Hundeleben : «Isle of Dogs»
Bis vor kurzem hätte ich gesagt:«Isle of Dogs» ist einer meiner Lieblingshundefilme. Bis vor kurzem war ich auch der Meinung, es sei ein japanischer Film. Alles falsch. Alles ein bisschen peinlich. Trotzdem hat der Film Charme.
In der fiktiven japanischen Stadt Megasaki City bricht eine Seuche aus, das Schnauzenfieber. Um die Menschen zu schützen, lässt der Bürgermeister die Hunde auf eine kleine Insel verfrachten: Trash Island ist eine Mülldeponie mit vielen Ratten und bald auch vielen Hunden. Die Hunde sind abgemagert, kämpfen in aggressiven Rudeln gegeneinander. Chief, ein alter Streuner, versucht, ein Rudel zu organisieren. In seiner Truppe sind Hunde, die früher ein verwöhntes Leben geführt hatten, bis die Deportation sie erwischte. Chief will ihnen beibringen, Widerstand zu leisten. Dann crasht ein kleiner Junge mit seinem Flugzeug auf der Insel. Er sucht seinen Hund Spots, der als einer der ersten Hunde auf die Insel deportiert wurde.
Der Junge ist der Mündel des Bürgermeisters. Das Rudel um Chief begreift, was der Junge will, und hilft ihm bei der Suche nach Spots. Die Hunde und der Junge kämpfen sich durch die Müllhalden. Der Bürgermeister, der eigentlich alle Hunde ausrotten möchte, erfährt, was sein Mündel auf der Insel treibt. Er will ihn zurückholen. Die aufmüpfigen Hunde lässt er mit Überwachungsdrohnen und Kampfrobotern bekämpfen. Doch der Junge und die Hunde gewinnen. Am Ende wird Spots gefunden und eine Verschwörung aufgedeckt. Die Schnauzengrippe war nur erfunden. Die Bösewichte inklusive des Bürgermeisters kommen ins Gefängnis. Der tapfere Junge kehrt mit den Hunden zurück und wird Bürgermeister.
Der Film eröffnete 2018 die Berlinale. Die Kritiker:innen waren begeistert. Die «Süddeutsche Zeitung» titelte: «Zerzauste Hunde proben den Aufstand gegen den Faschismus». «Kinder und Hunde an die Macht!», schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Und die WOZ lobte die «aberwitzige Fabel über Diskriminierung und Demagogie». Das Besondere am Film: Die menschlichen Protagonist:innen sprechen nur Japanisch, es gibt keine Untertitel. Die Hunde reden in der Originalversion Englisch, respektive Deutsch in der deutschen Fassung. Ein bisschen schräg, aber auch interessant. Aufgrund der Mimik und der Intonation versteht man auch ohne Übersetzung, was die Menschen sagen. Dieser Trick verleitet dazu, den Film als japanisches Werk zu lesen.
Jedoch ist «Isle of Dogs» ein US-amerikanischer Film, gedreht von Wes Anderson. Das kapierte ich allerdings erst viel später. Schaut man genau hin, nervt plötzlich der versteckte, doch penetrante westliche Gestus. Der japanische Komponist Ryūichi Sakamoto sagte in einem Interview einmal über den Film: «Ich finde, er ist gut gemacht, seine Ästhetik meiner Meinung nach perfekt. Die Leute können ihn geniessen. Aber als Japaner ist es für mich wieder dasselbe: In alten Hollywoodfilmen wurde immer ein gemischtes Bild von Japanern, Chinesen, Koreanern oder Vietnamesen verwendet. Das ist ein falsches, stereotypes Bild von Asiaten. Deshalb kann ich es nicht ertragen.» Dem ist wenig hinzuzufügen. Anderson hat seinen Film unnötig kaputt gemacht. Der Film hätte in einem Fantasieland mit eigener Sprache spielen sollen. Aber wer weiss, vielleicht hätten dann die schwatzenden Hunde genervt. Das Angenehmste an Hunden ist schliesslich, dass sie nicht reden.
WOZ-Redaktorin Susan Boos hält seit über vier Jahrzehnten Hunde. In der Kolumne «Hundeleben» schreibt sie über das Vermenschlichte am Hund und das Politische im Tier. Die Serie erscheint jeden Mittwoch auf woz.ch.