Nr. 18/2021 vom 06.05.2021

Die seltsame Wolke über dem Gipfel

Von Eva Pfister

Ein kleines Dorf im Tessin, nahe der italienischen Grenze. Hierher, zur Beerdigung ihres früheren Mannes Orion, kehrt die Ich-Erzählerin zurück. Eine Nacht lang wird die Frau in die Erinnerungen an die unkonventionelle Künstlerehe eintauchen. Sie war zum Scheitern verurteilt, als der erfolglose Architekt zum Alkoholiker wurde. Fluchtartig verliess die Frau mit dem Kind das Dorf.

Auch in ihrem Roman «Späte Gäste» erweist sich Gertrud Leutenegger wieder als Meisterin der atmosphärischen Beschreibung: Poetisch und mit feinen Beobachtungen beschwört sie den Schauplatz herauf: das Dorf und vor allem den Festsaal einer einst herrschaftlichen Villa. Hier verbringt die Ich-Erzählerin die Nacht, in dieses Gasthaus hat sie sich früher oft mit ihrem Kind gerettet, wenn Orion wieder einen seiner Wut- und Verzweiflungsanfälle bekam.

Schlaflos lässt die Frau ihren Blick über die Wandfresken schweifen – und entdeckt auf einmal seltsame Veränderungen. Etwa in der Darstellung einer Landschaft mit Innerschweizer Bergen: «Ruhevoll breiten sie ihre Flanken aus, bis hinunter zum See. Aber welch seltsame Wolke lagert über dem einen Gipfel! Eine düstere Gewitterwolke? Ungläubig lasse ich den Schein meiner Taschenlampe darüber wandern. Vor meinen Augen versinkt die vertraute Kindheitslandschaft, und ein Inbild jeder Sizilienreise steht vor mir, oft in der Ferne erspäht, manchmal noch von Schnee schimmernd, tausendfach gemalt … Der Ätna!» Im Lauf der Nacht kommt die Erzählerin dahinter, dass der aus Sizilien stammende Wirt alle Fresken beim Restaurieren verändert hat. Er hat damit seine eigene Geschichte in die Villa hineingemalt.

Die Migration ist in Gertrud Leuteneggers Roman ein zentrales Thema – nicht nur jene der Vergangenheit. Auch in der Gegenwart ist die Region davon geprägt. Flüchtende kommen zuweilen nachts über die Grenze, sie tauchen auch als «späte Gäste» in den Träumen der Erzählerin auf. Und sie erinnert sich an eine Episode, die ihre Freundin Serafina erlebt hat.

In Serafinas Dorf wird traditionell in der Dreikönigsnacht mit einem Festmahl die Fastnachtszeit begonnen. Zwei Arten von maskierten Gestalten nehmen daran teil: Die sogenannten «Schönen» sind als exotische Frauen verkleidete Männer, die «Hässlichen» kommen in Lumpen daher und tragen Reisegepäck mit sich. Diese Figuren erinnern die DorfbewohnerInnen an die früheren Wanderarbeiter, die abgerissen aus der Fremde zurückkehrten. Beim letzten Dreikönigsmahl, so berichtete Serafina, seien aber viel mehr «Hässliche» gekommen als sonst. Sie hätten gierig die Polenta und das Kaninchenragout verschlungen und sich nicht wie sonst benommen: Es waren afrikanische Migranten, wie sich herausstellte.

Gertrud Leuteneggers schmaler, aber eindringlicher Roman ist ein Nachtbuch. Von der Abenddämmerung bis zum frühen Morgen schwebt es zwischen Träumen und Erinnerungen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. So bewahrt die Autorin die Geschichte einer beinahe verlassenen Grenzregion in der Literatur.

An den Literaturtagen tritt die Autorin am Sonntag, 16. Mai 2021, um 10 Uhr und um 16 Uhr auf.

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