20.10.2019

21.45: Und die Frauen?

Von Sarah Schmalz (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Der vielleicht schönste Tag dieses Jahres war für viele Frauen der 14. Juni, als mehr als eine halbe Million von ihnen für mehr Gleichstellung auf die Strasse gingen. Allein in Zürich waren es 100 000. Plötzlich fühlte man sich nicht mehr allein. Was also hat das Frauenjahr bei diesen Wahlen bewirkt? Eines ist schon vor den endgültigen Resultaten klar: Das Parlament wird weiblicher. Nicht nur, weil die männerdominierten Parteien verlieren. Der Druck der Strasse hat mehr Frauen ins Parlament gespült. Initiativen wie «Helvetia ruft» oder die «Frauenwahl»-Kampagne der SP sorgten dafür, dass 600 Frauen mehr kandidierten als noch bei den letzten Wahlen 2015.

Zu vermelden ist bislang etwa der Einzug von Manuela Weichelt-Picard in den Nationalrat. Die Grünalternative hat eine Männerbastion gesprengt: Sie ist die erste weibliche Zuger Vertretung in Bern. Oder die Rückeroberung des Aargauer SP-Sitzes durch Gabriela Suter. Und natürlich der Sitzgewinn der Grünen in St. Gallen, wo die 27-Jährige Franziska Ryser auf Kosten der SVP in den Nationalrat einzieht. Auch bei den Parteien rechts und in der Mitte siegten Frauen: Obwalden hat mit SVP-Frau Monika Rüegger erstmals eine weibliche Vertretung im Nationalrat. Und in Uri schaffte CVP-Politikerin Heidi Z’graggen den Sprung in den Ständerat. 

Im Nationalrat waren die Frauen bislang mit dreissig Prozent vertreten – Ziel der Frauenkampagnen war eine Steigerung um sieben Prozent. Das scheint realistisch. Im Ständerat drohten die Frauen zu verschwinden, da von sechs Bisherigen lediglich die Thurgauer CVP-Vertreterin Brigitte Häberli-Koller wieder antrat. Dieses Szenario aber ist abgewendet, der Frauenanteil dürfte sich gar deutlich erhöhen. Im ersten Wahlgang sind fünf Frauen gewählt: Céline Vara (Grüne/NE), Heidi Z’graggen (CVP/UR), Eva Herzog (SP/BS), Elisabeth Baume-Schneider (SP/JU) und Brigitte Häberli-Koller (CVP/TG). 

Wie viele noch dazukommen, steht erst nach den zweiten Wahlgängen im November fest. Gute Chancen haben etwa Regula Rytz (Grüne) in Bern sowie die Grüne Adèle Thorens und Ada Marra von der SP in der Waadt. Und die Grüne Lisa Mazzone in Genf, die nach dem ersten Wahlgang ganz vorne liegt. Im Wallis könnte Marianne Maret (CVP) erste Ständerätin werden, und in Luzern hat CVP-Nationalrätin Andrea Gmür realistische Chancen, den zurückgetretenen Konrad Graber zu beerben. 

Diese Wahl bringt also hoffentlich nicht nur in der Klima- und der Sozialpolitik progressivere Allianzen, sondern auch in Fragen der Gleichberechtigung. Zu tun gibt es in der kommenden Legislatur genug.