Produkt des Aufstiegs: Obdachlosigkeit

Die Obdachlosigkeit in Kalifornien ist wieder einmal zum Politikum geworden. Videos von verwahrlosten Camps finden in den sozialen Netzwerken viel Aufmerksamkeit. Floridas Gouverneur und aussichtsloser Präsidentschaftskandidat Ron DeSantis liess sich im Juni im Tenderloin District in San Francisco filmen. «Wir sind hier in der einst so grossartigen Stadt San Francisco. Wir sahen Menschen, die Heroin konsumierten, wir sahen Menschen, die Crack rauchten, die auf der Strasse ihre Notdurft verrichteten.» San Francisco, so DeSantis, sei «aufgrund der linken Politik kollabiert». Das Seltsame ist: Eben jene «unhoused individuals», die heute als visuelle Ikonen für den angeblichen Niedergang San Franciscos (und des kalifornischen Liberalismus) herhalten müssen, gab es schon zu Zeiten, als der Staat die Zukunft verkörpern sollte.

Die Obdachlosigkeit ist kein Symptom eines kalifornischen Niedergangs, nein. Sie ist das – fest mit einkalkulierte – Nebenprodukt des kalifornischen Aufstiegs.

Als ich nach Kalifornien kam, war ich, wie viele Neuankömmlinge, erschlagen von der Höhe der Mieten und den Hauspreisen. Als ich einen älteren Kollegen fragte, wie er sich so ein schönes Haus habe leisten können, sagte er mir, er habe, seit er in den frühen siebziger Jahren nach Palo Alto gezogen sei, nie länger als fünf Jahre in einem Haus gewohnt und es dann jeweils für das Doppelte des ursprünglichen Kaufpreises verkauft.

Wenn wir uns einmal vergegenwärtigen, wie ein Gut so konstant seinen Wert steigern kann, dann muss es begrenzt verfügbar sein. Wohl auch deshalb wurde in Kalifornien seit Mitte des letzten Jahrhunderts weniger gebaut, als Bedarf da war. Aus Prinzip. 

In seinem fulminanten Buch «City of Quartz» hat Mike Davis einst auf das Beispiel der gigantischen Irvine Ranch im südkalifornischen Orange County verwiesen. Das ursprüngliche Latifundium wurde in kleinen Segmenten «entwickelt» – sowohl um den Wert des Grundes nicht zu schmälern als auch um den Hauskäufer:innen (sprich Investor:innen) eine konstante Wertsteigerung versprechen zu können. Häuser in Irvine waren nie nur Domizile, sie waren Investitionsvehikel, Altersvorsorge, steuerbegünstigte Erbteile für die Nachkommen. Und die Gebäude im Tenderloin District, in dem sich DeSantis mit seinem Kamerateam aufstellte, waren bewusst für Menschen konzipiert, die hier nicht auf Dauer leben können sollten – zuerst für die Bauarbeiter, die nach dem Erdbeben 1906 die Stadt wieder aufbauten. Später für  jede Menge Migrantinnen, Einwanderer, Sexarbeiter:innen oder die LGBTQ+-Community. 

Obdachlosigkeit ist die Kehrseite dieses Versprechens: Damit irgendein unschönes Eigenheim in einer lieblos dahingeklatschten Wohnsiedlung trotzdem seinen Wert steigert, als läge es gegenüber der Pariser Oper, muss Wohnraum Mangelware sein. Das reine Sichniederlassen muss also zum Privileg werden. Seit es den kalifornischen Eigenheimtraum gibt, klagt der Hausbesitzer über Obdachlose, die ja möglicherweise den Wert des eigenen Wertobjekts schmälern könnten. Und schon seit jeher will diese Gesellschaft partout nicht einsehen, dass die vor ihren Villen zeltenden Gestalten die Konsequenz ihrer eigenen Wertsteigerung sind.

Man tut immer so, als seien die obdachlosen Mitbürger:innen Aliens – mit Bussen herangekarrt aus republikanisch dominierten Bundesstaaten, von reichen, linken Städten und ihren Sozialsystemen angezogen. In Wahrheit handelt es sich beim Grossteil dieser Menschen um langjährige Einwohner:innen jener Städte, durch deren Strassen sie jetzt ihre gekaperten Einkaufswagen schieben – nur dass ihre vorübergehende Bleibe den Eigentumswohnungen derer gewichen ist, die jetzt über den «Kollaps» der Stadt klagen.

Immer freitags lesen Sie an dieser Stelle die Kolumne unseres Gastautors Adrian Daub. Der Autor, Kritiker und Literaturwissenschaftler lehrt als Professor für vergleichende Literaturwissenschaften und Germanistik an der Universität Stanford. Er lebt in San Francisco und Berlin.