29.04.2004

Bis auf den Apfelkern

«Pomona», seit zehn Jahren der erste Roman der Schriftstellerin, ist ein Kampf um Lebendigkeit, trotz Männern und auch ohne sie.

Von Bettina Spoerri

Die Hauptfiguren in Gertrud Leuteneggers neuem Roman, fast ausnahmslos Frauen, sind fragile, aber letztendlich starke Figuren, die trotz allen schwierigen Lebensumständen Ruhe und Bodenhaftung bewahren – ganz im Gegensatz zu den beschriebenen Männern, die buchstäblich nach den Sternen zu greifen versuchen. Das Buch beginnt und endet mit einer Kindheitserinnerung, die zu einer idealtypischen, allegorischen Szene wird: Wie Pomona, die römische Göttin der Baumfrüchte, dreht sich im Keller die Mutter zu ihrer Tochter um und reicht ihr einen roten Apfel: die erste Berner Rose der Saison.

Ein magischer Augenblick, der weitere Erinnerungen auslöst, wie das berühmte Madeleine-Gebäck in Prousts «A la Recherche du Temps perdu». Die Ich-Erzählerin taucht in ihre Kindheit ein, erlebt noch einmal Geborgenheit und Wärme, aber auch Befremdung und die Bestürzung über den plötzlichen Tod der Mutter; gleichzeitig ist sie selbst mittlerweile Mutter geworden und wendet sich an ihre Tochter, der sie zu erklären versucht, weshalb sie schliesslich den Mann und Vater verlassen hat.

Das fast unmerkliche Ineinandergreifen der Zeitebenen und Erzählperspektiven erschliesst sich dabei nur langsam, und Gertrud Leuteneggers poe­tische und symbolisch verschlüsselte Sprache, die vieles andeutet und in einem mysteriösen Schwebezustand belässt, trägt nicht zu einer leichteren Verständlichkeit bei. Der dichte Text muss aufmerksam und behutsam gelesen werden, vielleicht auch ein zweites oder drittes Mal.

Die Äpfel, die in «Pomona» weitergegeben und regelmässig in Apfelhurden eingelagert werden, bilden dabei den Kern des Textes. Für wen Äpfel einfach Äpfel sind, wer ausser Idared, Maigold und den giftgrünen Granny Smiths keine anderen Sorten kennt, für den ist die pomologische Vielfalt, die Gertrud Leutenegger hier in ihrer Erzählkunst einsetzt, eine überreiche Ernte, in der er sich erst zurechtfinden muss. Wer kann sich heute unter den Bezeichnungen Goldparmäne, Berner Rose, Akristan und Roter Astrachan, Ontario, Karbantich und Berlepsch noch eine bestimmte Apfelsorte vorstellen? Wer weiss, was die Qualitäten und Vorzüge, die Hautbeschaffenheit und Reifezeit dieser Früchte sind? Gertrud Leutenegger schwelgt in dieser Welt, die im Zeitalter von Ertragssteigerung und Monokultur langsam in Vergessenheit gerät. Deshalb muss man sich in dem sinnlichen Naturbereich, den sie vor uns eröffnet, immer wieder wie eine Analphabetin fühlen.

Wie auch schon in früheren Texten wie «Meduse», «Ninive» oder «Acheron» beschwört die 1948 in Schwyz geborene Schriftstellerin zudem die griechisch-römische Mythologie, und diese Vorliebe setzt sich in den Namen der männlichen Figuren fort, die nach einem Stern respektive einem Sternbild benannt sind: Sirio heisst der offensichtlich geistig behinderte Sohn der Hausnachbarn im Dorf, Orion der kauzige Architekt und meist alkoholisierte Ehemann der Ich-Erzählerin, der die Mönchswelt von Athos erforscht und sich mit seinem Teleskop in eine rück­sichtslose Himmelmanie versteigt. Die Welt der Männer, so legt es Leuteneggers Roman nahe, sind die verkopften Konstruktionen, die verstiegenen Illusionen und unrealistischen Wünsche, und diese sind es, welche den bescheidenen, gut geerdeten Frauen zu schaffen machen – und sogar lebensbedrohlich für sie werden können. Und so sterben sie.

Oder es gelingt ihnen, wie der Ich-Erzählerin, sich zu befreien und ein neues Leben anzufangen, in dem kein Platz für Männer mehr zu sein scheint. So haftet diesem Text mit seiner fein gewobenen Sprache eine befremdliche Archaik an, indem er auf einem unauflösbaren Konflikt zwischen den Geschlechtern besteht, der – jenseits aller gesellschaftlichen und geschichtlichen Konstruiertheit – einfach und allein auf die Biologie zurückgeführt wird.

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