08.11.2002

Optimismus als Bürgerpflicht

Wer siegt, wird überleben. VerliererInnen haben keine Chance. Im Ausnahmezustand erst recht nicht. Wettbewerb fördert die Leistung. Das Leben ist kein Kinderspiel.

Von Lotta Suter

Wie viele «Helden der Arbeit» die regierungstreue Zeitschrift «Sowjetunion heute» von 1956 bis 1991 ganzseitig im damals noch teuren Vierfarbendruck vorstellte, weiss ich nicht. Ich erinnere mich aber gut an eine ganz bestimmte Frau mittleren Alters mit gepflegter Kurzhaarfrisur, hochgeschlossener weisser Bluse und blauem Jackett, die ernst und gefasst in die Kamera blickte und dem sozialistischen Menschenideal eine etwas steife und jedenfalls nicht in die punkigen achtziger Jahre passende Würde verlieh. Wir reichten das Bild auf der WoZ-Redaktion herum, alle lachten. Schliesslich heftete jemand das dröge Porträt an die Wand, neben den glamouröseren Comandante Che Guevara. Mich erinnerte die Frau, die selber nicht besonders glücklich und gelöst aussah, trotz allem an die Möglichkeiten, die der Marxismus den Menschen zutraute. An den unverwüstlichen Optimismus und Fortschrittsglauben nicht bloss der offiziellen Propaganda, sondern auch vieler real existierender SozialistInnen, denen ich in Ost und West begegnet war. Die Sowjetunion vor allem liebte massenhafte Auszeichnungen, glänzende Medaillen, prunkvolle Siegerehrungen über alles, applaudierte der Leistung, feierte den Erfolg. Mit einer Inbrunst wie sonst bloss noch ihr Erzfeind, das realkapitalistische Amerika.

In den Vereinigten Staaten ist der «Arbeiter des Monats» in der Regel ein «Makler der Woche». Aber die je nach ihrer Bedeutung im Lokalblatt oder in der «New York Times» porträtierten SiegerInnen der jeweiligen Kategorie – Wirtschaft, Sport, Showbusiness oder Politik – sind meistens ebenso adrette Damen und Herren mittleren Alters wie damals die GenossInnen in der sowjetischen Presse. Auch sie haben sorgfältig frisierte Haare und förmliche Kleidung, bloss sind sie etwas extravertierter, denn kapitalistische Persönlichkeiten sind an Werbung und Selbstdarstellung gewöhnt. In der DDR und in Moskau hatte ich, die nüchterne Schweizerin, mich jeweils heimlich über die gestelzt überschwänglichen und so absolut seriösen Preisverleihungen und Ehrengaben amüsiert und nach 1989 gespottet, der Zusammenbruch des Ostblocks bedeute zum Glück auch das Ende solcher Geschichten. Weit gefehlt! Jetzt langweile ich mich in der Schulaula meines amerikanischen Wohnortes abendelang durch Lobpreisungsrituale, deren Format dem russischen Gegenpart zum Verwechseln ähnlich ist. Bis hin zu den kostengünstigen symmetrischen Nelkenarrangements links und rechts vom Rednerpult. Und wieder realisiere ich mitten im Gähnen über die endlose «Awards-Night», dass hier die Möglichkeiten der jungen Menschen gefeiert werden und Hoffnungen gehegt. Dass man stolz und mit einer mir Kleinbürgerin immer noch ungewohnten Zuversicht in die Zukunft blickt.

«Amerika als soziale und politische Organisation vertritt eine optimistische Perspektive. Es kann nicht anders», schreibt der Film- und Buchkritiker Robert Warshow in einem Essay aus dem Jahr 1948. «Der Sinn für das Tragische ist ein Luxus von aristokratischen Gesellschaften, in denen dem Schicksal des Individuums keine direkte und legitime politische Bedeutung zugemessen wird, weil es eine unabänderliche und überpolitische Kategorie darstellt. Moderne egalitäre Gesellschaften hingegen, ob sie nun demokratisch oder autoritär regiert werden, erheben Anspruch auf ein besseres Leben.» Warshow, der in derselben linksliberalen Gruppe von New Yorker Intellektuellen verkehrte wie etwa die Philosophin Hannah Arendt, der Schriftsteller Norman Mailer oder der Soziologe Daniel Bell, bestimmt, kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges, das Streben nach Glück als letztes Fundament aufgeklärter Staaten – das ist eine nicht unproblematische Überschreitung der klassischen Grenze zwischen politisch und privat. Robert Warshow: «Wenn ein Amerikaner oder eine Russe unglücklich ist, impliziert das eine grundsätzliche Missbilligung seiner Gesellschaft, und deshalb wird Optimismus zur Bürgerpflicht. Wenn es die Behörden als notwendig erachten, können die BürgerInnen bei wichtigen Gelegenheiten sogar dazu genötigt werden, ihr Glück öffentlich zu demonstrieren, so wie man sie zu Kriegszeiten ins Militär einberufen kann.»

Diese Bürgerpflicht zum Frohsinn, fügt der Autor hinzu, laste vor allem auf den Schultern der Massenkultur. Und jedes Mal, wenn Angst und Unsicherheit in der Gesellschaft zunähmen, lege sich eine Euphorie über die US-amerikanische Kultur «wie das breite Lächeln eines Idioten». So wurden beim berüchtigten House Committee on Un-American Activities, dem Komitee gegen «unamerikanische Umtriebe», ab 1947 nicht bloss kommunismusverdächtige, sondern auch zu pessimistische Filme und Bücher angeschwärzt. Mrs. Leila Rogers etwa, die Mutter der Fred-Astaire-Partnerin Ginger Rodgers, denunzierte den Film «None But the Lonely Heart» (Musik Hanns Eisler) als unamerikanisch, da «gloomy», zu trübsinnig für ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Heute hat der «Krieg gegen den Terror» erwartungsgemäss eine neue Welle der patriotischen Glückseligkeit ausgelöst, es sind vorab Filme über epische Kämpfe mit grandiosem Happyend. In einer Kinovorschau begegnete mir kürzlich gleich eine ganze Reihe von muskulösen Helden, die gegen Kopfgeburten kämpften: Ungeheuer aus fiktiven Welten, fernen Zeiten oder aus der vorweggenommenen Zukunft. «Reign of Fire», Herrschaft des Feuers, heisst ein solcher Streifen; der Hauptdarsteller, langhaarig und tätowiert, ist noch eine Spur männlicher und wilder und heroischer als alle andern. Da steht er, allein mitten in der Flammenhölle, schmuddelig, verschwitzt, russverschmiert, keuchend. Bloss eine kleine Stelle über seinem Herzen bleibt rein und unberührt: die amerikanische Flagge, die jemand auf sein sexy Ledergilet appliziert hat. Er wird siegen. Die Welt ist sein.

Unter den Bedingungen des «survival mode» verengt sich das Streben nach Glück zum Gewinnen um jeden Preis. Gemäss den Regeln des Überlebenskampfes, nach denen sich auch die neoliberale Marktwirtschaft organisiert, ist das Versagen unvermeidliches Komplement des Erfolgs. Was der Filmkritiker Warshow über die klassische Figur des Kino-Gangsters sagt, gilt auch für die Durchschnittsamerikanerin: «Man muss sich von der Masse abheben, oder man ist ein Nichts.» Und im Film wie im Leben sind sich alle der rasanten, unerbittlichen Dynamik bewusst: «Sobald einer auf seinem Gewinn ausruhen will, ist er auf dem Weg zum Untergang.» Der ständige Wettbewerb, oft nicht mehr als eine fiebrige Triage, ist ein Organisationsprinzip der Erfolgsgesellschaft.

Dass der Sieger alles gewinnt und der Unterlegene alles verliert, wird in den USA alle vier Jahre anlässlich der Präsidentschaftswahlen eindrücklich vordemonstriert. Und jedes Mal wenn ein Republikaner an die Spitze kommt, wird die Gesellschaft besonders unbarmherzig in Erfolgreiche und Erfolglose aufgeteilt: Steuerpakete für die Reichen und Sozialabbau für die Armen etc. Friss oder stirb. Bereits der quasirepublikanische Präsident Bill Clinton hatte vorgeschlagen, diejenigen öffentlichen Schulen mit den schlechtesten SchülerInnenleistungen, etwa Inner-City-Schulen in New York und anderen Grossstädten, kurzerhand zu schliessen. Unter George W. Bush wird diese Massnahme nun durch Bonuszahlungen für die erfolgreichsten Schuldirektoren ergänzt; 600 000 Dollar haben Wirtschaftskreise in New York zu diesem Zweck bereitgestellt. Kein Wort davon, dass die reicheren Schulen New Yorks gegenwärtig bereits 2000 Dollar mehr pro Schüler und Jahr aufwenden können als die ärmeren Filialen, die abgesehen davon in einem sehr schwierigen sozialen Bildungsumfeld arbeiten müssen.

Oder: New York hat wunderbare psychiatrische Einrichtungen, unter anderem das Albert Einstein College of Medicine, wo Oliver Sacks arbeitet, der Schriftsteller-Neurologe, der immer wieder einfühlsam über Menschen schreibt, die aus der kompetitiven Normalität herausgefallen sind. Seine Texte sind voll von Bewunderung für die Anpassungsfähigkeit und den Erfindungsreichtum seiner PatientInnen. Doch der Staat New York ist auch Schauplatz eines Psychiatrienotstandes von unvorstellbaren Ausmassen. Im Frühling hatte die «New York Times» enthüllt, dass in den letzten dreissig Jahren tausende von unheilbaren PatientInnen aus der Psychiatrie ins Ungewisse entlassen worden waren. Viele landeten in Obdachlosenunterkünften und erhöhten den ohnehin alarmierenden Anteil der psychisch Kranken in dieser Bevölkerungsgruppe. Vor kurzem wurde bekannt, dass der republikanische Gouverneur des Staates New York, George Pataki, der diesen Herbst zum dritten Mal gewählt werden will, in seiner Amtszeit die Zahl der teuren Psychiatriebetten von 9000 auf 4300 reduzierte und die hoffnungslosen Fälle kurzerhand in billigeren Pflegeheimen ohne psychiatrische Betreuung unterbrachte beziehungsweise einschloss. Die psychisch Kranken verloren so ihr letztes bisschen Bewegungsfreiheit, der Staat sparte 100 000 Dollar pro abgeschobene Person.

Im Frühling wurde bekannt, dass ein Angestellter des angesehenen Multimilliardenunternehmens Princeton University die Computer der Konkurrenz, Yale University, angezapft hatte. Der Hacker versuchte deren StudentInnenpool auszuspionieren. In den Institutionen der höheren Bildung, dem gesellschaftlichen Tor zum Erfolg, ist der Wettbewerb besonders hart, die Auswahl der mutmasslichen Sieger besonders stressig. Seit dem Zweiten Weltkrieg rekrutieren auch die führenden Colleges und Universitäten in den USA ihre StudentInnen nicht mehr bloss aus einer Hand voll auserwählter Privatschulen, sondern gehen nationenweit auf Talentsuche. Ein Schritt zur Chancengleichheit? Vielleicht. Doch Bildungsfachleute beobachten ein «amerikanisches Paradox»: Mit der zunehmenden Demokratisierung geht die zunehmende Nachfrage nach Zeugnissen einher, welche die Inhaber als Mitglieder einer unverwechselbaren Elite ausweisen. Dieser doppelbödige Selektionsprozess beginnt schon im Kindergarten und kulminiert in einem absurd aufwendigen und komplizierten Übertritt ans College – wenn eineR nicht schon vor Beendigung der zwölfjährigen Schulpflicht ausscheidet. Über dreissig Prozent der AmerikanerInnen schaffen zurzeit den Highschool-Abschluss nicht; die wirtschaftliche Prognose für diese Drop-outs, meist als ungelernte Arbeitskräfte, ist nicht rosig. In der Hochleistungsgesellschaft gehören sie zu den designierten VerliererInnen. Die wenigsten TellerwäscherInnen werden zu Millionären.

Vor den letzten Fussballweltmeisterschaften erklärte ein Sportreporter in einem Interview, weshalb Soccer, der europäische Fussball, in den USA vor allem als Frauen- und Kindersport geschätzt und betrieben wird: Dieser Sport fördert den Teamgeist, das harmonische Zusammenspiel und das taktische Denken. Doch richtige Männer spielten nach wie vor amerikanischen Football, Baseball oder Basketball. In diesen Disziplinen, führte der Journalist aus, gebe es viel mehr Tore und Körbe oder aber triumphale Momente wie den Homerun eines Baseballspielers. Das US-Publikum verlange nach solchen Sensationen, nach Siegen und Siegern. AmerikanerInnen hätten bedauerlicherweise kein sehr geübtes Auge für die blosse Schönheit des Spiels.

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