Frag die WOZ : Sein inneres Kind lieben?
«Wie liebt man sein inneres Kind?»
I. B., per Instagram
Das ist keine uninteressante Frage, aber viel interessanter ist doch: Liebt dein inneres Kind dich?
Wenn die Rede vom inneren Kind ist, landen wir schnell in der Populärpsychologie, zum Beispiel bei Stefanie Stahl, der Königin der deutschen Ratgeberliteratur. Das Motiv des inneren Kindes gibt es zwar schon länger, in einer Urform bereits bei C. G. Jung, etwas ausformulierter dann beim kanadischen Psychiater Eric Berne, der in der menschlichen Psyche ein Eltern-Ich, ein Erwachsenen-Ich und ein Kindheits-Ich ausmachte.
Stahl, die mit «Das Kind in dir muss Heimat finden» eines der erfolgreichsten deutschen Sachbücher aller Zeiten geschrieben hat (526 Wochen auf der «Spiegel»-Bestsellerliste) und jetzt auch Podcasts und eine eigene Onlineakademie betreibt, knüpft daran an. Sie spricht von einem «Schattenkind», es steht für negative Prägungen und Verletzungen, und einem «Sonnenkind», es steht für Stärken und Lebensfreude. Das reflektierte Erwachsenen-Ich soll nun das Schattenkind trösten und das Sonnenkind aufblühen lassen.
Aber erstens erinnert «Sonnenkind» etwas gar fest an Rudolf-Steiner-Schule. Und zweitens ist das hier doch keine Ratgeberkolumne.
Wieso nicht ein interessantes Stück Kultur zu Hilfe nehmen? 1998 hat das schottische Duo Boards of Canada ein Album veröffentlicht, das heute als Meilenstein der elektronischen Musik gilt. Es trägt den poetischen und ziemlich cleveren Titel «Music Has the Right to Children». Man kann das als Anspruch interpretieren: Wie sollte Musik klingen, die wir hören, als wären wir Kinder?
Das Album wird der Musikströmung zugerechnet, die mit dem Kulturtheoretiker Mark Fisher als Hauntologie bezeichnet wird: Musik, die klingt, als würde sie von Geistern aus der Vergangenheit heimgesucht. Boards of Canada erreichen diesen Effekt mit analogen Sounds, die klingen, als würden sie von einem beschädigten alten Tonträger abgespielt. Ein wichtiger Referenzpunkt für das Duo sind die oft von einem optimistischen Blick in die Zukunft geprägten Dokumentationen des National Film Board of Canada, die in den sechziger und siebziger Jahren an kanadischen Schulen gezeigt wurden. Wir sollen uns beim Hören dieser Musik also fühlen wie ein Kind, das in eine strahlende Zukunft blickt.
Aber Theorie beiseite. Und Hand aufs Herz: Vielleicht geht es heute weniger darum, dass wir uns alle mit unserem inneren Kind in Verbindung setzen, sondern darum, wieder mal ein Stück strahlende Zukunft zu entwerfen, über das wir uns freuen wie ein Kind.
Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!