Hundeleben: Geschenktes halbes Jahr

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Ein Hund kostet. Als junge Frau hatte ich nie viel Geld, eigentlich gar keins. Hundefutter, Hundesteuer und Tollwutimpfung liessen sich gerade noch kalkulieren. Bis Cizre kam, ein riesiger Bobtail, auch er aus dem Tierheim. Als er etwa zwei Jahre alt war, kratzte er sich fast das Fell vom Leib. Überall zeigten sich kleine blutige Stellen. Die erste Tierärztin verschrieb Kortison, was nicht half. Der zweite fand: Vielleicht Allergien? Er schlug vor, das Tier zu testen: Auf acht von zehn Allergenen reagierte der Hund. Der Tierarzt sagte, das lasse sich mit einer Desensibilisierungskur behandeln. Dem Körper würden kleinste Dosen der Allergene gespritzt, jede Woche eine Spritze, die man dem Tier selber verabreichen könne. Mindestens ein Jahr lang, dann verschwänden die Allergien. Fand ich gut – bis die Rechnung vorlag: Die Behandlung kostete etwa 1500 Franken. Ich war platt und pleite.

Cizres Allergien verschwanden nie ganz, aber es liess sich damit leben. Als er zehn Jahre alt war, hatte er plötzlich keine Kraft mehr. Er konnte kaum mehr fünf Minuten gehen. Die Tierärztin untersuchte ihn – Diagnose: Leukämie. Sie fragte, ob ich ihn therapieren wolle. Wie bitte? Chemotherapie halt.

Bei Hunden lässt sich längst alles behandeln, was man bei Menschen auch macht. Eine Chemo für einen grossen Hund kostet vielleicht um die 3000 bis 5000 Franken. Ein neuer Hund wäre billiger, doch solch makabre Scherze soll man tunlichst meiden, weil viele Hundehalter:innen da wenig Spass verstehen.

Cizre bekam seine Chemo tatsächlich nicht. Aber nicht wegen der Kosten, sondern weil er mir leid tat, weil Chemo eine Qual ist und weil die Therapie die Lebenserwartung des Tiers nur minim verlängert hätte. Am Ende geschah jedoch etwas Wundersames. Ein Freund von mir hatte einen Onkel, der im Ausserrhodischen als Naturheilpraktiker wirkte. Der mischte eine geheime Tinktur für das leukämiekranke Tier. Cizre bekam die Tropfen, und sein Zustand verbesserte sich verblüffend. Der Hund spazierte wieder durch die Gegend, gemächlich zwar, aber gut gelaunt. Er frass auch wieder, was stets ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass es dem Tier besser geht.

Nach einem halben Jahr brach der Bobtail zusammen und starb noch am selben Tag. Keine Ahnung, was in den Tropfen war – doch sie bescherten dem Hund ein zusätzliches, vergnügtes halbes Jahr und uns die Erkenntnis, dass die Naturmedizin Dinge in petto hat, die sich nicht mit dem Placeboeffekt erklären lassen.

WOZ-Redaktorin Susan Boos hält seit Jahrzehnten Hunde. In ihrer Kolumne schreibt sie über das Vermenschlichte am Hund und das Politische im Tier. Die Serie erscheint jeden Mittwoch auf woz.ch.