22.07.2004

Google-Journalismus

Von Lothar Baier

Seit 1989, steht im Umschlagtext des Buchs «Mythos Frankreich», wohne sein Autor, der 1960 in Zürich geborene Frankreich-Korrespondent Stefan Brändle, in Paris. Das wird schon so sein, nur fragt sich nach der Lektüre der Arbeit, ob jemand tatsächlich an der Seine leben muss, um als Buchautor nicht viel mehr als zwischen zwei Deckel geklemmten Kompilations-Journalismus zustande zu bringen. Was Brändle an Aussprüchen französischer Politiker, an Politikeranekdoten, an Wirtschaftsdaten, an Fait divers zusammengetragen hat, lässt sich heute bequem vom häuslichen Computer aus über Google abrufen, dazu braucht niemand in Paris zu hausen.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, gibt es keine eigenen Beobachtungen, kein neugieriges Hineinriechen in unterschiedlichste Orte, an denen sich etwas von der sozialen Temperatur einer Gesellschaft erfassen lässt; Kulturelles, von Literatur über Kino bis zu Chanson und Immigrantenrock, kommt erst recht nicht vor. Die Nachrichten aus Frankreich, die angeboten werden, stammen in der Regel aus zweiter und dritter Hand. Brändle spricht zwar gern, wie so viele seiner über Frankreich schreibenden Vorgänger, von französischer «Mentalität», die so anders sei als die der Nachbarn – aber er vermag sie und vor allem ihre Überlebenstechniken in einer sich radikal wandelnden europäischen Umwelt nicht sichtbar zu machen.

«Wenn Europa wirklich leben soll, muss es auch gelebt werden, sonst bleibt die Idee eine Idee», lautet einer der zahlreichen nichts sagenden Leitartiklersätze des laut Verlagsangabe eigentlich auf Wirtschaft spezialisierten Autors. «Modernisierung» ist ihm entsprechend ein teures Wort, nur fehlt bei ihm jede analytische Reflexion auf die Ambivalenz des abgenutzten Begriffs. Gut mainstream-konformistisch lässt er an den um Attac herum sich organisierenden «Altermondialisten» ideologisch wenig gute Haare, fragt sich jedoch keinen Augenblick, was deren zunehmende Resonanz politisch und auch gesellschaftlich bedeuten mag. Das Hauptmanko der Arbeit aber ist, dass sie die Entmythifizierung des «Mythos Frankreich» und verschiedener französischer Unter-Mythen verspricht, jede Diskussion des in ihr verwendeten Begriffs von Mythos aber schuldig bleibt.

Dies ist der letzte Text, den Lothar Baier vor seinem Suizid für die WOZ verfasst hat.

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