Zusammenhalt in Sarajevo: Die Hand bleibt ausgestreckt
Jakob Finci rettete während des Bosnienkriegs wohl Tausenden Menschen das Leben und versuchte anschliessend, das Land wieder zu versöhnen. Dreissig Jahre nach dem Dayton-Abkommen sind die Gräben immer noch tief.
Die Sache mit der Versöhnung, sagt Jakob Finci, sei kompliziert. Im Christentum möge es reichen, um Vergebung zu bitten und Abbitte zu leisten. «Im Judentum hingegen, genau wie im Islam, ist es notwendig, dass die andere Seite die Bitte um Vergebung auch annimmt.» Der Mann, der das sagt, hat sein Leben dem Versuch gewidmet, ein ganzes Land zu versöhnen. Sein Land, Bosnien-Herzegowina.
Jakob Finci sitzt an einem Konferenztisch in seinem Büro im Jewish Community Center am Rand der Altstadt Sarajevos, ein kleiner Mann mit Einstecktuch im Jackett. Er ist 82 Jahre alt, Präsident der jüdischen Gemeinde der Stadt und hat vermutlich einigen Tausend Menschen das Leben gerettet. Er hat Medikamente ins belagerte Sarajevo geschmuggelt und dafür dem Tod ins Auge geschaut. Und er hat nach dem Krieg die Hand ausgestreckt, als viele noch auf Rache sannen. Bis heute treibt ihn die Frage um: Wie kann eine Gesellschaft wieder zusammenfinden, nachdem sie sich das Schlimmste angetan hat?
Finci lässt jetzt erst einmal Kaffee bringen – schwarz und stark, bosnische Art –, sagt, nichts verbinde die Menschen in diesem Land so sehr wie der Kaffee.
Als Jude nicht Kriegspartei
Geboren wurde Finci 1943 in einem italienischen Konzentrationslager auf der Insel Rab im heutigen Kroatien als Kind jüdischer Eltern aus Sarajevo. 9000 Jüd:innen waren zuvor von den kroatischen Faschisten aus der Stadt verschleppt und ermordet worden, auch Rom:nja und Serb:innen wurden massenhaft umgebracht. Kurz vor Fincis Geburt hatten kommunistische Partisanen das Camp befreit. Seine Geburtsurkunde sei mithilfe einer geschnitzten Kartoffel rot gestempelt worden, ein fünfzackiger Stern. Der Beginn der jugoslawischen Republik.
Finci studierte Jura, arbeitete für Jugoslawiens erfolgreichstes Unternehmen Energoinvest, reiste nach Äthiopien und Kenia, lebte jahrelang im Ausland, bekam zwei Söhne. Dass sie Juden waren, sagt Finci, habe damals noch keine Rolle gespielt. Als 1984 die Olympischen Winterspiele nach Sarajevo kamen, wurde er Direktor der Bobbahn. Goldene Zeiten seien das gewesen. Nie mehr sei die Stadt so sauber, so freundlich, so vereint gewesen wie damals.
Nicht einmal acht Jahre später versank Sarajevo im Krieg. Sah er es kommen?
Im Sommer 1991, erzählt Finci jetzt, habe er eines Sonntags mit der Familie am Esstisch gesessen. Der Sozialismus war Geschichte, Slowenien hatte gerade seine Unabhängigkeit erkämpft, auch im Rest Jugoslawiens gewannen nationalistische Bewegungen an Einfluss. Er habe seinem Sohn geraten, das Land zu verlassen. «Ich sagte: ‹Du wirst in die Armee eingezogen, und dann musst du gegen deine Freunde kämpfen, die auf der anderen Seite stehen.›» Sein Sohn floh nach Israel, wie Hunderte nach ihm.
In dieser Zeit belebte Finci die traditionsreiche jüdische Hilfsorganisation La Benevolencija wieder. Sie sollte sich eigentlich bloss um die Armen und Kranken in der jüdischen Gemeinschaft kümmern. Aber der Krieg näherte sich mit rasender Geschwindigkeit. Finci sagt, er habe beschlossen, mittels der Hilfsorganisation so viele Medikamente wie möglich zu besorgen. Auch Bohnen, Reis und Öl hätten sie gekauft.
Ab April 1992 evakuierte Finci mehrere Hundert jüdische Kinder sowie viele Alte mit gecharterten Fliegern nach Israel. Er selbst aber war damals gerade zum Präsidenten der jüdischen Gemeinde gewählt worden. Finci sagt, sie hätten ihm das Vertrauen geschenkt. Also blieb er. An jenem Tag habe er in seinem Garten gesessen, die Sonne habe geschienen, und er habe zu seiner Frau gesagt: «Es wirkt so friedlich. Vielleicht war es ein Fehler, alle wegzuschicken.»
Nur einen Tag später begannen serbische Truppen die Blockade Sarajevos. In Panik plünderten die Einwohner:innen die Geschäfte, auch die Apotheken. Die verbliebenen Alten aus der Gemeinde hätten ihn um Medikamente angefleht, gegen Bluthochdruck oder Diabetes. «Wir haben am Eingang des Gemeindezentrums einen Tisch aufgestellt und Pillen verteilt.» Die «jüdische Apotheke» von Sarajevo war geboren.
Von den rund sechzig Freiwilligen der Hilfsorganisation habe der Grossteil aus muslimischen Bosniakinnen, Kroaten und Serb:innen bestanden. Er sagt, in dieser Zeit habe Freundschaft mehr gezählt als ethnische Zuschreibung. Die wichtigste Regel habe gelautet: Frage nicht nach dem Namen, gib jedem, was er braucht. In den Jahren der Belagerung wurde Fincis Apotheke weltberühmt.
Für Kroatinnen oder Bosniaken war es in dieser Zeit unmöglich, die Stadt zu verlassen. Rings um Sarajevo lauerten serbische Soldaten. Nur Finci konnte raus, weil er Jude war und in ihren Augen somit keine Kriegspartei. In einem alten Stadtbus fuhren er und wenige Helfer:innen über die Berge ans Mittelmeer, um neue Medikamente zu holen. Warum ist er damals nicht einfach geflohen? «Ich konnte die Menschen doch nicht im Stich lassen.»
Die Wahrheit der Opfer
Finci sagt, als der Frieden für Bosnien zwischen Serb:innen, Kroat:innen und Bosniak:innen im Herbst 1995 in der Stadt Dayton in den USA verhandelt und dann in Paris formell beschlossen worden sei, sei ihm zuerst die Stille aufgefallen. Keine Schüsse, keine Explosionen. Dann, als wieder Lebensmittel in die Stadt gekommen seien, sei er Kaffee trinken gegangen. Und dann versuchte er, sein Land wieder zusammenzubringen.
Gemeinsam mit Kolleg:innen reiste Finci durchs Land und sprach mit den Überlebenden. Er fragte: «Kannst du dir vorstellen, dich zu versöhnen?» – «Die meisten Leute haben geantwortet: ‹Ja. Wir wollen Versöhnung, wir wollen Frieden.›» Daraufhin gründete er den Verein zur Einsetzung der Wahrheits- und Versöhnungskommission. Sein Plan: Während in Den Haag ein Strafrechtstribunal die Täter bestrafen sollte, wollte Finci die Wahrheit der Opfer herausarbeiten. Die Geschichten von Menschen aus allen Gruppen sammeln, um ein Verständnis für die andere Seite herzustellen. Einen Strauss von Wahrheiten, die nebeneinanderstehen konnten. «Ich hatte wirklich Hoffnung, dass das gelingen könnte.»
Finci brachte mehr als hundert Organisationen und Politiker:innen zusammen, suchte die Aufmerksamkeit internationaler Unterstützer:innen. Er habe auch mit Vertreter:innen aller politischen Parteien gesprochen, sagt er. Auch die hätten ihm zunächst zugesagt, für die Kommission zu stimmen. Also schickte er einen Entwurf ans Parlament. Doch dann passierte: nichts. Sein Antrag verlief im Sand. Alle hätten nur ihren eigenen Einfluss sichern wollen, sagt Finci, ihr eigenes Narrativ als Hauptbetroffene dieses Krieges.
Fincis Plan scheiterte.
Draussen fallen weisse Flocken vor den den grauen Fassaden Sarajevos. Der Schnee liegt auf den Dächern und auf den schiefen Grabsteinen des jüdischen Friedhofs nur wenige Strassen weiter. Dort liegen jene begraben, die vor dem Zweiten Weltkrieg starben, und die wenigen, die das Glück hatten, den Holocaust zu überleben. Dort liegt auch Fincis Familie begraben, seine Eltern und seine Grosseltern.
Und dort verschanzten sich im Bosnienkrieg serbische Soldaten, um die Menschen im Tal zu erschiessen. Die Spuren ihrer Granaten sind noch heute an den Hauswänden sichtbar, wie Narben, die nicht heilen wollen.
Im Jahr 2008 ging Finci als Botschafter Bosnien-Herzegowinas in die Schweiz, liess sich dort zum Bobschiedsrichter ausbilden. Dabei hatte er einen neuen Plan geschmiedet. Ein Jahr nach seiner Ankunft in Bern sprach der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein historisches Urteil. Der Jude Jakob Finci und der Rom Dervo Sejdić hatten gegen ihren eigenen Staat geklagt. Nach dem Dayton-Abkommen durften nur Vertreter:innen der drei Kriegsparteien, Serbinnen, Kroaten oder Bosniak:innen, das Präsidenschaftsamt besetzen. Das widerspreche dem Gleichheitsvorsatz, argumentierten die Kläger. Im Dezember 2009 gaben ihnen die Richter:innen in Strassburg recht.
Finci sagt, die anderen Botschafter:innen hätten ihn gefragt: «Wie kannst du ein Land vertreten, gegen das du vor Gericht gezogen bist?» Aber niemand habe ihn deshalb angetastet. Er sagt, er habe diesen Prozess nicht gegen, sondern für sein Land angestossen. Wie ein Versuch, die Gesellschaft zur Versöhnung zu zwingen. 2012 kehrte er nach Sarajevo zurück. Doch das Urteil wurde nie umgesetzt, bis heute nicht. In seiner Stimme klingt Verbitterung mit, wenn er davon erzählt.
Neben sich auf dem Tisch hat Finci sein Smartphone liegen. Noch immer ist er gut vernetzt, kommuniziert per Mail und Whatsapp, kennt alle wichtigen Leute des Landes persönlich. Mehrmals die Woche spreche er per Videocall mit seinen Söhnen und Enkelkindern in den USA. Eine ganze Generation sei ins Ausland gegangen. «Ich werde wohl der letzte Finci sein, der in Sarajevo begraben wird.»
Bosnien-Herzegowina gehört heute zu den ärmsten Ländern Europas. Die Furcht vor einem Wiederaufflammen der ethnischen Konflikte ist gross. Wer kann, geht. Dreissig Jahre nach dem Dayton-Abkommen fühle sich das Land gespaltener an als je zuvor, sagt Finci. Niemand habe je um Vergebung gebeten. Alle sähen sich als Opfer, dabei seien alle Gewinner:innen, hätten Macht und politischen Einfluss. Warum macht er trotzdem weiter?
Er sagt, es gebe keine Alternative. Versöhnung brauche Zeit; wenn man die nicht habe, müsse man es trotzdem versuchen. «Wir leben in diesem kleinen Land zusammen. Wir müssen uns miteinander arrangieren.» Versöhnung nicht als Ziel, sondern als Prozess.
«Man behandelt uns anders»
An einem Freitag im November feiert die jüdische Gemeinde Sabbat. Es ist bereits dunkel draussen, Kerzen erhellen den kleinen Gebetsraum. Elf Erwachsene und drei Kinder setzen sich auf Holzstühle. Hundert aktive Mitglieder hat die Gemeinde heute gerade noch. Vorne steht der Chasan, der Vorbeter. Er schlingt sich das weiss-blaue Gebetstuch um die Schultern, wippt auf und ab und singt das Gebet. Dann stimmt die kleine Gemeinde mit ein. Ihre Stimmen erfüllen den Raum.
Am 7. Oktober 2023 griff die Terrororganisation Hamas Israel an, Israel antwortete mit grosser Härte. Seitdem, sagt Finci, sei in Sarajevo auch für Jüdinnen und Juden etwas gekippt. «Man behandelt uns anders als früher», sagt er. Im Juni musste die Europäische Rabbinerkonferenz ihr geplantes Treffen in der Stadt absagen. Mehrere Politiker hatten die Veranstaltung diffamiert, das Hotel stornierte die Buchung. Und der Direktor des Nationalmuseums beschloss, alle Einnahmen aus der Sonderausstellung der Sarajevo-Haggada, einer jüdischen Handschrift aus dem 15. Jahrhundert und Unesco-Weltdokumentenerbe, an palästinensische Hilfsprojekte zu spenden. «Warum spendet er nicht sein eigenes Geld?», fragt Finci. «Warum muss dafür jüdisches Erbe herhalten?»
Es klingt, als sei er persönlich davon angegriffen. Nach all dem, was er für die Stadt getan hat. Für einen Moment wirkt es so, als habe die Stadt Sarajevo den Juden Jakob Finci endgültig verloren.
Am Nachmittag hat Finci noch einen Termin: ein Treffen mit muslimischen Muftis, katholischen und christlich-orthodoxen Priestern. Es sind Mitglieder eines interreligiösen Rats, den Finci 1997 gegründet hat. Ein Gremium, das den Dialog zwischen den Religionen stärken soll. Trotz aller Konflikte im Land haben die Treffen nie aufgehört, mehr als hundert Mal kam der Rat bereits zusammen. Sogar die serbisch-orthodoxen Vertreter kehrten nach einer Pause in diesem Jahr zurück. Es ist ein kleines Wunder.
Vor zwei Jahren waren die serbisch-orthodoxen Vertreter unter Protest zurückgetreten, ein Imam hatte sich abfällig über die orthodoxe Kirche geäussert. Der Rat drohte zu zerbrechen. Es ist auch Jakob Finci zu verdanken, dass sie sich nun wieder treffen. Finci hat seine Hand zur Versöhnung immer ausgestreckt, manchmal greift jemand zu.