbei sei und ihre Stadt bald schon wieder frei.

Aus dem Italienischen von Elke Mählmann.