13.12.2015

Gratisäpfel und Zuludiplomatie – Nachlese

Von Marcel Hänggi

Der souveräne Präsident winkt mit seinem Hämmerchen: Laurent Fabius, nachdem er das Abkommen für beschlossen erklärt hat.

Noch einmal: Das Abkommen von Paris ist ein grosser Erfolg. Warum ich das so sehe, werde ich in der gedruckten WOZ vom 17. Dezember ausführen (nur so viel hier: Das Abkommen postuliert, wenn auch etwas verklausuliert, das Ende der fossilen Energien, des Treibstoffs der Weltwirtschaft seit dem 19. Jahrhundert. Das ist, auch wenn mit dem Postulieren allein noch nichts getan ist, fast unglaublich – und genau das, was not tut).

Wie war der Erfolg möglich? Viele Faktoren spielten mit, auf einen wichtigen möchte ich hier näher eingehen: Die Klimakonferenz COP21 war hervorragend organisiert, die Verhandlungen hervorragend geführt. Die französische Präsidentschaft hat zum Gelingen viel beigetragen – wie ja auch der Misserfolg von Kopenhagen 2009 unter anderem mit der schlechten dänischen Präsidentschaft zu tun hatte.

Zunächst zum Bereich, den wir TeilnehmerInnen unmittelbar bemerken. An der Gare du Nord, wo ich jeweils in die RER stieg, standen Agents d'acceuil und wiesen den Weg – was angesichts der vielen COP21-Wegweiser gar nicht nötig war. Am Bahnhof von Le Bourget stieg man auf Shuttlebusse um. Obwohl die auf dem Bahnhofplatz unübersehbar bereit standen, wiesen einem mindestens ein Dutzend HelferInnen den Weg, und alle waren freundlich. Die Polizei war präsent, aber – in diesem Land im Ausnahmezustand – diskret und, wenn man sie etwas fragte, ausnehmend freundlich (ich habe das, ehrlich gesagt, etwas anders erwartet, nachdem ich gelesen und in Videos gesehen habe, wie die Polizei in Paris gegen Protestierende vorging; die Polizei war dann aber auch während der unbewilligten Kundgebungen vom 12. Dezember diskret und freundlich). Vor dem Eingang des Konferenzgeländes gab es gratis Bio-Äpfel; ganze Heerscharen meist junger Leute taten nichts anderes, als die Ankommenden zu begrüssen und zu verabschieden. Im Pressezentrum waren stets Techniker verfügbar. Es gab einen Ruheraum, wo man auch mal ein Nickerchen machen konnte, die Toiletten waren stets sauber – und so weiter. All das trug zu einer guten Grundstimmung bei. Gross der Kontrast zu Kopenhagen 2009, wo das pure Chaos herrschte.

Aber entscheidender war natürlich die Verhandlungsführung. Auch diesbezüglich war Kopenhagen 2009 ja ein Chaos; die dänische Regierung weder fähig noch besonders willig, es gut zu machen (vgl. hier und hier). Frankreich und namentlich dessen Aussenminister Laurent Fabius, der Konferenzpräsident, erhielten von allen nur beste Noten. Fabius war ausgezeichnet vorbereitet, führte die Verhandlungen straff und liess nichts anbrennen. Zum Einsatz kam auch eine traditionelle Verhandlungsform der südafrikanischen Zulu, die Indaba. 2012 fand die Uno-Klimakonferenz in Durban statt, und es war die damalige südafrikanische Präsidentschaft, die die Inabasitzungen in die Klimadiplomatie einführte – mit einigem Erfolg (mehr Informationen dazu gibt es hier).

Laurent Fabius wirkte immer präsent, auch wenn er kaum geschlafen haben konnte; er hatte Charme und Witz. Er sprach französisch, auch wenn fast alle anderen englisch sprachen, es sei denn, er fiel irrtümlich in sein einwandfreies Englisch. Damit wahrte er eine gewisse Distanz und nahm etwas Tempo raus (die meisten hörten ihm ja via DolmetscherInnen zu). Hinter ihm arbeitete ein grosser Stab von MitarbeiterInnen rund um die Uhr, und es wäre sehr spannend, eine Reportage darüber zu lesen – aber das fand hinter verschlossenen Türen statt. Jedenfalls wurde offensichtlich, dass Frankreich über einen eingespielten diplomatischen Apparat verfügt.

Der Soziologe Richard Sennett hat die Kunst der Diplomatie in seinem Buch «Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält» als eine Möglichkeit bezeichnet, «wie Menschen mit Menschen umgehen, die sich nicht verstehen, zu denen sie keine Beziehung haben oder mit denen sie im Konflikt leben». Die hohe Diplomatie habe sich in Europa im 16. Jahrhundert herausgebildet, gleichzeitig mit Formen der Höflichkeit in einem höfischen Kontext. Witze seien eine wichtige Technik, um Situationen zu entspannen, Empathie sei wichtiger als Sympathie, Wichtiges werde oft beiläufig gesagt, ein Verhandlungsführer müsse zwischen Formalität und Informalität wechseln können, und die Diplomatie sei eine narrative Kunst und der richtige Erzählton oft wichtiger als eine strenge Tagesordnung. All diese Elemente liessen sich in Fabius' Verhandlungsführung feststellen. Diplomatie als narrative Technik, das bedeutet, dass gewisse ProtagonistInnen in gewissen Rollen auftreten. Manche dieser Rollen haben sich in der Klimadiplomatie seit Jahren herausgebildet. Eine herausragende Figur war etwa die venezolanische Chefunterhändlerin Claudia Salerno, von allen nur Claudia genannt, eine glühende Chavistin, die oft als Bremserin auftrat, die theatralische Geste liebte und sich an der Klimafonferenz von Kopenhagen im Furor sogar einmal die Hand am Rednerpult blutig schlug. Es scheint, dass Fabius sie in ihrer Rolle ernst nehmen konnte. Bei ihrem Schlussvotum, nachdem das Abkommen verabschiedet war, strahlte Claudia, die man so oft wutentbrannt gesehen hatte, während ihrer ganzen Rede über das ganze Gesicht und nannte Fabius ihren «amigo». Es war herzerwärmend.