20.10.2019

15.30: Jetzt zu unseren Aussenposten

Von Raphael Albisser, Andreas Fagetti, Sarah Schmalz (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Kurz vor 12 Uhr. In der Bahnhofsunterführung in Chur lacht die Kronprinzessin breit von der elektronischen Werbetafel. Noch ist unklar, ob Magdalena Martullo-Blocher ihren Sitz verteidigen kann, den sie vor vier Jahren denkbar knapp holte. Damals hatten 300 Stimmen den Ausschlag zugunsten der älteren Blocher-Tochter gegeben. Viele hofften deshalb, dass sie ihren Sitz diesmal wieder verliert. Und dass die politische Karriere der Unternehmerin damit beendet wäre. 

Es kommt anders: Schon am frühen Nachmittag ist klar, dass die Ems-Chefin einen persönlichen Triumph feiert und am meisten Stimmen holt. Dafür muss SVP-Nationalrat Heinz Brand, der Lobbyist und Asylhardliner, womöglich über die Klinge springen. Auch gut. 

Eine Zeit lang sah es so aus, als könnte die sogenannte Klimaallianz aus SP und Grünen einen zweiten Sitz holen. Das bleibt wohl Wunschdenken. Ihr Spitzenkandidat Jon Pult schafft aber die Wahl in die grosse Kammer, in der Ständeratswahl erzielt er einen Achtungserfolg. Gewählt sind dort die üblichen Verdächtigen: die Bisherigen Stefan Engler (CVP) und Martin Schmid (FDP).

Verschwindet die BDP in der Versenkung? Gewinnen Grünliberale und FDP je einen Sitz? Mit etwas Glück könnte es für die FDP die italienischsprachige Anna Giacometti, Gemeindepräsidentin aus dem Bergell, schaffen. Noch wird in der Wahlzentrale im fensterlosen Keller des SRF-Gebäudes in Chur spekuliert, Wein und Wasser getrunken. Alle Gemeinden sind inzwischen ausgezählt, jetzt fehlen bloss noch die Stimmen aus der Kantonshauptstadt Chur.

«Grüne Welle» in Zürich

Im Konferenzzentrum Walcheturm in Zürich trudeln derweil die ParteirepräsentantInnen ein, um sogleich von den Radio- und Fernsehteams belagert zu werden. Es herrscht Aufregung, vor kurzem kam die erste Hochrechnung für den Nationalrat. Und wer im letzten Halbjahr eine «grüne Welle» heraufbeschworen hat, dürfte sie sich wohl genau so vorgestellt haben: Grüne (zwei) und Grünliberale (drei) gewinnen zusammen fünf Sitze dazu. Und das nicht zuletzt auf Kosten der SP, die gemäss aktuellem Stand zwei Sitze verliert – neben der SVP, der FDP und der BDP, die je einen aufgeben müssen.

Zumindest dem Namen nach dürfte die 35-köpfige Zürcher Gesandtschaft im Nationalrat also etwas grüner werden – aber kaum linker. Gewinnerin ist die SP hingegen im Ständerat, wenn man so will. Daniel Jositsch ist mit grossem Vorsprung gewählt, Ruedi Noser von der FDP muss in den zweiten Wahlgang – und hinter Roger Köppel lauert die grüne Kandidatin Marionna Schlatter.

Wermuth wird Dritter

Dass heute ein grüner Wahlsonntag ist, merkt man schon, wenn man in Aarau ankommt. Auf den Wahlplakaten an der Bahnhofstrasse haben KlimaaktivistInnen Kleber angebracht, die die «Klimaverträglichkeit» der KandidatInnen bewerten. «49 Prozent klimatauglich» steht bei einer CVP-Kandidatin, «97 Prozent klimatauglich» bei SP-Spitzenkandidatin Gabriela Suter. In der SVP-Hochburg, die als Stimmungsbarometer für die ganze Schweiz gilt, passiert gerade etwas. Und wie! Gemäss einer ersten Hochrechnung nach sieben ausgezählten Bezirken fahren die BlocheristInnen mit einem Minus von 6,1 Prozent massive Verluste ein. Die Grünen wiederum legen sensationelle 4,5 Prozent zu und verdoppeln damit ihren WählerInnenanteil auf knapp 10 Prozent. 

Die Stimmung in den Wahllokalen der Linken ist dementsprechend gelöst. Im Restaurant Krone feiert die SP, die zwar gemäss Hochrechnung nur 0,4 Prozent dazugewinnt, dank einer breiten Listenverbindung aber ihren 2015 an die SVP verlorenen Sitz zurückerobern wird. Und heimlich hofft man hier gar auf mehr: Liegt mit den Stimmen aus den städtischen Gebieten ein vierter linker Sitz drin? Klar ist zumindest schon, dass wohl auch die FDP leicht verlieren wird (überraschenderweise an die CVP). 

Enttäuscht dürfte dafür Cédric Wermuth sein. Er bleibt bei den Ständeratswahlen mit 55 274 Stimmen deutlich hinter SVP-Kandidat Hansjörg Knecht (72 574 Stimmen) zurück. Da im ersten Wahlgang jedoch niemand (auch nicht Favorit Thierry Burkart von der FDP) das absolute Mehr geschafft hat, bleiben seine Chancen gewahrt.