10.06.2004

Vage Visionen für den Hinterhof

Finanzpolitik, Tourismus und Verkehr prägen das Stadtbild von Lugano. Doch im Fokus der Planer steht der Vorort Cornaredo.

Von Ursina Trautmann

Eine Seepromenade, ein hübscher Park, eine herausgeputzte Altstadt und ein paar lauschige Hügel. So präsentiert sich Lugano den BesucherInnen. Doch hinter der mit Italianità angehauchten bürgerlichen Fassade macht sich zaghaft Aufbruchstimmung breit. Lugano hat am 2004 mit der Fusion von acht Gemeinden seine Wohnbevölkerung praktisch verdoppelt: Heute leben auf den rund 49 Quadratkilometern 52000 Menschen. Zuvor umfasste das Stadtgebiet knappe 12 Quadratkilometer. Aber was hat die Stadt dazu getrieben, sich ihre Nachbarinnen einzuverleiben? Auf der städtischen Internetseite bleibt das Fusionskonzept abstrakt: «Vor allem können wir eine bessere Rationalisierung und Verteilung der territorialen Ressourcen erwarten, auf finanzieller wie auf administrativer Ebene», begründen die Stadtbehörden ihren Schritt. Ein Blick in die jüngere Geschichte zeigt: Lugano setzt knallhart auf wirtschaftliche Interessen: «Was Geld bringt, ist erlaubt.»

Es kündete sich das 20. Jahrhundert an, als das Städtchen seine bäuerlichen Wurzeln definitiv hinter sich liess. Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie durch den Gotthard im Jahr 1882 erlebte der beschauliche Ort am See seinen ersten wirtschaftlichen Aufschwung. Bis 1910 wuchs die Stadtbevölkerung sprunghaft von 7000 auf 15000 Personen an. Antriebsfeder waren reiche bürgerliche Gäste aus Deutschland und England, welche in den renommierten Hotelpalästen am See und in den Luganeser Hügeln residierten, um Natur und Klima zu geniessen. Die Stadt erlebte eine erste grosse Transformation: Wasserleitungen wurden gebaut, elektrischer Strom hielt Einzug, Strassen wurden gepflastert, und ein Tramschienennetz führte bis in die abgelegenen Täler. Den Grundstein für den Fremdenverkehr hatten 1855 die Gebrüder Ciani mit dem Parkhotel gesetzt. Heute trägt die grüne Oase am See den Namen der beiden Pioniere: Parco Ciani. Lugano war zu jener Zeit auch Zufluchtsort für zahlreiche italienische Intellektuelle, die sich gegen die Vormachtstellung des österreichischen Königshauses wehrten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich in Lugano ein neuer Wirtschaftszweig: der Finanzsektor. Doch zur richtigen Blüte kam dieser erst in den sechziger und siebziger Jahren. Lugano wurde zum drittgrössten Finanzplatz der Schweiz nach Zürich und Genf. Einher gingen die zweite grosse räumliche Wandlung der Stadt und die erste Fusion mit Nachbargemeinden. Mit der Fusion 1972 gelangte einerseits der markante Monte Brè in die Planungsobhut der Stadt – mit Brè-Aldesago und Castagnola wurden jene Orte einverleibt, die heute mit Appartementbauten und Villen aus den siebziger und achtziger Jahren übersät sind. Der explodierende Immobilienmarkt hatte nach Bauland an bester Lage verlangt.

Dreissig Jahre später treibt wiederum die Planung die Stadtbehörden zur Fusion mit den Nachbargemeinden. «Die Vereinheitlichung der verschiedenen kommunalen Zonenpläne soll mehr Elastizität im Bauwesen bringen», deutscht der Stadtsprecher das abstrakte «Rationalisieren und Verteilen von territorialen Ressourcen» aus. Bisher verwalteten die Gemeinden die Stockwerkhöhen in Eigenregie. In Zukunft werden solche Entscheidungen im Municipio gefällt – jenem zum See hin neigenden Gebäude, wo seit zwanzig Jahren Sindaco Giorgio Giudici die Fäden zieht. Nicht etwa, dass er über das städtische Baudepartement herrschen würde. Dort darf Parteikollegin Giovanna Masoni Brenni walten, ihres Zeichens Anwältin und Schwester der in Bellinzona regierenden Finanzministerin Marina Masoni, Vertreterin des Tessiner Rechtsfreisinns wie der Stadtpräsident selbst. Giudici selbst steht an der Spitze der städtischen Industriebetriebe und sitzt in der Kommission des regionalen Verkehrsplans von Lugano. Dieser wiederum sieht einige zukunftsträchtige Projekte vor. Das grösste betrifft den nördlichen Vorort Cornaredo. Dort, wo sich heute das Fussballstadion, türkische Läden, Friedhof, Busdepot, ein Multiplex-Kino und vereinzelte Mehrfamilienhäuser befinden, wird sich dereinst über einen Verbindungstunnel zur Autobahn der Pendlerverkehr über Lugano ergiessen. Dadurch sollen die Scharen von PendlerInnen aus der Stadt hinaus und in die Stadt herein befördert werden. Der Korridor soll die Stadtmitte entlasten. Der 355-Millionen-Bau wird flankiert von einem Park-and-Ride-System.

Diese Pläne verändern die Optik auf Lugano – die Peripherie rückt ins Zentrum des Planerinteresses. Um die Entwicklung der neuen Eingangshalle von Lugano nicht dem Zufall zu überlassen und das Potenzial an unverbauter Fläche zu nutzen, hat die Stadt – auf der Urbanistikwelle mitschwimmend – einen Wettbewerb ausgeschrieben. Dreizehn Architekten, Stadtplaner und Ingenieure sind in der gegenwärtigen Phase dazu berufen, ihre Visionen für Cornaredo zu entwickeln. Doch was sich die Stadt genau wünscht, bleibt schleierhaft. Man habe verhindern wollen, dass in Lugano dasselbe geschehe wie in Locarno, sagt Wettbewerbssekretär Stefano Wagner. Durch den Umfahrungstunnel ist am Stadteingang von Locarno ein wildes Konglomerat von Verkehrskreiseln, Über- und Unterführungen entstanden, Lugano hingegen soll «eine machbare Vision» erhalten. «Wir sagen nicht, was wir wollen. Unser Ziel ist, zu erfahren, welche Funktion Cornaredo für Lugano haben könnte», sagt Wagner.

Bei allem zukunftsgerichteten Enthusiasmus, einige Veränderungen hat Lugano – abgesehen von der Fusion – in den vergangenen acht Jahren bereits erfahren. Es gibt einen neuen Busbahnhof, ein neues Kasino, eine expandierende Universität und seit vergangenem Jahr sogar wieder so etwas wie ein autonomes Jugendzentrum mitten in der Stadt. Die Ebenen und Hügel werden inzwischen von Velokurieren befahren, und morgens wagen sich einige Leute sogar mit dem Zweirad zur Arbeit. Im Bereich des öffentlichen Verkehrs steht die grosse Revolution zwar immer noch aus. «Die Parkgebühren im Zentrum sind noch immer billiger als ein Retourbillett mit dem Bus», merkte SP-Gemeinderat Nenad Stojanovic unlängst an. Und Alternativkultur gedeiht auf Luganos Humus nur beschwerlich. Im Kulturbetrieb dominieren die grossen Namen, deren Aufgabe es ist, Scharen von TouristInnen in die Stadt zu locken. Und das autonome Kulturzentrum im ehemaligen Schlachthaus wird es wohl auch nur so lange geben, bis städtische Gelder für ein neues, profitableres Projekt auf dem Areal gesprochen werden. Das Kasino, zu 65 Prozent in städtischem Besitz, flirtet wild mit italienischer Kundschaft und sponsert inzwischen Berlusconis Fussballklub AC Milan. Der neue Busbahnhof liegt mitten in der Stadt; Anschluss an die Bahn oder Regionalbusse ist hingegen nicht garantiert.

Doch Lugano zeigt hinter seiner polierten Fassade auch ein stark multikulturelles Gesicht. Die Stadt ist Bischofssitz, hat eine Synagoge, eine Moschee und einen muslimischen Friedhof. Und inzwischen ist es für den Hungrigen einfacher, zu einem Kebab als zu einem Stück Pizza zu kommen. Und trotz der eifrigen Bautätigkeit ist die Stadt grün geblieben. Bäume und Gesträuch wuchern aus allen Ecken und Enden – und erinnern an die Vorzeit. Der Name Lugano wird auf das lateinische Lucus zurückgeführt, gleichbedeutend mit Wald. Gut möglich, dass dieser das Städtchen am See irgendwann zurückerobern wird.

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