23.09.2004

Zweikampf mit Bush

Nicht nur die Filmbranche, auch Musiker und Musikerinnen stellen sich im US-amerikanischen Wahlkampf offen auf die Seite der Demokraten. Der heftige Patriotismus, der in ihren Songs mitschwingt, bleibt dabei ambivalent.

Von Martin Büsser

«Denke eine Sekunde nach», lautet sinngemäss eine Zeile auf dem neuen Album der Beastie Boys, «bevor du im November dein Kreuz machst.» Ganz im Gegensatz zu ihrem Ruf als Partyrapper ist es den Beastie Boys sehr ernst: George Bush muss weg!

Mit dieser Forderung sind sie nicht allein. Unter US-amerikanischen MusikerInnen findet derzeit eine Mobilisierung gegen die Wiederwahl des Präsidenten statt, die in der Geschichte einmalig ist. Die Ablehnung vereint Linke und Liberale, Mainstream-Künstler und Queercore-Geheimtipp, Folksängerinnen und Club-DJs. Die Liste derjenigen, die sich bereits in Songs, in Interviews oder im Rahmen von Initiativen gegen die Regierung ausgesprochen haben, reicht von Puff Daddy bis Bruce Springsteen, von den Dixie Chicks bis Sonic Youth, von R.E.M. bis Le Tigre, von Bright Eyes bis Bad Religion.

Selbst gegen den ähnlich konservativen, mit kriegerischer Rhetorik um sich spuckenden Ronald Reagan haben sich Anfang der achtziger Jahre nicht so viele Bands mobilisieren lassen. «Mit unserer Anti-Reagan-Haltung», erzählte Jello Biafra von den Dead Kennedys, «waren wir und die damals noch ziemlich auf Insider beschränkte Punkszene ein isoliertes Phänomen im Land.» Quantitativ gesehen rühren sich momentan sogar mehr Bands gegen die Wiederwahl von George Bush als Ende der sechziger Jahre gegen den Vietnamkrieg. Und auch der Ton ist schärfer geworden. The Creekdippers, die Countryfolk-Band von Mark Olson und Victoria Williams, haben mit «Political Manifest» ein ganzes Album gegen Bush aufgenommen. Im Song «Portrait Of A Sick America» geht es gar richtig blutig zur Sache. Olson fordert Bush zum Zweikampf heraus und beschreibt genüsslich, wie er ihn niederschlägt. «And the women will sing praises over his beaten body», heisst es im Refrain. Diese Zeile macht unmissverständlich deutlich, dass Abtreibungsgegner George Bush ein Männer-Präsident ist, der nie die Interessen von Frauen vertreten oder überhaupt nur wahrgenommen hat.

Man muss schon lange in den Winkeln der Popgeschichte kramen, um in der Vergangenheit solch explizite Gewaltfantasien über einen Präsidenten zu finden. Vergleichbar aggressiv war einst eigentlich nur eine Band: die Fugs, Mitte der sechziger Jahre. Und selbst die haben sich 2003 wieder zusammengefunden, um eine Platte gegen die Bush-Regierung aufzunehmen. «Go down brother», heisst es da über den dubiosen Wahlsieg des Präsidenten, «way down on Florida sand, tell the justices not to let my people vote.» Tuli Kupferberg, Sänger der Fugs, ist inzwischen 81 Jahre alt. Bush junior hat es tatsächlich geschafft, alle gegen sich zu mobilisieren, die den Mund noch aufmachen können.

Es mag hierzulande irritieren, doch was fast alle MusikerInnen gegen Bush verbindet, ist ihr Patriotismus, die Liebe zum eigenen Land, die sie nicht den Falschen überlassen wollen. «Stealing Of An Nation», der Titel der aktuellen Radio-4-Platte, zielt beispielsweise in diese Richtung: Diese Regierung, erklärten Radio 4, habe die Grundwerte des Landes in den Schmutz gezogen und den Bürgern die Möglichkeit geraubt, auf diese Nation stolz zu sein. In seinem umstrittenen Buch «Stolz auf unser Land. Die amerikanische Linke und der Patriotismus» von 1998 erklärt der amerikanische Sozialphilosoph Richard Rorty, dass es ein Fehler der Linken gewesen sei, den Patriotismus stets den anderen zu überlassen. Wer die Verhältnisse verändern wolle, brauche auch eine «emotionale Bindung an das eigene Land». In den USA vertritt Rorty mit seinen Thesen keine exotische Meinung, sondern spricht für einen Grossteil der Linken, darunter auch für viele, die nun als Musiker das Wort erheben. «Die sozialkritische Sensibilität, die sich mit Patriotismus gut verträgt», bemerkte Edo Reents in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», «ist in der amerikanischen Popkultur bis heute so stark ausgeprägt, weil die grundlegend volkstümlichen Strömungen – Blues, Folk und Country – ursprünglich deren Vehikel waren.»

Weil sie ihr Land lieben, protestieren die Musiker gegen einen Präsidenten, den sie nicht als «ihren» Präsidenten empfinden. Man muss jedoch genau unterscheiden, wer sich da aus welchen Gründen auf ein besseres Amerika beruft. Und auch auf welches bessere Amerika. «Aus den USA kommen auch sehr schöne Dinge», äusserte sich beispielsweise Dose One vom HipHop-Label «Anticon», «also nicht nur Michael Jordan oder Eminem.» Bei Dose One geht es darum, auf eine subkulturelle und emanzipatorische amerikanische Tradition zu beharren, die von Angela Davis bis Allen Ginsberg reicht. Stolz heisst hier: Stolz auf die, die dagegen waren. Schliesslich existieren mindestens zwei US-amerikanische Mythen, die in direktem Gegensatz zueinander stehen: der Redneck-Mythos John Wayne einerseits, wie es der Soziologe Joshua Meyrowitz ausdrückte, und der Freiheitsmythos Jimi Hendrix auf der anderen Seite. Dieser Zwiespalt hat auch die europäische Linke immer wieder zerrissen: Dieselben, die gegen den US-Einsatz in Vietnam auf die Strasse gingen, nutzten Janis Joplin und die Doors, um sich gegenüber der Elterngeneration abzugrenzen. Mit Amerika gegen Amerika. Beide Mythen zu vereinen, gelang auch in der gegenwärtigen Debatte wieder nur einem: Bruce Springsteen. In der «Vote-For-Change»-Kampagne wirbt er öffentlich darum, John Kerry zu wählen. Den Demokraten sei bewusst, äussert sich Springsteen, «dass Amerika eine Regierung braucht, für die Werte wie Fairness, Neugier, Offenheit, Bescheidenheit, die Sorge um das Wohl aller Amerikaner, Mut und Vertrauen Priorität haben». Der «Boss» ist weder Rebell noch Antikapitalist. Vielmehr verkörpert der Mann – dessen «Born In The USA» von Ronald Reagan für den Wahlkampf missbraucht wurde – den durchschnittlichen, liberalen und zugleich konservativen Amerikaner. Marilyn O’Grady, republikanischer Senatskandidat, liess nun schnell einen Dreissig-Sekunden-Spot drehen, in dem er zum Boykott der Platten aufrief. «Nur weil er Millionen mit seiner Musik macht», lautete der Tenor, «hat er nicht das Recht, den Leuten zu erzählen, wen sie wählen sollen.» Man mag von Springsteen halten, was man will, und Bush-GegnerInnen wie Le Tigre oder die Liars cooler finden, doch eines steht fest: Erst einer wie der «Boss» hat es fertig gebracht, Bush und seine Leute zum Zittern und Zetern zu bringen.

Aber ist der Protestsong nicht die abgegriffenste Form des Protests und der Opposition? So sieht es zumindest Steve Shelley von Sonic Youth: Junge Noise-Bands wie Wolf Eyes und Lightning Bolt drücken mit ihrer atonalen Antiästhetik mehr Protest aus, so Shelley, «als politische Standortbestimmungen». Doch auch Sonic Youth sparen nicht damit, ihren Standpunkt klarzustellen. Vollmundig erklärte Kim Gordon in einem Interview mit der «taz», dass die «Heilung» Amerikas alleine davon abhinge, ob Bush bleibe oder nicht. «Das war mit Adolf Hitler so – und das ist heute mit George Bush so.» Wie bitte? Selbst vom unsäglichen Hitler-Vergleich abgesehen, machen es sich Kim Gordon wie auch die meisten anderen MusikerInnen, die derzeit dazu aufrufen, Bush abzuwählen, allzu leicht.
Tatsächlich geht es nicht um eine Person, sondern um eine Ideologie. Die teilt Bush mit Millionen von WählerInnen, die nicht verschwunden sein werden, sobald Kerry an der Regierung ist. Sie werden bleiben und weiterhin Hetzjagd auf Schwarze, Schwule, selbstbewusste Frauen und MigrantInnen betreiben. Hier hebelt sich die Logik des patriotisch motivierten Protestes aus: Wer nicht eine Ideologie bekämpft, sondern nur einen Präsidenten, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es nur um die Wahrung des Scheins nach aussen geht. Angesichts der anstehenden Wahl sind die verbalen und musikalischen Schnellschüsse gegen Bush zwar verständlich, formulieren jedoch in den seltensten Fällen eine über die Person des Präsidenten hinausreichende Gesellschaftskritik.

Langfristig kann Musik eine solche Kritik nur dort formulieren, wo sie auf Slogans verzichtet und sich in ihrem ganzen Habitus dem Geschmack der DurchschnittsamerikanerInnen verweigert. So gesehen sind Atonalität und Underground-Gestus von musikalischen AussenseiterInnen wie der Elektro-Noise-Band Black Dice oder der Free-Folk von Animal Collective eine wirksamere Form, sich unmissverständlich für das «andere» Amerika auszusprechen – nämlich für eines, das weder von George Bush noch von John Kerry repräsentiert wird. In den USA sind solche Überlegungen gerade nicht besonders populär. Zumindest nicht bis zum Ausgang der kommenden Wahl.

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