11.03.2004

O Tannenbaum, o Tannenbaum ...

Die Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsident Ariel Scharon lenken von den wirklichen Problemen ab.

Von Uri Avnery

Es ist inzwischen ein bekanntes israelisches Ritual: Man nimmt eine triviale Angelegenheit, erklärt sie zur Hauptsache, dekoriert sie und tanzt um sie herum, um den so ärgerlichen und erschreckenden wirklichen Problemen auszuweichen.

Diesmal tanzen wir um einen Tannenbaum; um Herrn Elhanan Tannenbaum. Er war ein Gefangener der Hisbollah im Libanon. Um ihn und die Leichen von drei gefallenen israelischen Soldaten nach Hause zu bringen, entliess Ariel Scharon ein paar hundert «Terroristen». Seitdem ist das ganze Land in Aufruhr. Warum hat Scharon diesen Deal gemacht? Letzte Woche lüftete sich das Geheimnis: Dieser Tannenbaum ist der frühere Schwiegersohn von jemandem, der mit Scharon vor dreissig Jahren Geschäfte gemacht hatte, als ein amerikanisch-jüdischer Milliardär einem armen Offizier mit Namen Ariel Scharon half, die grösste private Farm des Landes zu erwerben. Hat Scharon hunderte von «Terroristen» entlassen, um einem ehemaligen Schwiegersohn eines ehemaligen Geschäftspartners beizustehen? Ist das ein Riesenskandal? Ein schrecklicher Fall von Korruption?

Sogar wenn es so wäre, kann ich nur mit zwei hebräischen Wörtern antworten, die man mit «die Freude meiner Grossmutter» übersetzen könnte – oder auf Amerikanisch: «big deal». Wie gewöhnlich stellen die Medien nicht die richtigen Fragen, denn die könnten einige wichtige Leute stören – zum Beispiel die Sicherheitschefs. Dieser Tannenbaum ist nämlich ein Oberst der Reserve. Als solcher war er an einem der geheimsten Militärprojekte Israels beteiligt. Laut durchgesickerten Hinweisen sei dieses Projekt nicht weniger geheim als unsere nuklearen Aktivitäten. Nun kommt aus, dass Tannenbaum in seinem zivilen Leben ein Gauner, ein zwanghafter Glücksspieler und eng mit libanesischen Drogenhändlern verbunden sei sowie tief in Schulden stecke. Wie war es möglich, dass diese Person Teil eines streng geheimen Projektes wurde?

Nun, keiner wusste, was er tat. Keine fragte nach. Er erwähnte nichts gegenüber dem Chef des inneren Geheimdienstes, einem gewissen Yehiel Horew. Und wenn es Horew niemand sagt, woher soll er es wissen? Als Tannenbaum nach Dubai ging und von dort ins Hisbollah-Land Libanon entführt wurde, waren die Sicherheitsbehörden bis in ihre Fundamente erschüttert: Was hat er ihnen erzählt, was wird er ihnen noch sagen? Daher war man bereit, jeden Preis zu zahlen, um ihn so schnell wie möglich zurückzuhaben: 50 «Terroristen»? 500? 5000? Egal, Hauptsache, er kommt möglichst sofort zurück. Das ist verständlich. Wenn Tannenbaum erzählt hätte, was er weiss, hätte er der nationalen Sicherheit «irreparablen Schaden» zugefügt (wie offizielle Stellen betonen). Nun wird in seinem Fall ermittelt und untersucht. Der frühere Schwiegersohn des früheren Freundes kommt nicht vor. Die Verbindung macht zwar neugierig, ist aber nicht wichtig.

Die wichtigere Frage ist: Wie konnte eine Person wie Tannenbaum Oberst werden? Wie kommt es, dass Horew, einer der bestbezahlten Beamten Israels, nicht gefeuert wird? Ausserdem: Wenn hunderte von «Terroristen» für einen lebenden Gauner und drei tote Soldaten entlassen werden können, vielleicht war dann ihre Haft für die Sicherheit des Staates gar nicht wirklich nötig? Vielleicht ist die andauernde Verwahrung von 7000 weiteren sinnlos?

Horew und Co. ärgern sich über Tannenbaum, weil er ihre Inkompetenz enthüllt hat. Aus dem gleichen Grund ärgern sie sich über Mordechai Vanunu. Er war ein kleiner Techniker im Nuklearreaktor Dimona – einem Ort, der lange Zeit so geheim war, dass nicht einmal seine Existenz erwähnt werden durfte. An diesem bestgeschützten Ort Israels machte Vanunu Fotos. Dann ging er ins Ausland, wurde Buddhist, konvertierte zum Christentum (oder umgekehrt) und überreichte seine Informationen und Fotos einer britischen Zeitung. Aufgrund dieser Information stellten Wissenschaftler fest, dass Israel 200 Atombomben hat. Die Enthüllung war glaubwürdig und stärkte auch ohne offizielle Bestätigung Israels Abschreckung. Das passte der Regierung anfangs gut, doch stellte Vanunu für den damaligen wie heutigen Sicherheitsapparat (geleitet vom oben erwähnten Horew) einen katastrophalen Fehlschlag dar. Die Reaktion war drastisch: Vanunu wurde in Rom gekidnappt und in einer Kiste nach Israel gebracht. Jahrelang wurde Vanunu im Gefängnis in totaler Einzelhaft gehalten. Jetzt, wo er seine komplette Strafe abgebüsst hat, will man ihn nicht entlassen, weil er sogar heute – nach zwanzig Jahren – noch immer im Besitz von Informationen sei, die den Staat gefährden könnten. Mit einem ähnlichen Argument weigern sich die US-Sicherheitsdienste, Jonathan Pollard zu entlassen, der für Israel spioniert und eine lebenslange Gefängnisstrafe erhalten hat. Sie glauben, Pollard kenne einen israelischen «Maulwurf» in den höchsten Rängen der US-Administration, der ihm gesagt habe, welche Dokumente er stehlen und nach Israel bringen solle.

Tannenbaum, Vanunu, Pollard – all dies sind faszinierende Geschichten, nützlich für die Auflage der Medien. Und noch wichtiger: Sie ziehen die Aufmerksamkeit von den wirklichen Bedrohungen ab: vom monströsen Mauerbau in den besetzten Gebieten, von Scharons Plan, mehr als die Hälfte der Westbank zu annektieren, von den andauernden Bemühungen, die palästinensische Behörde zu zerstören, von der täglichen blutigen Gewaltspirale mit gezielten Tötungen, Ermordungen, Racheakten und der Zerstörung aller Chancen für den Frieden.

Wer denkt noch darüber nach? Wer beschäftigt sich noch damit? Es ist viel erfreulicher, um den Baum zu tanzen: «O Tannenbaum, o Tannenbaum ...»